Planschen am Shnit

Kuscheln und baden und dazu Filme gucken: Das Berner Kurzfilmfestival Shnit offeriert auch dieses Jahr ungewöhnliche Spielstätten. Ein Augenschein.

Dunkler Raum, prätentiöser Film: In der Stadttheater-Mansarde.

Dunkler Raum, prätentiöser Film: In der Stadttheater-Mansarde.

(Bild: Nicole Philipp)

Helen Lagger@FuxHelen

Überall, wo zurzeit grelles Pink ein Schaufenster oder einen Eingang dekoriert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man vor einer Spielstätte des Kurzfilmfestivals Shnit steht. Pink ist die Hausfarbe des 2003 in Bern gegründeten Festivals, das mittlerweile auch in Städten wie Wien oder Singapur stattfindet.

Öffentliches Kuscheln ist doch eigentlich ein Gräuel, und wenn man ohne seine bessere Hälfte unterwegs ist, auch ein reichlich absurdes Vorhaben. Nichtsdestotrotz begebe ich mich ins Theater am Zytglogge, wo die Veranstalter von Shnit ein Kuschelkino mit romantischen Filmhäppchen versprechen. Ein freiwilliger Helfer sitzt vor dem Eingang am Kornhausplatz. Es gebe nichts zu kuscheln, da man eine technische Panne habe, informiert mich der Mann.

Ich nehme trotzdem einen Augenschein. Eine steile Treppe führt in das mit Kissen ausgestattete Kleintheater. Es sieht hier aus, als ob sich Kinder aus Duvets ein Häuschen gebastelt hätten. Die Filme sollten eigentlich an der Decke flimmern, sodass man im Liegen gucken kann. Spätestens um 18 Uhr will man die Panne behoben haben. Gut möglich, dass dann jemand Lust hat, hier hinabzusteigen.

Noch brennt die Sonne und ein Ansturm bleibt aus. Ich gehe an einen anderen dunklen Ort. In der Mansarde des Stadttheaters Bern läuft die sogenannte «Bärner Platte». Kurz ist der hier gezeigte Film allerdings nicht wirklich, dafür reichlich prätentiös.

Im Kuschelkino sieht es aus, als ob sich Kinder aus Duvets ein Häuschen gebastelt hätten.

Sapir Kesem Learys Werk «Phase to Face» (2016) ist ein Selbstfindungstrip einer Mittzwanzigerin. Frau steht morgens auf. Frau zieht sich eine Perücke an, was das triste Dasein aber auch nicht besser macht. Frau macht Yoga. Frau spricht mit Fremden über die Liebe. Frau trinkt Bier in fremden Küchen. Frau duscht. In den 1990er-Jahren war so viel Realismus irgendwie aufregend, 2017 dehnt sich bei solchen Szenen die Zeit. «What do I seek?», fragt mich kunstbeflissen eine eingeblendete Schrift auf der Leinwand.

Ja was suche ich? Einen spannenderen Film. Diesen finde ich definitiv später im «Shnit mit baden» im Cinemare, wo das Motto «Feelgood» lautet. Ich bin mutterseelenallein in einem warmen Pool vor einer Riesenleinwand. Mal blau, mal pink leuchtet das Wasser in dieser Wellnessoase. Solange nichts über die Leinwand flimmert, plansche ich. Der erste Film spielt in einem Parkhaus. Das soll «Feelgood» sein? Parkhäuser sind doch eher unheimlich.

Doch der Film «Timecode» (2016) des Katalanen Juanjo Giménez Peña entpuppt sich als im wahrsten Sinne des Wortes leichtfüssige Liebesgeschichte. Zwei Aufsichtspersonen tanzen heimlich voller Leidenschaft in dem nachts menschenleeren Parkhaus. Entdeckt werden sie, als der Chef einem Neubewerber den «Timecode» erklärt, eine Funktion, die zulässt, zu schauen, was Stunden zuvor passierte.

Zum Schluss erlebe ich noch einen Bad-im-Bad-Moment.Im Film «The Spa» (2016) des Aus­traliers Will Goodfellow hat ein Rentner ein Sprudelbad bestellt, das er sich bald mit den übergewichtigen und Bier trinkenden Lieferanten des Bades teilen wird. Ich habe zum Glück mehr Privatsphäre, und das Wasser fühlt sich immer noch warm an. Auf zur nächsten Runde.

Shnit: bis 22. Okt. www.shnit.org

Berner Zeitung

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