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Sagt Köniz Ja zum Muslimgrab?

Moslems wünschen sich mehr eigene Grabfelder. Am besten zentrale, gemeindeübergreifende. Doch die sind für Behörden tabu. Zurzeit diskutiert der Könizer Gemeinderat über die Einrichtung eines Muslimgrabs in Wabern.

Die Grabreihen für muslimische Bestattungen im Bremgartenfriedhof sind denen vorbehalten, die in Bern oder Ostermundigen gestorben sind.
Die Grabreihen für muslimische Bestattungen im Bremgartenfriedhof sind denen vorbehalten, die in Bern oder Ostermundigen gestorben sind.
Beat Mathys

Ali H. lebte seit 30 Jahren in Zollikofen. Als er Ende letzten Jahres starb, hätten ihn seine Angehörigen gerne in seiner Wohngemeinde begraben. Das war nach muslimischem Ritus aber nicht möglich. Denn in Zollikofen gibt es kein Grabfeld für Muslime. Gerne hätte ihn die Familie stattdessen in Bern bestattet. Doch nur wer in Bern stirbt oder wohnte, kann dort auch begraben werden.

Also haben die Angehörigen den Verstorbenen in einem Sarg in sein Herkunftsland Türkei überführt und dort nach vorgeschriebenem Ritus beigesetzt. Sie müssen nun weit reisen, um sein Grab zu besuchen. Die Überführung kann für die Angehörigen nicht nur emotional und vom Papierkrieg her belastend sein, sondern auch finanziell. Denn sie kostet in der Regel mehrere tausend Franken.

Schweizer ins Ausland

Ein noch grösseres Problem sieht der iranische Soziologieprofessor Farhad Afshar bei den zum Islam konvertierten Schweizern. Er kenne Fälle, bei denen die Hinterbliebenen ausländische Botschaften angefragt haben und den Toten schliesslich in einem fremden Land begruben. Afshar wohnt in Hinterkappelen und ist Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios).

Die Situation der Familie H. kennen viele der 28000 Muslime im Kanton Bern. Denn es gibt erst zwei Friedhöfe mit Muslim-Grabfeldern: Der Berner Bremgarten- und der Thuner Schorenfriedhof. Diese gehören zu den wenigen Angeboten in der Schweiz: Der erste islamische Friedhof des Landes wurde 1978 in der Nähe von Genf eingerichtet, 2000 kamen Basel und Bern dazu, 2002 Lugano und St.Gallen, 2004 Zürich, 2006 Luzern, 2007 Liestal und 2009 Thun. Weitere Felder dürften laut Afshar in Planung und Ausführung sein.

Aktuell ist die Diskussion in Köniz. Gemeinderätin Rita Haudenschild (Grüne) will im Friedhof Nesslerenholz in Wabern ein Feld für Muslimgräber einrichten. Es wäre erst das dritte im Kanton. Der Entscheid liegt in der Kompetenz des Gesamtgemeinderats, der in zwei Wochen darüber entscheiden will.

Bei einer informellen Umfrage von Redaktion Tamedia unter Könizer Parteivorständen ist kein grundsätzlicher Protest auszumachen. Bürgerliche betonen aber: Die Grabruhe darf nicht länger sein, und das Grabfeld darf nicht viel kosten. Rita Haudenschild will vor der Gemeinderatsdebatte noch keine Details bekannt geben, sagt aber: «Für muslimische Gräber werden in Köniz dieselben Rechte gelten wie für die anderen.» So würden in Wabern die Grabsteine nach 20 Jahren entfernt und das Grab ohne Ausgrabung wiederverwendet. Die Kosten schätzt sie auf «wenige tausend Franken».

Ausnahme für Mundiger

Parallel dazu finden gemäss Rita Haudenschild «Gespräche zwischen Bern und Köniz» statt. Verhandelt werde, ob nicht auch Könizer Muslime im Bremgartenfriedhof ihre letzte Ruhe finden dürfen. Als bisher einzige Gemeinde hat Ostermundigen einen solchen Vertrag mit Bern abschliessen können. Dieser gilt aber für alle Einwohnerinnen und Einwohner, denn Ostermundigen hat keinen eigenen Friedhof. Muslime aus Mundigen können sich zu den gleichen Bedingungen wie Verstorbene der Stadt auf dem Grabfeld im Bremgartenfriedhof beerdigen lassen. Der Preis ist derselbe wie bei einer christlichen Erdbestattung, nämlich 520 Franken.

Keine ewige Ruhe

«Es gibt enorme Härtefälle», sagt Afshar. Das Bedürfnis nach eigenen Grabfeldern sei gross. Viele Angehörige hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Toten nicht vorschriftsgemäss begraben könnten.

In den meisten der 388 Gemeinden im Kanton leben Muslime. Politisch und vom Aufwand her ist es kaum realistisch, dass jede dieser Gemeinden spezielle Gräber einrichtet. Daher wäre für Farhad Afshar ein Verbund eine gute Lösung: «Ein zentrales Grabfeld pro Region würde reichen.» Die Gemeindeautonomie verbietet dies aber.

Angst vor Platzproblem

Politische Vorstösse für dieses Anliegen gibt es derzeit keine. Denn die Schwierigkeit bei der Öffnung der Gemeindegrenzen für Muslime ist auch logistischer Natur: Der Bestattungstourismus kann zu einem Platzproblem führen. Und dieses wiederum zu heiklen Situationen, wie das Beispiel von Liestal BL zeigt. Dort wollte der Stadtrat auf dem bestehenden Friedhof Platz schaffen für ein muslimisches Grabfeld. Weil die Erde nicht vermischt werden darf, wollte er die christlichen Gebeine entfernen. Dazu kam es dann aber nicht. Nach heftigen Protesten fand sich doch noch eine freie Rasenfläche für 150 gegen Mekka ausgerichtete Gräber.

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