Selbst schiesst die Frau

Gümligen

Am Wochenende findet in der ganzen Schweiz das Feldschiessen statt. Unsere Autorin hat sich getraut und, nachdem sie etwas Mut zusammengenommen hat, den Abzug eines Gewehres gezogen.

Die Zielscheibe im Visier: Trotz guten Tipps von Beat Lehmann resultiert beim ersten Schuss ein Nuller.

Die Zielscheibe im Visier: Trotz guten Tipps von Beat Lehmann resultiert beim ersten Schuss ein Nuller.

(Bild: Beat Mathys)

Annic Berset

Es ist laut. Der Knall kommt unerwartet. Ob man will oder nicht, man zuckt zusammen. Peng! macht es, mal von links, mal von rechts.

Die Schiessanlage der Schützengesellschaft Muri-Gümligen ist gut besucht an diesem schwülen Abend. Klar, es geht ja auch darum, sich für das Feldschiessen vorzubereiten, das am Wochenende in der ganzen Schweiz über die Bühne geht. «Wenn man so will, ist es das grösste Schützenfest der Welt», sagt Beat Lehmann. Der Oberschützenmeister ist seit beinahe 40 Jahren im ­Vorstand des Schiessvereins. «Eigentlich denke ich schon lange ans Aufhören, aber solange niemand meinen Posten übernimmt, werde ich wohl bleiben.»

Beat Lehmann ist es auch, der verschiedenste Leute am Schiessstand betreut, ihnen hilft, die imposante Waffe – das Sturmgewehr 90 – besser zu verstehen und das allfällige bisschen Angst vor ihr abzulegen. Denn was er sagt, leuchtet ein: «Es ist nicht das Gewehr, das Schaden anrichten könnte, wenn es wollte, sondern der Mensch, der dahintersteht.» Die Mitglieder der Schützengesellschaft seien durch und durch Sportler – Sportschützen eben.

Bald darauf geht es ans Eingemachte. Das Sturmgewehr liegt griffbereit beim zweiten Liegeplatz, der Hülsenabweiser soll vor den heissen Geschosshülsen und der Pamir vor dem lauten Knall schützen.

Für unsere Autorin heisst es jetzt, ein erstes Mal auf Tuchfühlung mit dieser Waffe zu gehen. Schwer fühlt sie sich an und etwas unhandlich. Durch das Visier kommt das Ziel in Sicht, diese Scheibe, die etwas mehr als 300 Meter entfernt ist von dort, wo man auf der Lauer liegt. «Mit dem Korn wird die Scheibe durchs Visier halbiert. Wenn man das genau macht, wird man mit dem Schuss die Mitte treffen», erklärt Beat Lehmann. Gesagt, getan. Nur gestaltet es sich nicht ganz so einfach, diese Scheibe, die so unendlich weit entfernt scheint, im Visier exakt zu halbieren.

Weiter gehen die Anweisungen bezüglich Abzug. Besonders ruhig müsse dieser gedrückt werden, sonst verschiebe sich das Gewehr und der Schuss gehe daneben. Sowieso sind eine ruhige Hand und ein ruhiger Atem gefragt, um überhaupt zu einem Erfolgserlebnis zu kommen. Als Beat Lehmann all seine Tipps weitergegeben hat, werden Taten gefordert. Sechs einzelne Schüsse, zweimal drei Schüsse nacheinander und einmal sechs hintereinander gilt es auf die Scheibe zu bringen und möglichst viele der 72 möglichen Punkte einzuheimsen.

Ein letztes Mal Luft holen, den Blick schärfen, den Puls beruhigen – peng!, der erste Schuss fällt. Und es ist: ein Nuller. «Kein Problem», findet Oberschützenmeister Lehmann. Das könne korrigiert werden. Das Gewehr wird etwas justiert und beim zweiten Schuss ist die Scheibe fällig. Zwei Punkte!

Weil die Knallgeräusche nebenan etwas ausgeblendet werden können und die Hülsen nicht mehr ganz unerwartet geflogen kommen, fällt endlich auch die Maximalpunktzahl. Eine Vier, Wahnsinn! Die Bilanz fällt zwar nach 18 Schüssen nicht so rosig aus: 46 von 72 Punkten sind doch ausbaufähig. Trotzdem gibt es ein Lob für die ruhige Hand und aufbauende Worte von den erfahrenen Schützen: «Da schiesst auch mancher Militarist nicht besser.»

Berner Zeitung

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