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Schloss verliert zwei Wahrzeichen

Der Garten im Schloss Jegenstorf soll teilweise saniert und nach alten Plänen neu gestaltet werden. Einschneidend ist ein anderer Eingriff: Zwei mächtige und geschützte Platanen werden gefällt, weil sie die Bausubstanz des Schlosses gefährden.

Die beiden mächtigen, noch grünen Platanen an den Ecken der Südfassade sollen gefällt werden. Laut Fachleuten beschädigen sie das Gebäude.
Die beiden mächtigen, noch grünen Platanen an den Ecken der Südfassade sollen gefällt werden. Laut Fachleuten beschädigen sie das Gebäude.
Beat Mathys

Es raschelt beim Spaziergang beim Schloss Jegenstorf. Der Boden ist bedeckt mit einer Schicht heruntergefallener Blätter. In den vergangenen Tagen genossen viele Leute die angenehme Nachmittagssonne im grossen Park.

Ein älterer Mann kann die wunderbare Herbststimmung nicht geniessen. Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen, sagt Hans-Ulrich Niklaus. Von den beiden mächtigen Platanen, die an den Ecken der Südfassade stehen und das Schloss überragen. Sie verlieren ihre Blätter zum letzten Mal. Im Winter werden sie wohl im Rahmen eines Restaurierungsprojekts im Schlosspark (siehe Kasten) gefällt. Ausser es geschieht noch ein Wunder.

Dünne Argumentation

Niklaus, ein alteingesessener Burger von Jegenstorf, kennt ­keinen anderen Anblick vom Schloss, die Platanen waren immer da. Er kann den Entscheid des Stiftungsrats Schloss Jegenstorf nicht nachvollziehen. «Die Verantwortlichen hatten nicht alle Informationen auf dem Tisch», ist Niklaus überzeugt. Er spricht die Geschichte der Platanen an.

Auf einer Zeichnung von 1819 seien an diesem Standort Bäume drauf. Sie sollen aus Übersee stammen, extra bestellt vom damaligen Schlossherrn. Für jene Zeit sei das etwas Aussergewöhnliches gewesen und die Jegenstorfer seien immer stolz auf ihre Exoten gewesen, ergänzt er. Vor diesem Hintergrund sei es un­verständlich, dass die – notabene kerngesunden – Bäume ihren Schutzstatus verlören.

Die Argumente des Stiftungsrats, die Bäume würden die Bausubstanz des Schlosses gefährden, seien nicht stichhaltig, sagt Niklaus. Mit einem normalen Unterhalt und regelmässigen Kontrollen ergeben sich am Dach und an der Fassade keine Probleme und Zusatzkosten. Für mögliche Schäden am Fundament würden keine Beweise vorgelegt, sondern nur Indizien erwähnt.

«Eine Privatperson würde mit so dünnen Argumenten nie eine Bewilligung erhalten, um einen geschützten Baum zu fällen», betont der Rentner. Er kritisiert beim Projekt zudem die Verlegung der Minerva-Statue aus der Gartenlaube und fragt sich, ob der kantonale Denkmalpfleger Michael Gerber bei diesem Vorhaben nicht zu viele Hüte trägt.

Güterabwägung

«Es macht nie Freude, wenn man so imposante Bäume fällen muss», sagt Urs Gasche, Präsident der Stiftung Schloss Jegenstorf. Aber er habe ein gutes Gewissen. Der Stiftungsrat sei gut dokumentiert gewesen, die Argumente der Baumfachleute plausibel. So sei unter anderem erklärt worden, dass das Zurückschneiden nicht mehr möglich sei.

Denkmalpfleger Michael Gerber, Mitglied des Stiftungsrats, erklärt, dass die Dachrinnen durch Laub häufig verstopft ­seien. Bei starkem Regen fliesse das Wasser an der Südfassade ­herunter und dringe in die Ausstellungsräume. Diese Probleme seien augenfällig. Gut sichtbar sei zudem, dass das Wurzelwerk der rund 200 Jahre alten Bäume den Boden anhebe.

Michael Gerber spricht von einer «Zeitbombe», die das Fundament beschädigen kann. Er stellt klar: Es spiele keine Rolle, ob eine Stiftung oder eine Privatperson ein Gesuch für die Fällung eines geschützten Baumes stelle. Es gehe nur um Fakten. «Am Schluss war es eine Interessenabwägung zwischen zwei geschützten Objekten» sagt Gasche. Das Schloss ist regional geschützt. Gasche ist sich bewusst, dass ein solches Vorhaben «Staub aufwirbeln kann».

Ebenfalls für den Gemeinderat Jegenstorf ging es um eine Güterabwägung zwischen Schloss und den Platanen, sagt Gemeinderatspräsident Hans Mätzener (SVP). Die kommunalen Behörden mussten darüber entscheiden, ob der Schutzstatus für die zwei Bäume aufgehoben wird. Denn im Baureglement ist fest­gelegt, dass der Baumbestand im Schutzgebiet des Schlosses und der Umgebung zu erhalten ist.

Minerva muss weg

Denkmalpfleger Gerber begründet ebenfalls die Verlegung der Minerva-Statue aus der Gartenlaube. Diese Skulptur ist zwar im Objektblatt der Denkmalpflege zu diesem Nebengebäude des Schlosses explizit erwähnt. Aber die Minerva aus dem Jahr 1773 gehöre gar nicht zum Schloss Jegenstorf, erklärt er.

Sie wurde erst vor rund 40 Jahren dorthin gebracht. Sie war ursprünglich als Schmuck in der Bibliotheksgalerie in Bern aufgestellt. Später stand sie auf dem Thunplatz. «Die Statue ist ein wertvolles Objekt, aber nicht an diesen Standort gebunden», sagt Michael Gerber.

Das vorgesehene Wasserbecken auf der Ostseite. Bild: Murielle Schlup/zvg
Das vorgesehene Wasserbecken auf der Ostseite. Bild: Murielle Schlup/zvg

Die vielen Hüte sind für Gerber selber, der zudem Mieter einer Wohnung auf dem Schlossareal ist, kein Problem. Er sei nicht Projektleiter, habe das Projekt rein aus fachlicher Sicht als Denkmalpfleger begleitet und die Unterlagen zusammengestellt. In vielen Stiftungen sei die Denkmalpflege per Statuten vertreten. Als die Stiftung Entscheide gefällt habe, habe er nicht mitgestimmt.

Für Urs Gasche ist nachvollziehbar, dass die Rollen des Denkmalpflegers gegen aussen Fragen aufwerfen können. Aber in der Stiftung sei das noch nie ein Problem gewesen. Man habe gerade das Fachwissen im Stiftungsrat haben wollen, und es sei immer klar, wann der Denkmalpfleger als Amtsträger und wann er als normales Mitglied spreche und handle.

Wenig Hoffnung

Hans-Ulrich Niklaus ist nachdenklich. Er war überrascht, dass es keine «Einsprachen gehagelt hat», und machte im letzten Moment als Einziger noch eine Eingabe. Er rechnet sich kaum Chancen aus. Aus formellen Gründen werde darauf vermutlich gar nicht eingetreten, weil er kaum einspracheberechtigt sei. Das letzte Wort hat der Regierungsstatthalter Bern-Mittelland, der auch über die Baubewilligung entscheidet. Auf dem Übersichtsplan beim Eingang des Schlosses sind anstelle der Platanen bereits zwei graue Punkte eingezeichnet.

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