Postauto-Chauffeur: «Die Enttäuschung sitzt tief»

Die Tricksereien zulasten der Steuerzahler treffen die Leute an der Basis: Die Chauffeure sind tief enttäuscht, und die privaten Postautounternehmer fühlen sich betrogen.

Als selbstständiger Postautounternehmer am Steuer: Dominik Steiner bekommt den Subventionsskandal sehr direkt zu spüren.

Als selbstständiger Postautounternehmer am Steuer: Dominik Steiner bekommt den Subventionsskandal sehr direkt zu spüren.

(Bild: Urs Baumann)

Stephan Künzi

Wer am Steuer eines Postautos sitzt, erledigt nicht einfach eine Arbeit. Mit einem gewissen Stolz trägt er das gelbe Hemd und die dunkle, von vielen kleinen Posthörnern übersäte Krawatte. Kein Wunder: Gleich wie der gelbe Bus mitsamt dem vertrauten Dreiklang verkörpert auch der Chauffeur eine Institution, in der viele ein Stück Heimat sehen.

Entsprechend hoch ist das Ansehen, dass das Unternehmen Postauto geniesst – genauer, bis Anfang Woche genossen hat. Denn seit dem Skandal um Buchhaltungstricks, versteckte Ge­winne und zu viele bezogene Subventionen zulasten der Steuerzahler ist in der gelben Welt nichts mehr, wie es gerade noch war.

Gute Stimmung erhalten

Die Chauffeure bekommen dies sehr direkt zu spüren. Das sagt Dominik Steiner, der in Ortschwaben als privater Postautounternehmer tätig ist. Seine Steiner Bus AG stellt im Auftrag von Postauto den Linienverkehr am Frienisberg sicher. Zur Firma gehören 48 Chauffeure und 22 Busse, im typisch gelben Auftritt un­terscheiden sich Mensch und Fahrzeug in keiner Art von dem, was bei Postauto üblich ist.

Und genau das entpuppt sich jetzt als Problem. «Zu den Stärken der Postautounternehmen gehört die lokale Verwurzelung», sagt Dominik Steiner und er­innert daran, dass sich im überschaubaren Wirkungskreis seiner Firma die Leute noch persönlich kennen.

Viele Chauffeure be­wegen sich auch privat im Gebiet, machen in den Vereinen mit, schicken ihre Kinder gemeinsam mit jenen der Passagiere in die Schule. Das schafft Vertrautheit bei der täglichen Arbeit im Bus – und führt nun, da die Tricksereien bei Postauto aufgeflogen sind, zum einen oder anderen Spruch. Sicher in eher scherzhafter Art, wie Dominik Steiner relativiert: Die Kunden sähen sehr wohl, dass die Leute an der Basis für das Gebaren der obersten Chefetage nicht verantwortlich seien.

Arg zu kauen haben die Chauffeure trotzdem. Dominik Steiner kommt zurück auf den seinen Leuten so eigenen Berufsstolz, erklärt, dass nun die Enttäuschung umso tiefer sitze. In dieser Situation müsse er versuchen, die gute Stimmung im Team trotz allem zu erhalten, zu schaffen sei dies unter anderem mit einer bewussten Präsenz im Pausenraum.

Im engen Korsett

Dominik Steiner sagt offen, wie sehr er erschrak, als die Tricksereien aufflogen. Jetzt redet er auch für den Branchenverband Bus CH, dessen Geschäftsführer er ist. Zuerst wird er indes noch einmal kurz persönlich, erzählt von der neuen Postautohalle, die er in Ortschwaben baut. Sie kostet stolze 11 Millionen Franken und ist in der aktuellen Debatte ebenfalls für Bemerkungen gut. Frei nach dem Motto: Jetzt ist klar, woher das Geld für die Grossinvestition stammt.

Da fruchtet es nicht immer, zu erklären, dass Steiner Bus eine rein private AG ist, die nur einen Auftrag von Postauto erfüllt und mit den Subventionstricksereien rein gar nichts zu tun hat: «Ich spüre oft, dass ein kleiner Zweifel an der Richtigkeit dieser Dar­stellung zurückbleibt.»

Dabei wird das finanzielle Korsett, in dem sich die Postauto­halter bewegen, immer enger. ­Allein vom Geld aus dem Fahrdienst für Postauto sei kaum mehr zu leben, sagt Dominik Steiner. Er selber könne zum Glück mit Immobilien und mit Aufträgen, die seine Werkstatt für Dritte ausführe, Zusatzerträge erzielen.

Anderen ergeht es schlechter. Dominik Steiner jedenfalls weiss von etlichen Postautonunter­nehmern, die ernsthaft ans Aufhören denken, weil es sich nicht mehr lohnt. Ein paar haben den Schritt schon hinter sich, «zurzeit sind wir noch rund 150, erbringen aber nach wie vor 60 Prozent der Postautoleistungen in der Schweiz.»

Aus seinem Schlusswort ist der Ärger nur zu gut her­auszuhören: «Wie knapp wir gehalten werden, ist umso störender, nun, da man weiss, dass das Geld bei Postauto zwar versteckt, aber eigentlich vorhanden wäre.»

Zwei, die ausstiegen

Viele Postautounternehmen blicken auf eine lange Familien­geschichte zurück. Entsprechend gross ist die Bereitschaft der Inhaber, mit grossem persönlichem Engagement die Tradition so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Die Firma von Fritz Klopfstein in Laupen war so ein Unternehmen – und hat im April 2017 trotzdem nach 89 Jahren einen Strich gezogen. Den letzten Ausschlag gaben zwar der fehlende Nachfolger sowie die Pensionierung des langjährigen Betriebschefs, doch Fritz Klopfstein sagt auch: «Finanziell wäre es echt schwierig geworden.»

Ähnliches erzählt Sprecherin Fabienne Thommen beim Regionalverkehr Bern-Solothurn. Vier Jahre operierte der RBS im Raum Worb als Postautounternehmen, doch Ende 2011 war Schluss, weil der RBS mehr Geld verlangte, als Postauto geben wollte. Hier wie dort führt Postauto heute die Linien direkt.

Berner Zeitung

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