Polizei unter Mobbingverdacht

Ihr Sohn will sich zum Fachmann Betriebsunterhalt ausbilden lassen, doch letztes Jahr musste er die Stelle wechseln. Zu abschätzig fühlte er sich von den Ausbildnern bei der Kantonspolizei behandelt – die Eltern reden gar von Mobbing.

Ein Jugendlicher aus Belp wollte bei der Kantonspolizei Bern die Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt machen. Er wechselte die Stelle, weil er sich zu abschätzig behandelt fühlte (Symbolbild).

Ein Jugendlicher aus Belp wollte bei der Kantonspolizei Bern die Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt machen. Er wechselte die Stelle, weil er sich zu abschätzig behandelt fühlte (Symbolbild).

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Künzi

«Altes vergessen und sich auf das Bevorstehende konzentrieren.» Die Art, wie der Lehrbetrieb im neusten Bericht die Leistungen ihres Sohnes beurteilt, stimmt Heinz und Monika Signer optimistisch. Der Bericht macht dem jungen Mann aus Belp nicht nur Mut, seine Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt doch noch zu einem guten Ende bringen zu können.

Sondern stellt seine Arbeit auch in ein unerwartet gutes Licht: Das Hotel in der Stadt Bern hat für den Lehrling, den es im August 2016 für das letzte der drei Lehrjahre übernommen hat, fast nur lobende Worte übrig.

Ganz anders hatte es vorher getönt. «Über alles betrachtet fehlt grundsätzlich viel, und das leider in sämtlichen Bereichen», lautete das vernichtende Urteil im vierten und letzten dieser halbjährlich ausgestellten Berichte aus dem alten Betrieb.

Angefangen hatte der heute 18-Jährige nämlich in einem völlig anderen Umfeld: Er begann seine Lehre 2014 bei der Kantonspolizei, und dort stimmte die Chemie schon bald nicht mehr. Zu rau war der Umgangston, zu rasch standen Mobbingvorwürfe im Raum.

In einer aufsichtsrechtlichen Anzeige an die kantonale Polizeidirektion werden Heinz und Monika Signer konkret. Gemäss dem Schreiben bekam der Sohn zu hören, man erkläre ihm eine Sache gerne nochmals so, «dass es auch die Dummen und Behinderten verstehen».

Bei Krankheit sei ihm unterstellt worden, Drogen genommen zu haben. Sogar seine Freundin blieb vor Bemerkungen in abschätzigem Zusammenhang nicht verschont: «Weiss sie, dass du komisch bist?»

Polizei setzt Druck auf

Sie wüssten, sagen die Eltern, dass ihr Sohn sehr empfindsam sei und stark auf solche Herabsetzungen reagiere. Entsprechend habe er in der Folge kaum mehr nachgefragt, wenn ihm etwas auf Anhieb nicht klar gewesen sei – und tatsächlich: Wie ein roter Faden zieht sich durch die Qualifikationen der Kantonspolizei die Bemerkung, der Sohn könne mit Kritik nicht umgehen. Er stelle «keine Rückfragen», warte stattdessen «schlicht und einzig auf Instruktionen».

Im April 2016, als die Leistungen des Sohnes wieder schlechter beurteilt wurden, schrillten bei Heinz und Monika Signer die Alarmglocken. Sie verlangten ein Gespräch mit den Ausbildnern und erfuhren, dass die Kantonspolizei das Lehrverhältnis gerne beenden würde.

Man habe dem Sohn sogar nahegelegt, selber zu kündigen, weil dies einfacher sei, blicken die Eltern zurück. Andernfalls werde man ihn nur noch beschäftigen – und drohend: «Wir finden immer Fehler, wenn wir wollen, um ein Lehrverhältnis aufzulösen.»

Weil immer klarer wurde, dass sich ein Wechsel kaum mehr abwenden liess, willigten die Eltern schliesslich in die, wie sie sagen, Kündigung durch die Kantonspolizei ein. Ihr Ärger wurde damit nicht kleiner. In der Anzeige halten sie fest, dass der Garderobenschrank des Sohns ohne dessen Wissen schon vor dem Austrittsgespräch geräumt worden sei, «seine Sachen lagen im Flur auf der Bank».

Einer der Ausbildner sei zudem gleich zweimal zu spät zu einem Gesprächstermin erschienen, wo man doch vom Sohn stets äusserste Pünktlichkeit verlangt habe – beides, halten sie fest, gehe gar nicht.

Wenigstens war der neue Betrieb rasch gefunden. Er schenkte der Darstellung der Kantonspolizei von Anfang an keinen Glauben: Das Hotel in der Stadt Bern habe dem Sohn den nahtlosen Übergang ins dritte Lehrjahr nicht zuletzt deshalb ermöglicht, weil gar nicht so viel so schlecht sein könne, sagen die Eltern.

Hotel hält zu ihm

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Denn mittlerweile war es Sommer 2017 geworden, der Lehrabschluss stand an. Eine erste Prüfungslektion schaffte der Sohn mit einer glatten Fünf – doch dann traf er mit jenem Ausbildner zusammen, von dem er bei der Kantonspolizei so viel Herabsetzendes zu hören bekommen hatte.

In voller Absicht habe es dieser auf das Zusammentreffen angelegt, ärgern sich die Eltern. Der Sohn sei nun derart durcheinander gewesen, dass er die folgenden Lektionen vermasselt habe und schliesslich durch die Prüfung gefallen sei.

Doch das Hotel hält zum Lehrling und lässt ihn das dritte Jahr wiederholen. In zwei zentralen Bereichen zeichnet es ein völlig anderes Bild von ihm als die Kantonspolizei.

Er teilt zwar nach wie vor seine Zeit nicht immer gut ein, was sich negativ auf die Qualität der Arbeit auswirken kann. Aber er «fragt nach, wenn etwas nicht klar ist». Und er trägt zu einem guten Klima bei, kann mit Kritik umgehen, kurz, erfüllt in diesem Bereich «in allen Punkten die Ziele».

Daher auch die Aufmunterung für die Zukunft: «Altes vergessen und sich auf das Bevorstehende konzentrieren.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...