Physiotherapeuten verzweifelt gesucht

In Bern gibt es zu wenig Physiotherapeuten. Die Folge: Patienten warten bis zu fünf Wochen auf einen Termin. Und überlastete Therapeuten müssen über zwanzig Patienten pro Tag behandeln.

Wer in der Region Bern eine Physiotherapiebehandlung braucht, muss oft lange warten (Symbolbild).

Wer in der Region Bern eine Physiotherapiebehandlung braucht, muss oft lange warten (Symbolbild).

(Bild: Keystone Jan Haas)

«Wir haben leider erst in einem Monat wieder freie Termine»: Auf solchen Bescheid muss sich gefasst machen, wer in der Region Bern eine Physiotherapiebehandlung braucht. Keine gute Nachricht – auch wenn die Therapie nicht dringend ist. Denn Patienten müssen verschriebene Physiotherapien innerhalb von fünf Wochen beginnen. Sonst müssen sie wieder zum Arzt gehen und eine neue Verordnung verlangen.

«Manchmal haben wir Wartelisten. Oder wir mussten Patienten, die möglichst schnell eine Therapie brauchten, auch schon an andere Therapeutinnen verweisen», schildert die Physiotherapeutin Dina Buchs-Linder die angespannte Situation. Sie ist Geschäftsführerin der Praxisgemeinschaft Bremgarten und war bis vor kurzem Präsidentin des Verbands Physiobern. Derzeit hat sie genügend Personal.

Doch für ihre Praxis in Bremgarten hat sie in den letzten drei Jahren schon dreimal eine Physiotherapeutin gesucht. Einmal dauerte die Suche neun Monate. Einmal erhielt sie während eines halben Jahres keine einzige Bewerbung.

Lange Arbeitstage

Die Engpässe versucht sie auszugleichen, indem sie und ihre Mitarbeiterinnen einen halben oder einen ganzen Tag pro Woche mehr arbeiten. Eine Kollegin aus einer anderen Praxis schildert noch krassere Bedingungen: Seit Jahren muss sie über zwanzig Patienten pro Tag behandeln und dazu Büroarbeiten und andere Praxistätigkeiten erledigen. Das ergibt Zwölfstundentage.

«Wegen der chronischen Arbeitsüberlastung hatte ein Mitarbeiter ein Burn-out, war monatelang krank und hat anschliessend gekündigt», erzählt sie. Nicht nur Praxen, sondern auch Spitäler haben Schwierigkeiten, Physiotherapeuten zu finden, sagt Gere Luder, Sekretär des Verbands Physiobern und Inhaber der Physio Burgernziel in Bern. Ausserdem hätten Praxen im Berner Oberland oder im Emmental noch mehr Mühe, Angestellte zu finden, als solche in Bern.

Ein Blick auf die Stellenbörse des Physiotherapieverbands bestätigt den akuten Mangel: In der Stadt Bern könnten sechs Physiotherapeutinnen oder -therapeuten sofort eine Stelle in einem Spital oder in einer Praxis antreten. Zwanzig weitere Stellen sind in den umliegenden Gemeinden, im Oberland oder im Emmental frei.

Die Folgen laut Luder: «Für eine Knietherapie oder bei Rückenschmerzen findet man noch eher einen Termin als bei neurologischen Problemen, für eine Kiefertherapie oder bei einer frisch operierten Schulter, die ohne Aufenthalt in einer Rehaklinik bis zu fünf Sitzungen pro Woche nach sich zieht.»

Engpässe gibt es auch bei Behandlungen zu Hause. Betroffen sind meist ältere Personen, die nach einer Operation wieder nach Hause kommen und dann für sich sorgen müssen. «Sie müssen oft bis zu zwei Wochen warten, bis jemand Zeit hat.»

Viele arbeiten Teilzeit

Der Mangel überrascht Luder nicht. Denn es brauche auch immer mehr Physiotherapeuten. «Die Leute werden immer älter und wollen möglichst lange selbstständig zu Hause wohnen.» Voraussetzung sei, dass diese Personen selbstständig gehen, dass sie Schultern und Hände benutzen können und dass sie ein gutes Gleichgewicht haben. «Das sind typische Aufgaben für die Physiotherapie.»

Dazu kommt, dass sich immer mehr Menschen Knie, Hüften oder den Rücken operieren lassen. 2017 erhielten in der Schweiz 17000 Menschen eine Knieprothese eingesetzt. Zudem ist Physiotherapie ein typischer Frauenberuf; in der Ausbildung liegt der Frauenanteil bei 80 Prozent. Viele Therapeutinnen arbeiten Teilzeit oder machen eine Pause während der Familienphase. Deshalb bräuchte es mehr Ausbildungsplätze, findet Luder.

Viel Interesse, wenig Plätze

Die Nachfrage bestünde: Jährlich bewerben sich mindestens doppelt so viele Personen um die rund 600 Ausbildungsplätze in der Schweiz. Fachkräfte zu importieren, sei keine Lösung, sagt Luder. Bewerbungen kämen heute höchstens aus östlichen Ländern oder aus Asien. Wegen Verständigungsproblemen und der unterschiedlichen Ausbildung seien solche Bewerbungen aber kaum aussichtsreich.

Bereits in den 80er- und 90er-Jahren hat die Schweiz viele Physiotherapeutinnen und -therapeuten aus dem Ausland angeworben. Damals kamen die meisten aus Holland, Belgien, Frankreich, später auch aus Deutschland. Die sprachliche Verständigung war kein grosses Problem. Viele von ihnen blieben deshalb auch hier und eröffneten eine eigene Praxis. Doch nun kommen sie ins Pensionsalter und suchen eine Nachfolge. Finden lässt sie sich derzeit kaum.

Berner Zeitung

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