Pferde in der «Fusspflege»

Rüschegg

Natürliche Pferdehaltung liegt im Trend. Immer mehr Rösseler verzichten bei ihren Pferden auf einen Eisenbeschlag – und schicken die Tiere in die «Fusspflege». Dies spürt die Huforthopädin Mélanie Stucki.

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Christoph Albrecht

Ribana wäre wohl lieber noch etwas im Stall geblieben und hätte weiter Heu gefressen. Stattdessen wird sie an diesem trüb-nassen Novembertag mit Halfter und Strick hinaus in die Kälte geführt. Dennoch leistet die Stute nicht den geringsten Widerstand, als Mélanie Stucki sich neben sie hinkniet, ihr rechtes Vorderbein hebt und sich mit einer überdimensionalen Feile und einem kleinen Messer am Huf zu schaffen macht. «Für das Pferd fühlt sich das so an wie für uns das Zehennägelschneiden», sagt Stucki und begutachtet mit fachmännischem Blick die Hufunterseite.

Die 29-jährige Rüscheggerin ist Huforthopädin. Ihr Job: die Hornhaut der Hufe so zu bearbeiten, dass das Pferd jeden Huf gleichmässig belasten kann. «Einseitige Belastungen können dadurch ausgeglichen werden», sagt Stucki. Mit der Behandlung beugt sie Hufdeformationen und Sehnenproblemen vor, die unter Umständen dazu führen können, dass ein Pferd nicht mehr geritten werden kann.

Trend zur natürlichen Haltung

Zwar böten Hufeisen den Pferden einen gewissen Schutz und gäben dem Tier Halt, sie könnten aber auch einschränken, sagt Stucki. «Sie behindern die Durchblutung und sorgen dafür, dass Nährstoffe nicht zum Huf gelangen können.» Die Produktion der wichtigen Hornhaut werde damit gestört. Die Folge: trockenes und sprödes Horn, das wegbricht und nicht mehr voll tragfähig ist.

Immer mehr Rösseler verzichten deshalb darauf, ihre Pferde zu beschlagen. Stattdessen setzen sie auf eine möglichst natürliche Haltung, die ohne Hufeisen auskommt. «Heute wird ein Pferd vielmehr als Freizeitpartner angesehen und nicht mehr als Arbeitshilfe», erklärt Stucki den Trend.

Die gelernte kaufmännische Angestellte machte sich nach der Ausbildung zur Huforthopädin im vergangenen Juni selbstständig und zählt heute bereits über 70 Stammkunden – bis weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Täglich behandelt sie im Schnitt drei tierische Patienten. Sie analysiert deren Körperhaltung, schaut sich den Hufabrieb an und bringt schliesslich die nötigen Korrekturen an.

Hufschuhe statt Hufeisen

Mit der Barhufbehandlung hat Stucki eine Nische gefunden. Lediglich ein paar Dutzend Huforthopäden gibt es derzeit in der Schweiz, die sich wie Stucki der natürlichen Pferdehaltung verschrieben haben. Den Hufbeschlag will die Tierliebhaberin aber nicht grundsätzlich verteufeln. «Je nach Gelände, auf dem sich ein Pferd bewegt, ist ein Hufeisen sicher angebracht», so Stucki. Etwa beim Springreiten müsse ein Pferd fast zwangsläufig beschlagen sein. Und sie will auch die Nachteile der Barhufhaltung nicht unter den Tisch kehren. «Auf Unterlagen wie Teer reibt der Huf relativ schnell ab.» Als verträgliche Alternative zum Hufeisen rät sie ihren Kunden in diesen Fällen deshalb, ihre Tiere mit Hufschuhen aus Plastik auszustatten – eine Art Sandalen für Pferde.

Harter Job

Für Mélanie Stucki ist ihr Job ein Traumberuf. «Es ist einfach schön zu sehen, wie ich den Pferden mit der Hufpflege das Leben erleichtern kann.» Trotzdem ist für sie klar, dass sie den Beruf nicht bis in alle Ewigkeit ausüben kann. Die Arbeit sei körperlich anstrengend, brauche Kraft und gehe in die Gelenke. «Bis 60 kann ich das wohl nicht machen.» Bis dahin wolle sie die Zeit aber geniessen, gemeinsam mit den Pferden, die sie auch künftig ganz schön auf Trab halten dürften.

Berner Zeitung

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