Schütze fühlte sich in auswegloser Situation

Köniz

Der Täter im Tötungsdelikt Steinhölzli macht vor dem Obergericht Notwehr geltend.

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Hans Ulrich Schaad

Die zwei Türken waren erbitterte Konkurrenten. Ihr Streit wurde immer heftiger und endete am 26. Dezember 2011 tödlich. In einem Handgemenge erschoss ein heutige 39-Jähriger seinen Landsmann bei der Bushaltestelle Steinhölzli im Liebefeld. Das Berner Obergericht muss sich fast sieben Jahre nach der Tat zum zweiten Mal mit diesem Tötungsdelikt befassen, nachdem das Bundesgericht das letzte Urteil wegen eines Verfahrensfehlers annulliert hatte.

Massiver Angriff

Am zweiten Prozesstag strich der Verteidiger in seinem Plädoyer die aussichtslose Lage des Beschuldigten hervor. Als dieser seinen Widersacher mit Bande aufmarschieren sah, habe er flüchten wollen, sei jedoch hinter einem wartenden Bus steckengeblieben. «Der Aufmarsch der Gegenseite war massiv», sagte der Verteidiger. Mehrere Personen hätten seinen Mandanten mit Baseballschlägern traktiert.

Die Lage sei dramatisch gewesen, fuhr der Verteidiger fort. Denn nach einer ersten Auseinandersetzung am Nachmittag habe das spätere Opfer seinem Konkurrenten mit dem Tod gedroht. «Mein Mandant lag wehrlos und verletzt am Boden. Er musste um sein Leben fürchten.» In einer solchen Situation handle man intuitiv, die Entscheidfähigkeit sei stark eingeschränkt. Er habe blindlings zwei Schüsse abgefeuert.

Betrachte man alle Umstände, handle es sich um einen klaren Fall von Notwehr, erklärte der Verteidiger. «Es ging um sein Leben. Er durfte den Angriff mit einer Schusswaffe abwehren, die Reaktion war angemessen.» Der Verteidiger verlangte deshalb einen Freispruch, weil es sich um eine gerechtfertigte Notwehr handle.

Zeugenaussagen selektiert

Die Staatsanwältin forderte, dass das Obergericht die vor zwei Jahren ausgesprochene Gefängnisstrafe von acht Jahren wegen vorsätzlicher Tötung bestätigt. Der Verteidiger versuche einzelne Zeugenaussagen so zurechtzubiegen, dass sie zugunsten des Angeschuldigten seien, kritisierte sie. Als der Mann die zwei Schüsse abgegeben habe, sei er nicht von mehreren Personen geschlagen worden. «Er befand sich lediglich in einem Zweikampf mit seinem Kontrahenten.»

Er habe die Waffe eingesetzt, als noch keine konkrete Bedrohung da war, erläuterte die Staatsanwältin. Erst nach den Schüssen sei die grosse Schlägerei mit rund zehn Beteiligten losgegangen. Von einer Notwehrsituation könne nicht gesprochen werden. Zudem habe er sich bewusst in den Kampf begeben.

In seinem letzten Wort betonte der Beschuldigte, dass sein Konkurrent den Kampf gesucht habe. Er habe der Konfrontation aus dem Weg gehen wollen: «Ich beabsichtigte nicht, ihn zu töten. Aber er wollte mich töten.»

Das Gericht wird das Urteil am nächsten Mittwoch eröffnen.

Berner Zeitung

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