Psychisch Kranke erhalten keine Wohnungen

Bern

Wer Sozialhilfe bezieht, findet kaum Wohnraum in der Stadt Bern. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, haftet der Verein Wohnenbern für die Mietkosten seiner Klienten – mit bescheidenem Erfolg.

«Wenn ein Vermieter zwischen einer Person ohne Sozialhilfe und einer mit wählen kann, entscheidet er sich meist für Erstere», sagt Eugen Uebel, Geschäftsführer von Wohnenbern.

«Wenn ein Vermieter zwischen einer Person ohne Sozialhilfe und einer mit wählen kann, entscheidet er sich meist für Erstere», sagt Eugen Uebel, Geschäftsführer von Wohnenbern.

(Bild: zvg)

Christian Zeier@ch_zeier

Seit eineinhalb Jahren ist Franziska Kummer* auf Wohnungssuche. Siebzigmal hat sie sich um eine Wohnung beworben, siebzigmal wurde sie abgelehnt. «Ich habe keine grossen Ansprüche», sagt die 52-Jährige. «Einfach wieder etwas Platz für mich alleine, das wäre schön.»

Es ist ein bescheidener Wunsch, der sich kaum erfüllen lässt in diesen Zeiten. Über ein Jahr wohnt die IV-Bezügerin nun bereits in der WG Breitsch, einer Institution des Vereins Wohnenbern, in der Obdachlose unterkommen, aber auch Personen mit psychosozialen Beeinträchtigungen, die auf Wohnhilfe angewiesen sind. Ziel ist es, die Wohnfähigkeit und die Sozialkompetenz der Bewohnenden zu fördern. Im Idealfall steht am Ende des Prozesses die Rückkehr in eine eigene Wohnung.

Franziska Kummer ist ein solcher Idealfall. Theoretisch. Sie könnte in einer eigenen Wohnung leben, hat ihren Haushalt stets selbst geführt und hilft auch jetzt in der WG aus, wo sie kann. Sie wird von Wohnenbern bei der Wohnungssuche unterstützt, die Institution würde für ihre Miete haften, das finanzielle Risiko für einen potenziellen Vermieter ist denkbar klein. Und doch: «Es ist frustrierend», sagt Franziska Kummer. Absagen, immer nur Absagen.

Seltene Win-win-Situation

Die Leerwohnungsziffer in der Stadt Bern beträgt aktuell 0,49 Prozent – insbesondere günstiger Wohnraum ist rar. Nirgends zeigt sich das besser als dort, wo Menschen mit einem Handicap in das Rennen um die Plätze starten. «Wenn ein Vermieter zwischen einer Person ohne Sozialhilfe und einer mit wählen kann, entscheidet er sich meist für Erstere», sagt Eugen Uebel, Geschäftsführer von Wohnenbern. Das sei vordergründig der risikoärmere Weg und daher nicht überraschend. «Für unsere Klienten aber ist es verheerend.»

Das Angebot von Wohnenbern teilt sich in drei Sparten auf: betreutes Wohnen, welches in der WG Breitsch angeboten wird, teilbetreutes Wohnen, das in drei weiteren Wohngemeinschaften stattfindet, und begleitetes Wohnen für Leute in eigenen Wohnungen ausserhalb der Institution. Wer wie Franziska Kummer bereit für eine eigene Wohnung ist, wird zur Suche ermuntert und unterstützt. Fände sie eine Wohnung, könnte sie sich dem regulären Wohnungsmarkt annähern und Wohnenbern könnte die Betreuungskosten reduzieren. Eine Win-win-Situation, die immer seltener entsteht.

25 Personen würden laut Eugen Uebel bei Wohnenbern auf den Übergang in eine eigene Wohnung warten. «Das verhindert nicht nur die Entwicklung der Klienten, sondern verstopft auch die Plätze in unseren Wohngemeinschaften». Man versuche alles Mögliche, die Vermieter für diese Problematik zu sensibilisieren. Der aktuellste Versuch heisst «Optimo».

Vermieter ohne Risiko

«Optimo» ist ein im Raum Bern einzigartiges Pilotprojekt, das Wohnenbern im Frühjahr 2013 lanciert hat. Im Zentrum steht das Instrument der Solidarhaft: Weisen Klienten von Wohnenbern eine stabile Lebenssituation und eine gute Wohnfähigkeit auf, garantiert der Verein dessen potenziellem Vermieter die Übernahme der Mietkosten – inklusive Nebenkosten und Schäden am Mietobjekt.

«Wir nehmen den Vermietern jegliches finanzielles Risiko ab», erklärt Eugen Uebel. 90 Verwaltungen und Treuhänder habe Wohnenbern angeschrieben, um sie über die neue Möglichkeit zu informieren. 20 neue Wohnungen erhoffte man sich innerhalb eines Jahres. Die Realität aber sieht anders aus.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnten im Rahmen von «Optimo» fünf Klienten vermittelt werden. Eine Evaluation des Projekts durch die Berner Fachhochschule Soziale Arbeit zeigt, dass das Angebot noch zu wenig bekannt ist, als dass es Vorbehalte gegenüber der Klientel abbauen könnte. Die einen Vermieter lehnen eine Vermietung an «problembelastete» Personen nach wie vor grundsätzlich ab, andere verweisen auf die Wichtigkeit des Mietermix, auf Wünsche der Eigentümer oder ganz grundsätzlich auf den ausgetrockneten Wohnungsmarkt.

Chancen stehen schlecht

So wird Franziska Kummer weiterhin an Besichtigungstermine gehen und von einer eigenen Wohnung träumen. Eugen Uebel wird weiter das Gespräch mit den Vermietern suchen und auf Verständnis hoffen. Und beide werden stets die Gewissheit im Hinterkopf haben: Solange das Angebot an günstigem Wohnraum so klein ist, solange Vermieter aus einer solchen Vielzahl von Bewerbern auswählen können – so lange stehen die Chancen schlecht.

Weitere Informationenunter www.wohnenbern.ch

Berner Zeitung

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