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Not kennt keine Ferien

Ausgerechnet während der Festtage laufen die Drähte heiss bei der Dargebotenen Hand. Ein Besuch bei der Berner Regionalstelle.

Der Berater Gerome arbeitet seit fünf Jahren bei der Dargebotenen Hand – anonym.
Der Berater Gerome arbeitet seit fünf Jahren bei der Dargebotenen Hand – anonym.
Christian Pfander

«Telefon 143, guten Tag.» Um 9 Uhr früh ist bei der Dargebotenen Hand Bern bereits ein Telefonberater im Einsatz. Seine Stimme klingt warm und ein­ladend. Während der Festtage sind die Leitungen besonders stark ausgelastet.

«Wir haben gestern über siebzig Anrufe erhalten. Sonst sind es es im Schnitt fünfzig bis sechzig», sagt Rita Suppiger, Leiterin der Berner Regionalstelle. Die ausgebildete Sozialarbeiterin war vor ihrer Anstellung beim Sorgentelefon unter anderem in verschiedenen Funktionen für den Bund und in der Psychiatrie tätig. Sie weiss: Für viele Menschen bedeutet Weihnachtszeit Krisenzeit.

Sie wählen 143, weil der Geschenkekauf ihre finanzielle Not verschärft oder weil sie den Wert des Geschenks mit dem eigenen für die Gesellschaft durcheinanderbringen. Weil während der Feiertage das Fehlen von Nähe und menschlicher Wärme noch mehr wehtut als sonst. Oder im Gegenteil: weil die Tage zwischen Heiligabend und Neujahr zu viel Nähe bringen – mehr, als für viele tragbar ist. «Familienbesuche und die daran geknüpften Erwartungen, das Aufrechterhalten einer heilen Welt, die gar nicht existiert – all das kostet viel Kraft und kann Stress auslösen», sagt Suppiger.

Anonymität gilt für jeden

Als Leiterin der Berner Regionalstelle ist Rita Suppiger das Gesicht der Dargebotenen Hand in der Öffentlichkeit. Sie empfängt uns am Sitz im Länggassquartier, die genaue Adresse bleibt auf Wunsch ungenannt – «zum Schutz vor ungewollten Besuchen, vor zu viel Nähe». Die Anonymität, eine der Grundprin­zipien der Dargebotenen Hand: Sie schützt nicht nur den An­rufer, sondern auch die Mitarbeitenden.

Drinnen gibt es viel Platz. Ein grosses Sitzungszimmer, dann zwei Beratungszimmer; beides lichtdurchflutete Räume, in de­nen die Beraterinnen und Be­rater im 24-Stunden-Schichtbetrieb während 365 Tagen mit dunklen Gedanken konfrontiert werden. Am häufigsten wollen die Anrufer über ihre Probleme bei der Alltagsbewältigung sprechen, über psychische Leiden, Einsamkeit, Beziehungsprobleme oder Gewalt (siehe Infobox). Nur in relativ wenigen Fällen, zwischen drei- und fünfmal in der Woche, drehte sich ein Gespräch um Selbstmord.

«Wir sind schon lange kein reines Suizidtelefon mehr», betont Suppiger. «Wir bekommen die ge­samte Palette an Problemen ungefiltert mit.» Das habe mit der durch die Anonymität geschaffenen Niederschwelligkeit zu tun. «Menschen, die sich sonst nirgendwo melden würden, wenden sich an uns.»

Not und Verzweiflung

Anruferinnen und Anrufer erwartet am anderen Ende der Leitung ein Team bestehend aus sechzig Frauen und Männern, die durch ihren breiten beruflichen Horizont und ein Durchschnittsalter von 59 Jahren viel Lebenserfahrung mitbringen. Während einer achtmonatigen Ausbildung haben sie gelernt, wie man mit Fremden über heikle Themen wie Sucht, Psychosen oder Sexualität spricht. In mehreren Praktika haben sie zudem er­fahren, wie sich solche Gespräche anfühlen. Und: Sie hören zu, weil sie es wollen. Denn bezahlt werden sie nicht. «Das könnten wir uns nicht leisten, und es wäre wohl auch nicht hilfreich für diese Tätigkeit», sagt Rita Suppiger. Ein Nachwuchsproblem gibt es trotzdem nicht: Zehn Personen absolvieren derzeit die im November begonnene Ausbildung.

