Nur wer Losglück hat, kann ein Pferd mit nach Hause nehmen

Schönbühl

Der Verkauf von 80 Pferden aus dem Kanton Thurgau im Sand zog die Massen an. Die Aktion ging praktisch reibungslos über die Bühne. Alle Pferde gingen zum Maximalwert weg. Für Unmut sorgten Tierschutzorganisationen.

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Johannes Reichen

Morgens um 5 Uhr setzen sich Moni und Markus Bischof in Wilen im Kanton Thurgau ins Auto und fahren los Richtung Bern. Die beiden Geschwister haben sich für diesen Donnerstag ein Ziel gesetzt: Am Abend wollen sie mit mindestens einem Pferd nach Hause zurückkehren. «Wir haben noch Platz im Stall», sagt sie.

In Schönbühl verkauft die Armee im Auftrag des Kantons Thurgau Tiere eines thurgauischen Pferdehalters, der im Verdacht steht, diese Pferde und viele weitere Tiere gequält zu haben. Anfang letzter Woche wurde der Hof in Hefenhofen geräumt, 93 Pferde wurden nach Schönbühl zur Armee gebracht. «Ich arbeite in der Nähe des Hofs», sagt Markus Bischof, «ich weiss, was dort geschehen ist.»

Das Los entscheidet

In Schönbühl studieren die Bischofs die Liste mit jenen 80 Tieren, die noch zum Verkauf stehen. Denn 13 Pferde wurden bereits an die rechtmässigen Besitzer zurückgegeben. Auf der Liste sind Geschlecht, Rasse, Farbe und Preis der Pferde aufgeführt. «Sie sind brutal günstig», sagt Moni Bischof.

Um 8.30 Uhr herrscht auf dem Gelände des Kompetenzzentrums Veterinärdienste und Armeetiere Festivalstimmung. Mehrere Hundert Personen sind gekommen, um diesem Spektakel beizuwohnen.

Der Ablauf ist klar: Interessierte können den Schätzpreis höchstens um 500 Franken überbieten, danach entscheidet das Los. «Damit bekommen alle, Tierhändler, Private und Tierschutzorganisationen, eine faire Chance», sagt Walter Hofstetter, Sprecher des Kantons Thurgau.

Henri Spychiger, der am Montag den Wert der Tiere schätz­te, moderiert den Verkauf in Deutsch und Französisch. «Über den Ausbildungsstand liegen keine Angaben vor», macht er klar und zählt zunächst ein paar Autonummern auf. Viele Fahrer müssen ihre Wagen umparkieren.

Die Pferde sehen gut aus

Dann gehts los. Unter den 80 Pferden befinden sich auch 10 Fohlen, die zusammen mit ihren Müttern verkauft werden. Freiberger, Haflinger, Mini-Shetlandponys sind darunter. Der Schätzpreis bewegt sich zwischen etwa 600 und 2000 Franken, die meisten Tiere kosten um die 1200 Franken.

Pferd Nummer 1 wird auf den Laufsteg geführt. Eine Freiberger Stute, braun, Stockmass 1,50 Meter, Schätzung 700 Franken. «Wie alt?», ruft eine Frau in die Menge. «Das können wir leider nicht sagen», entgegnet Spychiger. Sechs Personen gehen ans Limit, das Los entscheidet, eine Frau bekommt den Zuschlag, sie bezahlt 1200 Franken.

Auch Fritz Krähenbühl aus Wiedlisbach hat Glück. Im Losverfahren setzt er sich gegen 23 Konkurrenten durch, blättert 2400 Franken hin und erhöht damit den Bestand seiner Horse World AG um ein Pferd. «Wir werden es reiten, schauen, wie es geht. Vielleicht geben wir es weiter, vielleicht behalten wir es.» Seine Einschätzung der Pferde teilen fast alle: «Die meisten sind okay. Und meines ist ein ganz schönes Ross.»

