Gürbetal

Schützen strecken die Waffen

Gürbetal Früher trafen sie fürs Vaterland, aber dann wurden sie von ihrer Anlage vertrieben. Nun hören die Kaufdorfer, Kirchenthurner und Rümliger Schützen auf.

Die beiden «Hene» der RKK-Schützen: Heinz Utiger (l.) und Heinz Anliker in der Schiessanlage Nillen.

Die beiden «Hene» der RKK-Schützen: Heinz Utiger (l.) und Heinz Anliker in der Schiessanlage Nillen. Bild: Raphael Moser

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Heinz Utiger sitzt auf dem Bänkli vor dem Schützenhaus Nillen in Kaufdorf. Vögel zwitschern, Insekten brummen, die Sonne scheint, rundherum ist es grün. «Eine idyllische Ecke», sagt Utiger. Vor ihm auf dem Tisch liegen Dokumente aus der langen Geschichte der Schützengesellschaft Rümligen-Kaufdorf-Kirchenthurnen (RKK). Fotos, Protokolle, Mitgliederdateien, Berichte. Ein Papier trägt den Titel «Zum Geleit».

Die Idylle trügt. Denn die Schützengesellschaft RKK wird bald beerdigt, nach mehr als hundert Jahren wird der Verein Ende Jahr aufgelöst. «Das ist zwar kein Weltuntergang», sagt Utiger, aber etwas Wehmut werde schon aufkommen, wenn es so weit sei. «Oder was meinst du, Hene?»

Kein Nachwuchs in Sicht

Neben Sekretär Heinz Utiger sitzt Veteranenobmann Heinz Anliker. Die beiden Kaufdorfer haben die letzten Jahrzehnte der Gürbetaler Schützengesellschaft hautnah miterlebt, kaum ein Anlass fand ohne sie statt. Anliker nickt. «So ist es. Aber es geht ­einfach etwas verloren.» Nun ­blicken die beiden «Hene» nochmals zurück auf die lange Geschichte. Präsident Hans-Rudolf Zimmermann hingegen fehlt heute, er ist in den Ferien.

Die RKK-Schützen zählen gerade noch 15 aktive Mitglieder, zu den besten Zeiten waren es 80. Mit ihrem Problem sind sie aber nicht allein. Im Kanton Bern ist die Anzahl Schützenvereine rückläufig, Jahr für Jahr gibt es weniger Jungschützen.

Das ist auch in Kaufdorf und Umgebung so. «Die Jungen wollen lieber Fussball spielen», sagt Utiger. Schon seit Jahren klopfte kein Jugendlicher mehr an. «Wenn alle Vorstandsmitglieder schon seit zehn oder mehr Jahren im Amt sind, stimmt etwas nicht mehr», sagt Anliker. Das jüngste Mitglied im Verein ist 40.

Kameradschaft zählt

Anliker selbst war auch mal Präsident, nach sieben Jahren hörte er auf, «es waren gute Jahre». Viele Mitglieder, sportliche Erfolge, ein reges und geselliges Vereinsleben. Darum vor allem gehe es ihm beim Schiessen: «Dass man einander hilft und fragt, was los sei, wenn einer schlecht schiesst.» Seit 1963 ist er, der ­ehemalige Dorfbeck von Kaufdorf, dabei, jetzt ist er 75.

Utiger (59) angestellt beim Bund, absolvierte einst den Jungschützenkurs, «das machte man damals einfach». Er blieb hängen, wurde Materialverwalter, Sekretär. Auch er schätzt besonders die Kameradschaft. «Und wenn man den Kranz nicht geholt hat, hat man halt ein Bier weniger oder ein Bier mehr getrunken.»

Tradition und Fortschritt

Die Schützengesellschaft wurde 1914 gegründet. Ab 1924 wurde am Standort Nillen geschossen. Das war damals durchaus fortschrittlich. «Drei Gemeinden taten sich zusammen, um an einem Standort zu schiessen und damit Lärm und Kosten zu reduzieren», sagt Utiger. Dabei war das noch die Zeit, als die Schützen «im Interesse der Landesverteidigung» und für ihre «vaterländische Gesinnung» in den Stand traten, wie es in den Statuten heisst.

Das Ende in der Nillen kam vor etwas mehr als zehn Jahren. 2005 wurden Lärmmessungen vorgenommen. Weil die Grenzwerte nicht eingehalten wurden, mussten die RKK-Schützen wegziehen. Eine Lärmsanierung wäre zu teuer gewesen. In den letzten Jahren war der Verein im Schützenhaus Riggisberg eingemietet. «Die Infrastruktur ist da hervorragend, aber es ist halt nicht mehr so wie früher», sagt Anliker. Früher, als die Schützen noch in Kaufdorf daheim waren.

Anlage geht an Gemeinde

Die Anlage in der Nillen gehört bis heute den RKK-Schützen, ist aber nur noch eine 50-Meter-Anlage für Kleinkaliberschützen: Die Sportschützen Kaufdorf sind jetzt hier zu Hause. «Auch wir sind überaltert», sagt deren Präsident Rudolf Zimmermann. Immerhin habe er kürzlich wieder einen Jungen motivieren können. Nun sind es sechs Mitglieder – die Kleinkaliberschützen, die jeden Montagabend üben, könnten Zuwachs also durchaus gebrauchen. «Uns gefällt es aber gut in der Nillen», sagt Zimmermann.

Was mit dem Schützenhaus passiert, ist jedoch ungewiss. Gemäss den Statuten geht es an die Gemeinde Kaufdorf über. Diese soll es in Schuss halten – «zuhanden eines mit gleichem Zweck neu sich bildenden Vereins», so steht es geschrieben.

Dass es tatsächlich so weit kommen könnte, daran mag Heinz Utiger allerdings nicht so recht glauben. «Oder Hene, was meinst du?» (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.08.2018, 07:27 Uhr

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