Runder Teufelskreis

Bern

Die Berner Eisenbahnerwohnbaugenossenschaft schenkt sich zum 100. Geburtstag ein Theater: «Tüüfelskreis» erzählt die tragische Geschichte der Gladys Eysenbach.

Im Verhör: Die gealterte Gladys Eysenbach (Marianne Tschirren) gesteht ihren Mord – und dann die Umstände.

Im Verhör: Die gealterte Gladys Eysenbach (Marianne Tschirren) gesteht ihren Mord – und dann die Umstände.

(Bild: pd/Hannes Zaugg)

Michael Feller@mikefelloni

Mord. Eine gut situierte Witwe steht 1940 vor Gericht. Gladys Eysenach soll ihren um Jahrzehnte jüngeren Liebhaber erschossen haben. Ein doppelter Skandal: Liederlicher Lebenswandel und Mord. Wie konnte das geschehen? «Es isch ganz angersch, als ihr dänket», sagt die Angeklagte.

Sie sagt es in einer ungemein lauschigen Umgebung: «Tüüfelskreis», Livia Anne Richards Stück, frei nach «Jesabel» von Irène Némirovsky, wird als Freilichttheater vor dem herrschaftlichen Weissensteingut aufgeführt, im Herzen der herz­allerliebsten Siedlung der Eisenbahnerwohnbaugenossenschaft Bern. Diese feiert ihr hundertjähriges Bestehen – und beschenkt sich selbst mit einem Freilichttheater.

Im grossbürgerlichen Milieu

Doch auch wenn «Tüüfelskreis» eine erst- und voraussichtlich einmalige Sache ist: Die Produktion ist bis ins Detail professionell aufgezogen. Das Premierepublikum erhält zum Empfang ein Wasserfläschchen in die Hand gedrückt zwecks Vermeidung von Sommerschäden. Allerlei Politprominenz nimmt Platz, natürlich ist auch Ex-Mister SBB Benedikt Weibel im Publikum, und Stadtpräsident Alec von Graffenried richtet sein vielsilbiges Grusswort («Die Eisenbahnerwohnbaugenossenschaft ist mehr als eine Wohnbaugenossenschaft») aus. Dann geht es los.

Rückblende ins Jahr 1896. Mit Jahreszahlen versehene Banner künden die Zeitsprünge jeweils an. Sie hängen aus dem Fenster im zweiten Stock des stattlichen Hauses im Hintergrund, das eine perfekte Kulisse bietet: Das Stück spielt im grossbürgerlichen Milieu. Die so kokette wie schöne Gladys (Maud Koch) verdreht schon als junge Frau allen Männern den Kopf. Sie verlobt sich mit Richard Eysenbach und erwartet bald ein Kind von ihm. Doch ihr Mann stirbt, noch bevor Tochter Marie-Thérèse zur Welt kommt. Und mit diesem Schicksalsschlag beginnt die Lebenslüge von Gladys Eysenbach.

Lüge, Tod und Elend

Zeitsprung. Marie-Thérèse (Sarah Luisa Iseli) ist mittlerweile ein Teenager, und sie leidet besonders unter dem Versteckspiel ihrer Mutter. Diese behauptet, acht Jahre jünger zu sein, denn die Wahrheit scheint ihr gefährlich: Wer will schon eine Mittvierzigerin? Und dann noch eine Alleinerziehende. Zwar ist sie finanziell unabhängig, doch sie braucht den Zuspruch der Männer und das Gefühl der Jugendlichkeit. Ihre Tochter macht sie zu diesem Zweck ebenfalls jünger oder verleugnet sie gleich ganz. Die Lüge wird zum Teufelskreis, zieht Tod und Elend nach sich – und letztlich auch den Mord, für den sich die gealterte Gladys (dargestellt von Marianne Tschirren) verantworten muss.

Und warum nur ist der Bordeaux-Wein so bleich wie Kindersirup? Egal. Die weiblichen Hauptdarstellerinnen reissen das Stück.

Ursprünglich hatte Theaterautorin Livia Anne Richard im Sinn, ein Eisenbahnerstück zu verfassen, was sie jedoch wieder aufgab. Stattdessen adaptierte sie die Vorlage von Irène Némirovsky nach Bern. In «Tüüfelskreis» setzt sie zahlreiche historische Bezüge ins Bähnlermilieu und in die Arbeiterbewegung. Das klappt eigentlich ganz gut, auch wenn einzelne historische Andeutungen, etwa zum Oltner Aktionskomitee, den Drahtziehern des Arbeiter-Generalstreiks 1918, die Geschichte nicht weiterbringen. Ansonsten ist sie aber rasant erzählt. Regisseurin Lilian Naef gelingt es, trotz vieler Zeitsprünge und Szenenwechsel die Geschichte rund zu erzählen und die Spannung hochzuhalten.

Einige Schönheitsfehler gibts zwar in der Inszenierung. Weshalb nur setzen sich die Protagonisten andauernd auf diese Bühnenbildhecken als wären es Hocker? Und warum nur ist der Bordeaux-Wein so bleich wie Kindersirup? Egal. Die weiblichen Hauptdarstellerinnen reissen das Stück, auch Hanny Gerber spielt stark als mütterliches Dienstmädchen. Das Premierenpublikum, frischgehalten durch Wasser und sprühenden Spielwitz, dankt mit stehenden Ovationen.

Weitere Vorstellungen: Bis 26.7., Weissensteingut, Bern.www.teufelskreis.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt