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Seit 50 Jahren reden in Bern auch die Frauen mit

Vor 50 Jahren führte die Stadt Bern auf ­Gemeindeebene das Frauenstimmrecht ein – 3 Jahre bevor dies auf nationaler Ebene ­erfolgte.

Gruppenbild mit Dame: Der Berner Gemeinderat mit Ruth Im Obersteg Geiser im Jahr 1971 auf einer Bootsfahrt auf dem Wohlensee.
Gruppenbild mit Dame: Der Berner Gemeinderat mit Ruth Im Obersteg Geiser im Jahr 1971 auf einer Bootsfahrt auf dem Wohlensee.
Stadtarchiv Bern

«In der ‹Wiege der Demokratie›, zu der sich die offizielle Schweiz gerne stilisiert, mussten die Schweizerinnen ausserordentlich lange für ihre politischen Rechte kämpfen», sagt die Berner Historikerin Fabienne Amlinger. Der historische Tag für die Bernerinnen kam am 29. September 1968. An diesem Tag sagten 9636 Berner Ja (74 Prozent) zum Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene. 3439 waren dagegen. Monate zuvor, am 18. Februar 1968, ­wurde an einer kantonalen Abstimmung das Gemeindefakul­tativum angenommen. Dieses ­ermächtigte die bernischen Gemeinden, das Frauenstimm- und -wahlrecht in Gemeindeangelegenheiten einzuführen. Am 22. August nahm dann der Berner Stadtrat eine entsprechende Vorlage an, mit 60 zu null Stimmen.

Die offizielle Inkraftsetzung des Frauenstimmrechts erfolgte aber erst per 1. Januar 1970. Verzögerungen gab es unter anderem deshalb, weil die Erweiterung des Stimmregisters Zeit in Anspruch nahm. Am 1. März 1970 standen in der Stadt Bern erstmals Frauen an der Urne. Sie konnten über drei Vorlagen mitbestimmen: den Bau einer Primarschule im Kleefeld, eine weitere Schulvorlage sowie eine zum Altersheim Schönegg. Die prozentuale Stimmbeteiligung der Frauen lag bei 32,8 Prozent.

1970: Die erste Gemeinderätin

Die erste Stadtberner Gemeinderätin konnte wenig später ge­feiert werden: Ruth Im Obersteg Geiser wurde anlässlich einer Ersatzwahl am 15. November 1970 gewählt; dies «zum Entsetzen ihrer Partei» (SVP), wie sie selbst sagte. Auch von ihren gemeinderätlichen Kollegen sei sie «nid grad grüseli wohlwollend» aufgenommen worden. Die diplomierte Handelslehrerin und Präsidentin des bernischen Frauenstimmrechtsvereins wurde 1921 geboren und starb 2014. Bis 1984 war sie als städtische Baudirektorin im Amt. 1976 wurde sie von ihrer Partei nicht wieder nominiert. Sie trat aus der SVP aus und wurde als Parteilose zweimal wiedergewählt. Von 1974 bis 1978 war sie zudem im Grossen Rat.

1971 waren auch erstmals Frauen im Stadtrat vertreten. Gewählt wurden zehn Politikerinnen. Im Gemeinderat hingegen war bis 1992 jeweils nur eine einzige Frau vertreten.

Welsche früher als Bern

Das Frauenstimmrecht auf eid­genössischer Ebene wurde am 7. Februar 1971 mit 65,7 Ja- zu 34,3 Nein-Stimmen angenommen. Im Dezember desselben Jahres konnten Frauen auch bei bernkantonalen Abstimmungen und Wahlen mitreden – über 10 Jahre später als in den Kantonen Waadt und Neuenburg (1959) sowie Genf (1960). «Nach der Einführung des Frauenstimmrechts dauerte es aber immer noch 15 Jahre, bis im Kanton Bern erstmals eine Frau den Grossen Rat präsidierte», sagt Historikerin Amlinger.

Dies geschah 1986 in der Person der Sozialdemokratin Margrit Schläppi. Im gleichen Jahr wurde auch erstmals eine Frau in den Berner Regierungsrat gewählt: Leni Robert von der Grünen Freien Liste. Die erste Frau, die die Berner Kantonsregierung präsidierte, war – 1996/1997 – die Sozialdemokratin Dori Schaer.

Wahlrecht nur für Reiche

Der Kampf um das Frauenstimmrecht habe über 100 Jahre gedauert, sagt Historikerin Amlinger. Die Herren Parlamentarier hätten sich lediglich dann dafür eingesetzt, wenn es um «zahnlose Motionen» gegangen sei. Etwa, ob man über das Frauenstimmrecht diskutieren soll. «Sobald es um die Sache ging, war die Mehrheit von ihnen dagegen.»

Und doch gab es mal eine Zeit, in der Frauen in der Stadt Bern mitreden konnten. Im Gemeindegesetz von 1833 durften nämlich «tellpflichtige Weibspersonen eigenen Rechts» abstimmen. Die wohlhabenden Damen durften aber nicht selbst an die Urne, sondern mussten einen männlichen Vertreter schicken. 1887 wurde dieses Gesetz wieder abgeschafft.

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