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«Ohne Freiwillige sähe die Schweiz trist aus»

Laut Studien macht sie glücklich und senkt den Blutdruck. Doris Widmer von der Vermittlungsstelle Benevol Bern kennt aber auch die Tücken der Freiwilligenarbeit. Zum Schluss der BZ-Sommerserie erzählt sie von den Sonnen- und Schattenseiten freiwilliger Engagements.

Ihre Beratung kann ein hilfreicher Wegweiser sein: Doris Widmer leitet die Berner Agentur von Benevol, die auf Freiwilligenarbeit spezialisiert ist.
Ihre Beratung kann ein hilfreicher Wegweiser sein: Doris Widmer leitet die Berner Agentur von Benevol, die auf Freiwilligenarbeit spezialisiert ist.
Beat Mathys

Frau Widmer, Sie vermitteln Jobs für Freiwillige. Was motiviert Menschen, sich gratis für etwas zu engagieren? Doris Widmer: Viele Leute wollen etwas Sinnvolles tun. Jemand sagte mir mal, er mache das aus Liebe zu den Menschen. Das gefiel mir.

Einige Porträtierte unserer Sommerserie engagieren sich seit einem speziellen Erlebnis. Ist das typisch? Das ist oft der Fall. Es können tragische Ereignisse sein, die einen zu einem solchen Engagement bringen. Das kann durchaus ein sinnvoller Schritt sein. Aber wir haben auch viele Leute, die einfach einen Ausgleich zur Erwerbsarbeit suchen.

Sie vermitteln mit Benevol freiwillige Tätigkeiten. Welches sind die beliebtesten Bereiche? Viele wollen mit Kindern, Migrantinnen und Migranten oder Betagten arbeiten. Auch für Kulturelles finden wir einfach Freiwillige. Bei behinderten und psychisch kranken Menschen hingegen wird es schwierig. Viele Leute trauen sich nicht zu, diese zu besuchen und zu begleiten.

Angenommen, ich möchte mich als Freiwillige engagieren. Wie soll ich vorgehen, um das richtige Betätigungsfeld zu finden? Überlegen Sie sich, was für Fähigkeiten und Kompetenzen Sie haben. Manche bringen uns auch ihren Lebenslauf mit. Im Beratungsgespräch versuche ich herauszufinden, was am besten zu jemandem passt, und stelle den Leuten Institutionen vor, an die wir vermitteln.

Sie bekommen durch Ihre Arbeit mehr, als Sie geben, erzählten uns mehrere Freiwillige. Warum macht diese Arbeit so zufrieden? Freiwilligenarbeit macht glücklich und senkt den Blutdruck, das ist wissenschaftlich erwiesen. Freiwillige machen etwas Gutes, das tut vielen selbst gut. Man kommt auch unter die Leute, das gibt automatisch einen Austausch und ein neues Netz.

Freiwilligenarbeit ist nicht immer einfach. Ein Mann, der einen schwerstbehinderten jungen Mann spazieren fährt, erzählte in der BZ-Serie, er habe sich zuerst komplett überfordert gefühlt. Erhalten Sie oft solche Rückmeldungen? Nein, aber ab und zu gibt es sie. Für uns gehört eine gute Einführung zum Standard. Hören wir solche Beispiele von einer Institution, suchen wir das Gespräch. Im Allgemeinen werden die Leute aber gut eingeführt.

Wie lässt sich verhindern, dass Freiwillige an Grenzen stossen? Es sollte nicht passieren, aber es kommt vor. Auch weil Leute zum Teil allzu stark engagiert sind. Freiwilligenarbeit kann süchtig machen. Ideal ist, wenn sich jemand selbst bremst, wenn es zu viel wird. Wir empfehlen Einsatzvereinbarungen. Dort steht dann zum Beispiel drin, dass jemand nur einen Besuch pro Woche macht. Das gibt den Freiwilligen Sicherheit, dass sie nicht ausgenutzt werden.

Ausnutzen ist ein gutes Stichwort. Wann ist Freiwilligenarbeit nicht mehr fair? Wenn unsere schweizweit definierten Benevol-Standards nicht eingehalten werden. Das heisst, wenn Freiwillige nicht eingeführt und begleitet werden, wenn Spesen nicht entschädigt werden und wenn jemand im Schnitt mehr als sechs Stunden pro Woche arbeitet. Das sind die Hauptpunkte. Wir verpflichten Institutionen, an die wir vermitteln, darauf und haken nach, wenn Freiwillige unzufrieden sind.

Was für Negativbeispiele haben Sie schon erlebt? Es gibt Institutionen, in denen Freiwillige die gleiche Tätigkeit ausüben wie bezahlte Angestellte. Zum Teil wissen sie das nicht einmal. Das kommt für uns nicht infrage. Deshalb vermitteln wir solche Arbeiten auch nicht. Ab und zu erfahren wir auch davon, dass Fahrspesen nicht entschädigt werden.

Was tun Sie sonst dagegen, dass die Einsätze Ihrer Leute nicht bezahlte Arbeit konkurrenzieren? Das wird für uns immer ein Thema sein. Freiwillige sollen in einer Institution keine Kernaufgaben übernehmen. Auch wenn bezahlte Arbeit plötzlich Freiwilligenarbeit wird, werden wir hellhörig. Die Zeitlimite von sechs Stunden setzt da auch gute Grenzen. Wir hören aus der Berufswelt keine Konkurrenzvorwürfe. Die Zahlen zeigen, dass Männer und Frauen etwa gleich viel Freiwilligenarbeit leisten. Wieso entsteht trotzdem der Eindruck, das sei vor allem Frauensache? Das hängt wohl damit zusammen, dass die Frauen im Sozialwesen stärker als Freiwillige engagiert sind. Männer sind eher in Kultur, Sport und Umwelt aktiv – das gilt dann rasch als Hobby.

Fast jede vierte Person im Kanton Bern leistet Freiwilligenarbeit. Doch immer öfters hört man auch, dass Vereine mit Nachwuchssorgen kämpfen. Wie passt das zusammen? Es gibt enorm viele Vereine. Da ist oft wirklich auch Profiwissen gefragt. Wir würden zwar an Vereine vermitteln, aber wir haben wenig Anfragen. Die Mehrheit unserer Leute leistet auch lieber konkrete Basisarbeit. In einem Vereinsvorstand etwas zu tun, ist viel indirekter, als mit jemandem spazieren zu gehen.

Der Europarat hat 2011 offiziell als Jahr der Freiwilligenarbeit deklariert. Im Gegenwert von rund 40 Milliarden Franken wird in der Schweiz jedes Jahr Freiwilligenarbeit geleistet. Wie stehen wir international da? Statistisch lässt sich das nicht 1:1 vergleichen, weil jedes Land Freiwilligenarbeit anders definiert. Aber wir sind im vorderen Mittelfeld. Die grösste Tradition haben die nordischen und angelsächsischen Länder, viel weniger verbreitet ist Freiwilligenarbeit in Südeuropa – vor allem, wenn es um solche in Institutionen geht.

Wie sähe die Schweiz ohne Freiwilligenarbeit aus? Das wäre ganz trist, nicht nur im sozialen Bereich, auch im Sport, in der Kultur und in der Politik. Fast überall. Es gäbe keine Pfadi, kein Buskers, keine Quartierfeste. Quer durch die Gesellschaft würde uns vieles fehlen – was alles, das ist letztlich unvorstellbar. Interview: Lucia ProbstDie 50-jährige Doris Widmer leitet seit elf Jahren Benevol Bern. Die Agentur an der Aarbergergasse 8 in Bern vermittelt Freiwillige.

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