Sie selbst nimmt bei der Dargebotenen Hand seit zwölf Jahren den Hörer ab. Die Not und Verzweiflung der Menschen habe während dieser Zeit zugenommen, zeigt sich die 62-Jährige überzeugt. Es gebe immer mehr Menschen, die aus dem Leben «rausfallen» würden, etwa, weil sie den wachsenden Anforderungen von Beruf und Privatleben nicht mehr gerecht werden könnten. Oder im direkten Sinn des Wortes, weil die Bettenaufhebung in der Psychiatrie nur noch einen Kurzaufenthalt erlaubt. «Unsere Welt gleicht einer Zentrifuge, die sich immer schneller dreht und immer mehr Menschen rausspickt.»

«Wir reden nicht nur mit einer Person, sondern gehen mit ihr in einen Raum, auch wenn dieser stickig und dreckig ist.»

Rita Suppiger, Geschäftsleiterin Dargebotene Hand Bern

Was hat die Dargebotene Hand dieser Entwicklung entgegenzusetzen? «Wir versuchen nicht, den Menschen zu therapieren, sondern möchten ihm durch Zuhören eine Verschnaufpause verschaffen. Ihn wieder erden», antwortet Suppiger.

«Arbeit verändert einen»

Wie aber schaffen es die Mitarbeitenden, dass es ihnen gut geht – bei all den Schicksalsschlägen, dem Blick in menschliche Abgründe? Was tun sie, wenn eine Geschichte zu aufwühlend ist oder geschilderte Taten, begangen oder fantasiert, zu nahe gehen? «Ganz klar: Die Arbeit verändert einen», räumt Rita Suppiger ein. «Wir reden nicht nur mit einer Person, sondern gehen mit ihr in einen Raum, auch wenn dieser stickig und rauchig und dreckig ist.» Das brauche enorm viel Energie, weshalb die Einsätze auf viermal pro Monat beschränkt seien. Auch regelmässige Supervision im Team helfe. Doch auch so gelinge die Abgrenzung nicht allen gleich gut.

Einer, dem sie gelingt, ist Gerome *. Die Anrufe belasten ihn nicht, «ausser, die Person am Hörer greift mich an». Dann nehme er sich auch heraus, ein Gespräch zu beenden, so der gross gewachsene Mann mit dem neugierigen Blick. Manchmal werde 143 aber als Ventil dringend gebraucht. «Es kommt vor, dass einer alle zwei Minuten anruft, um seine ganze Wut rauszuschreien. Das ist für mich okay.» Andere wiederum müsse er via Telefon an der Hand nehmen und durchs Leben führen. «Allein können sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen», erzählt er.

Mit Schweigepflicht

Gerome sitzt seit fünf Jahren bei der Dargebotenen Hand am Telefon, mit ihm könne man über alles reden, sagt er von sich. «Wir sind für alle da – auch für die sogenannt schlimmen Leute.» Direkte Interventionen, wie etwa das Alarmieren der Polizei, mache er keine, es sei denn, die Person selbst entbinde Telefon 143 von der Schweigepflicht. Wenn jemand am Telefon etwa über seine pädophilen Fantasien oder sogar Gewalttaten sprechen wolle, dann könne er das tun, sagt Gerome, mit Nachdruck in der Stimme. Ihm sei es dann wichtig, zu betonen, dass es sich dabei um Straftaten handle. «Doch wenn jemand uns anruft, dann will er Hilfe, und das ist eine Riesenchance.»

Es ist denn auch dieses Gefühl, Menschen diese Chance zu geben, für alle da zu sein, die ein offenes Ohr benötigen, das dem Telefonberater an der Arbeit bei der Dargebotenen Hand gefällt. «143 ist das Beste, was ich in meinem Leben jemals gemacht ha­be», findet Gerome. Und: Wenn jemand aufhänge und es gehe ihm ein wenig besser, dann habe der Berater Erfolg gehabt. «Das erreichen wir häufig.»

* Der Name ist ein Pseudonym.

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