Nichtstun mit Niklaus

Bern

Ruhe suchen. Innehalten. In sich gehen. Dazu fordert eine interaktive Ausstellung auf dem Waisenhausplatz auf. In Erinnerung an den mittelalterlichen Mystiker Niklaus von Flüe wird Besuchern ein unerwartetes Erlebnis ermöglicht.

Hand in Hand in Richtung Stille: Besucher vor dem Pavillon der interaktiven Wanderausstellung «Niklaus von Flüe – Unterwegs» in Bern.

Hand in Hand in Richtung Stille: Besucher vor dem Pavillon der interaktiven Wanderausstellung «Niklaus von Flüe – Unterwegs» in Bern.

(Bild: Susanne Keller)

Fünf Minuten sind eine lange Zeit. Dies klingt sonderbar, ist aber wahr. Natürlich: Ist man in den Alltag eingebunden, zerrinnen sie blitzschnell. Sitzt man allerdings auf einem schlichten Hocker und hat bloss eine Holzwand vor Augen, nimmt man plötzlich jede Sekunde einzeln wahr.

Doch warum sollte man das tun? Weil auf dem Berner Waisenhausplatz bis heute Abend ein Pavillon steht, in dem sich die interaktive Ausstellung «Niklaus von Flüe – Unterwegs» befindet. Diese soll an die Werte des Obwaldner Mystikers und Einsiedlers Niklaus von Flüe (Bruder Klaus) erinnern, der vor 600 Jahren geboren wurde und bis heute für sein Wirken als Friedensbotschafter und Ratgeber bekannt ist.

Der Pavillon tourt durch die Schweiz, informiert Besucher über die wichtigsten Lebensstationen des mittelalterlichen Mystikers und fordert sie anschliessend dazu auf, für einen Moment aus unserer leistungsorientierten Lebenswelt auszutreten, um sich auf sich selbst zu besinnen. Denn nur durch die Reduktion auf das Wesentliche merke man, was wirklich wichtig sei.

Will man sich auf das Experiment einlassen, braucht man dreissig Minuten Zeit. Am Ende hat man die Gelegenheit, einen Text über das eigene Erlebnis zu schreiben, den man anschliessend direkt in eine Kupferkugel wirft, die am Bruder-Klaus-Wallfahrtsort im obwaldnerischen Sachseln aufbewahrt wird. Erst in 100 Jahren wird sie wieder geöffnet.

Die halbe Stunde ist eine Investition, die sich lohnt. Während der ersten Viertelstunde tut man zuerst nichts. Das Einzige, was von der Aussenwelt in den Pavillon dringt, sind ein paar Geräusche von der Strasse. Für die folgenden zehn Minuten, in denen es nach mehreren Raumwechseln zu einer Begegnung mit einer Bruder-Klaus-Figur kommt, werden einem Schuhe und Tasche abgenommen. Während der ganzen Zeit ist man ganz allein mit sich selbst und seinen Gedanken.

Zugegeben: Das hat etwas Beunruhigendes, weil man sonst eigentlich nie nichts tut. Schon nur, wenn man eine Mahlzeit allein einnimmt, hat man meist das dringende Bedürfnis nach Unterhaltung. Man blättert zum Essen in einer Zeitung, setzt sich vor dem Fernseher oder beschäftigt sich mit dem Smartphone. Aber die reine Stille zu ertragen, die ganze Aufmerksamkeit auf das Essen und die eigenen Gedanken zu lenken, fällt schwer.

Dennoch ist es bereichernd, in der Stille festzustellen, dass 25 Minuten eine kleine Ewigkeit sind. Die äussere Ereignislosigkeit bietet einem die Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, die in der alltäglichen Hektik sonst untergehen. Plötzlich fallen einem sonst übersehene Details wie die Struktur des Holzes auf. Und man kommt auf die Vorstellung von mittelalterlichen Menschen, die sich in unserer Lebenswelt zurechtfinden müssen. Was sie wohl von unserem Zeitalter der ständigen Reizüberflutung halten würden?

«Niklaus von Flüe – Unterwegs»: noch heute in Bern, 12 bis 19 Uhr, unterer Waisenhausplatz. Anschliessend an anderen Orten: www.mehr-ranft.ch/unterwegs.

Berner Zeitung

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