Die Taktik der Tierschützer

Es fällt bald auf: Viele der Bieter tragen einen Bändel am Arm. Es sind die Vertreter oder Angehö­rige von Tierschutzorganisationen. Damit wollen sie sicherstellen, dass sie sich nicht gegenseitig überbieten. Ein Plan, der sich bald als sinnlos erweist. Denn für jedes Pferd gibt es so viele Interessenten, dass immer das Los entscheidet.

Die Tierschützer reagieren auf ihre Weise. Bei jeder Runde schicken sie eine ganze Reihe von Bietern in den Ring und erhöhen damit ihre Chance bei der Losziehung. Ein junger Mann mit einer Jacke von «Pferde in Not» hebt immer wieder die Hand und bietet mit. «Ich bin als Volontär dabei und habe den Auftrag, ein Pferd zu kaufen, dass ich dann an den Verein weitergebe», sagt er. Seinen Namen will er allerdings nicht nennen. «Ich ziehe ungern all den Hass auf mich.» Viele Leute seien gegen diese Aktion, was er sogar verstehe. «Aber es gibt keinen anderen Weg. Wir wollen die Tiere zurückholen.»

Zu dritt fast chancenlos

Das Vorgehen der Tierschützer führt dazu, dass sich immer mehr Leute an der Versteigerung beteiligen. Auch Private und Händler müssen sich zusammenschliessen, um Erfolg zu haben. Als die Stuten und Fohlen an der Reihe sind, bieten bis zu 100 Personen mit. Das dauert seine Zeit.

Bei vielen Anwesenden macht sich bald Resignation breit. Zum Beispiel bei Heidi und Anna Fischer aus dem Kanton Zürich. Die beiden Schwestern sind mit ihrer Mutter angereist und möchten ein Pferd kaufen. Doch sie machen sich wenig Hoffnung. «Zu dritt haben wir keine Chance gegen diese Übermacht», sagt Heidi Fischer. Sie bezweifeln, dass die Tierschutzorganisationen zum Wohl der Tiere handeln. «Man muss ein Tier nach dem Charakter oder dem Körperbau kaufen, es muss zu einem passen», sagt Anna Fischer. Wenn eine Organisation ein Tier kaufe, bestehe die Gefahr, dass es bald wieder den Stall wechseln müsse.

Alle Tiere sind weg

Meistens etwas abseits des Trubels hält sich Jürg Liechti auf, der Kommandant des Kompetenzzentrums. Er ist zufrieden mit dem Verlauf und überzeugt, dass das Vorgehen richtig ist. «Es geht jetzt darum, rasch einen guten Platz für die Tiere zu finden.» Deshalb habe man rasch handeln können. Er selbst hält privat auch Pferde und hatte sich auch überlegt, ein Tier zu erwerben. «Aber ich musste mir sagen, dass es nicht geht.»

Es gibt genügend andere Menschen, die das offenbar problemlos können. 17 Uhr ist vorbei, als auch das letzte Tier einen neuen Besitzer gefunden hat. Alle bis auf eines: Ein Pony bleibt bei den Rekruten, die sich in den letzten Tagen um die Tiere gekümmert haben.

Walter Hofstetter, der Sprecher des Kantons Thurgau, ist sehr zufrieden. Die Armee habe den Verkauf bestens organisiert. «Alle Tiere wurden verkauft, und der Anlass verlief unfallfrei.» Das sei nicht selbstverständlich, schliesslich seien manche Pferde schwierig zu halten. Die Einnahmen belaufen sich auf 140 200 Franken. Sie werden nun zur Deckung der Kosten eingesetzt (siehe Kasten).

Ohne Pferd nach Hause

Kurz vor 18 Uhr sitzen Moni und Markus Bischof wieder im Auto und fahren zurück in den Kanton Thurgau. Der Pferdeanhänger ist leer, bei der Losziehung gingen die Geschwister leer aus. «E bitzeli» enttäuscht seien sie schon, sagt er. «Aber was will man machen.»

Berner Zeitung

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