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Nach der Party kommt der Bus

Der Moonliner fährt Nachtschwärmer wieder nach Hause – vor allem Junge, die in der Stadt ausgehen, aber in der Provinz wohnen.

Nachteulen: Chrigu (l.) und Rafael sind nicht auf dem Heimweg, sondern wollen in Thun ausgehen.
Nachteulen: Chrigu (l.) und Rafael sind nicht auf dem Heimweg, sondern wollen in Thun ausgehen.
Walter Pfäffli
Waren auf  Auslandsreisen: Julia (l.) und  Ricarda.
Waren auf Auslandsreisen: Julia (l.) und Ricarda.
Walter Pfäffli
Chauffeur Michael Schärer fährt auch mal eine Schlaufe für seine Fahrgäste.
Chauffeur Michael Schärer fährt auch mal eine Schlaufe für seine Fahrgäste.
Walter Pfäffli
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Bern ist menschenleer und leuchtet orange im Schein der Strassenlaternen: Es ist Freitagnacht, 2 Uhr und Gurtenfestival. Auf dem Berg herrscht Gedränge, auf den Strassen um den Bahnhof ist es still. Zwischendurch karrt ein Bus eine Wagenladung Festivalbesucher heran, die sich auf den Bahnhofplatz ergiessen.

Vor der Ochsner-Sport-Filiale auf Perron M wartet der Bus M15, Fahrziel Thun via Münsingen. Hinter dem Steuer sitzt Michael Schärer, Nachtbuschauffeur seit Mai 2016. «Die Spätdienste sind gäbig für mich», sagt er und meint auch jene unter der Woche, die weniger lang dauern als die Moonliner-Schichten. Auf sie folgen freie Vormittage, welche es dem jungen Vater ermöglichen, die noch kleinen Kinder zu betreuen. «Ich bin aber auch nicht wirklich der Frühaufsteher», sagt Schärer und lacht.

Schärer wird später sagen, dass es auch Nächte gebe, in denen er sich frage: Warum mache ich das? wenn jede und jeder über den ­Billettpreis jammert, wenn die Fahrgäste Müll liegen lassen oder in den Bus kotzen. Aber heute Nacht ist es ruhig, eine der Nächte, in denen, wie Schärer sagt, «kein Papierli» liegen bleibt.

Von der Stadt in die Provinz

Der Moonliner ist das Bindeglied zwischen Stadt und Land schlechthin – zumindest für junge Menschen, die in der Stadt ­ausgehen wollen. 43 Linien verkehren in den Regionen Bern, Biel, Solothurn, Thun und Berner Oberland und erschliessen oft nicht nur die Städte selbst, sondern fahren in die ländlichen Einzugsgebiete. Auch der M15 biegt ausgangs Bern nicht auf die Autobahn Richtung Thun ein, sondern fährt nach Muri und wird später in Orten wie Kiesen und Oppligen halten.

263'500 Personen hat Moon­liner im letzten Jahr befördert, 257'200 davon an den Wochen­enden, die restlichen in den Nächten von Donnerstag auf Freitag. Wer ausgehen, aber nicht auf den letzten Zug hetzen, wer nicht die Nacht durchzechen oder ein teures Taxi bezahlen will, nimmt den Nachtbus. Dieser ist zwar teurer als die S-Bahn, fährt dafür bis spät in die Nacht. Das Moonliner-Ticket von Bern nach Thun kostet 17 Franken, ein Zugbillett 8.30 Franken. Für ein Taxi bezahlt man für diese Strecke rund 110 Franken.

Der Bus füllt sich. Die helle Innenbeleuchtung lässt die Müdigkeit auf den Gesichtern sichtbar werden, es riecht schwach nach Döner. Überraschend wach wirken Julia und Ricarda. Die beiden kommen nicht vom Gurten, sondern sind auf der Heimreise von unterschiedlichen Auslandsreisen, Ricarda hält einen sperrigen roten Koffer fest. Sie haben sich für ein Wiedersehen in Bern verabredet, haben vor der Reitschule gesessen und sind später durchs Marzili spaziert. «Es ist ziemlich tot in der Stadt», sagen beide. Mit dem Moonliner fahren sie öfter, Julia nimmt jedoch auch regelmässig das Velo. In Muri steigen die beiden aus.

Fahrstil: «Ein wenig illegal»

Im vorderen Teil des Busses sitzen Nicola und Dario, zwei blonde junge Männer, Festivalgänger, beide haben eben ihre Lehre abgeschlossen. «Der Moonliner ist schon sehr teuer», sagt Nicola, «aber ich bin eigentlich froh, fährt überhaupt etwas.» Während des Gurtenfestivals nutze er den Bus jede Nacht, er wohnt in Rubigen. Ausserdem habe der Moonliner durchaus Unterhaltungswert: «Man trifft alte Bekannte wieder – auch solche, die man nicht wirklich sehen will – oder macht neue, merkwürdige Bekanntschaften.»

Der Moonliner, erklärt Dario, sei in der Hinsicht so etwas «wie die alternative Taxibar»: ein Ausgehlokal in der Berner Altstadt, das für hochprozentige Drinks und nächtliche Intermezzi berüchtigt ist. Auch der Fahrstil, da sind sich die beiden einig, sei oft «ein wenig illegal». Und sie erzählen von einer Vollbremsung in der letzten Nacht, die den ganzen Bus aus dem wohlig-alkoholisierten Halbschlaf gerissen habe. Auch heute dösen die meisten Reisenden oder starren durch die Busfenster in die Dunkelheit. Ein junger Mann wankt, sichtlich angetrunken, durch den Bus und fragt nach einer Zigarette. Er steigt – ohne Zigarette – in Münsingen aus.

Mit dem Bus in den Ausgang

Wichtrach, der Bus hält. Niemand steigt aus, zwei Männer steigen zu. Rafael und Chrigu, sie waren bei Freunden zu Besuch – «sonst kann man hier glaub wenig machen» – und fahren nun nach Thun. «In den Ausgang», erklärt Chrigu – in Thun laufe immer etwas. Es ist kurz vor 3 Uhr. Der Bus rollt jetzt durch Steffisburg, vorbei an Autogaragen und wuch­tiger Kreiselkunst. Eingangs Thuns steigen auch Chrigu und Rafael aus dem Bus. Am Bahnhof ist Endstation. Chauffeur Schärer schliesst die Türen hinter einer jungen Frau und lehnt sich im Fahrersitz zurück, es ist 3.20 Uhr. «An einem Samstag würde ich jetzt noch zurück nach Bern fahren.»

Weshalb – nebst den für ihn günstigen Arbeitszeiten – fährt man Wochenende für Wochenende angetrunkene Menschen heim? Schärer überlegt einen Moment. Man müsse die Menschen schon gern haben. «Aber ich freue mich, wenn ich etwas Gutes tun kann und die Leute dankbar sind.» Er sei schon eine Schlaufe gefahren, damit eine junge Frau schneller zu Hause sein würde. Manchmal müsse man auch bei den Billetts ein Auge zudrücken, «ein wenig gummig muss man sein». Wer immer streng nach Reglement, immer gegen die Leute sei, habe es schwer.

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