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«Sie kennen meine Vorgeschichte nicht?»

Wie kamen Gutachter dazu, Sonja B.* als ungefährlich einzuschätzen? Offenbar hatte die Messerstecherin zwei Gesichter.

Angesichts ihrer Vorgeschichte scheint es nur schwer verständlich, wie gleich zwei Behörden im Oktober 2007 und im September dieses Jahres die Messerstecherin Sonja B. als «nicht fremdgefährdend» einstufen konnten (Artikel «War die Täterin richtig untergebracht?»). Immerhin hatte die heute 22-Jährige vor knapp sieben Jahren ihren Bruder mit einem Messer zu töten versucht, anderthalb Jahre später mit einem Messer bewaffnet zwei Geschäfte in Bern überfallen. 2008 wurde sie von der Berner Polizei 17 Mal aufgegriffen, meist hatte sie ein Messer dabei. Im Verhör Anfang letzter Woche sagte sie den Ermittlern: «Seit ich 11 Jahre alt bin, hatte ich die Vorstellung, jemand umzubringen.» Genau das hatte sie bereits nach dem Angriff auf ihren Bruder zu Protokoll gegeben.Doch hört man sich in ihrem Umfeld um, ist von den «zwei Seiten» der jungen Frau zu hören. So sagte der Bruder von Sonja B. am Wochenende gegenüber TeleBärn, es sei nicht «sie» gewesen, welche die Tat verübte, sondern «irgendetwas» anderes. Die Schwester habe sich mehrmals entschuldigt. Auch die Mutter hätte so etwas «nie erwartet». Sie beschreibt Sonja als «feinfühlig und rücksichtsvoll».Ähnlich tönt es aus jenen Institutionen, wo Sonja B. nach der Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung ihre «besondere Behandlung» absitzen musste. Während ihrer Zeit in Haft – zuerst im Bezirksgefängnis Dielsdorf ZH, später in der Strafanstalt Hindelbank – war das Töten offenbar kein «Thema» für Sonja B. Auch in der Jugendpsychiatrischen Klinik Neuhaus in der Waldau soll sie selten bis nie darüber gesprochen haben.Zum «Thema» wurde das Töten für Sonja B. immer dann, wenn sich der Zugriff der Behörden lockerte. So büxte sie 2003 aus der geschlossenen Anstalt des Viktoriaheims in Richigen aus, als man ihr ein bisschen Freiheit in Form eines begleiteten Ausgangs gewährte. Bei der folgenden Verhaftung zeigte Sonja B. ihr anderes Gesicht: Sie habe es «genossen», sagte ein damals anwesender Beamter – «sie wollte eine grosse Verbrecherin sein». Auch zuletzt, während der knapp zwei Jahren in der Waldau, kam es zu Problemen, als der Vollzug gelockert wurde. Am Ende wohnte sie in einer externen WG. Dort schlief sie in der Nacht vor der Tat. Einem Nachbarn hatte sie kurz vorher gesagt, dass sie sich in «der Anstalt» am wohlsten fühle. Während des Verhörs nach der Bluttat im Florapark erzählte sie ebenfalls offenherzig von ihrer kriminellen Karriere. Die Frage nach dem Tatmotiv konterte sie mit der leicht pikierten Gegenfrage: «Sie kennen meine Vorgeschichte nicht?»

*Name von der Redaktion geändert

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