Sie reden vom Jura Konolfingens

Gysenstein

Konolfingen will die kleinen Schulhäuser zugunsten einer grossen ­zentralen Schule schliessen. Das stösst besonders in ­Gysenstein auf Widerstand. Einwohner erzählen wieso.

Setzen sich ein: Jeanette Tschanz, Daniel Gygax, Eva Stettler und Marc-André Perrin (v. l.).

Setzen sich ein: Jeanette Tschanz, Daniel Gygax, Eva Stettler und Marc-André Perrin (v. l.).

(Bild: Christian Pfander)

Stephanie Jungo

Glöckchen bimmeln. Im Schatten von Apfelbäumen grasen Schafe. Auf einer Wiese nebenan stehen zwei Pferde. Bauernhöfe prägen das Bild im Dorf von Gysenstein. Der Ortsteil von Konolfingen erstreckt sich über die Hügel zwischen Grosshöchstetten und Münsingen. Traktoren fahren die engen Strässchen entlang.

Eine davon führt zum Schulhaus von Gysenstein. 14 Kinder besuchen hier die Unterstufe. Doch die Gemeinde will die Schule schliessen. So, wie sie auch in anderen Dorfteilen die kleinen Schulhäuser schliessen will. Im Gegenzug entsteht im Stalden ein neues, grosses, zentrales Schulhaus. Die Konolfinger stimmen im November über das Vorhaben ab.

Im Schulhaus Gysenstein lüftet Daniel Gygax gerade den Singsaal. Er ist in Gysenstein aufgewachsen. Nach einem Abstecher nach Burgdorf lebt er seit zwölf Jahren wieder in seinem Elternhaus.. Gemeinsam mit anderen Gysensteinern wehrt er sich gegen die Schliessung der Schule. Sie gründeten die IG Schule mitgestalten. Doch wieso kommt der Widerstand gegen die Zentralisierung gerade von hier?

Ein schwarzer Fleck

«Bei Infoveranstaltungen der ­Gemeinde erscheint Gysenstein teilweise gar nicht auf der Karte», ärgert sich Eva Stettler. Eher per Zufall hat es sie mit ihrer Familie hierher verschlagen. Manchmal denke sie, dass in Konolfingen viele gar nicht wissen, wo Gysen­stein eigentlich liegt. Oder vor allem: wie weitläufig es ist.

Die Kinder, die bereits in Konolfingen zur Schule gehen, kommen über den Mittag mit dem Bus nach Gysenstein. Doch für viele reiche die Zeit nicht aus, um nach Hause zu gehen, erzählt Eva Stettler. Für diese Kinder organisieren die Eltern im Schulhaus Gysenstein einen Mittagstisch. «Die Schule stellt einen Schulbus und bestimmt Sammelpunkte. Doch wie die Kinder zu diesen Sammelpunkten kommen, darüber denkt niemand nach.»

Ein Dorf wird zurückgefahren

Gegenüber der Schule steht ein unscheinbares Haus. Früher war hier die Post. Sie ist geschlossen, wie so manch anderes auch. Stück für Stück wurde das Dorf in den letzten dreissig Jahren zurückgefahren, erzählt Ruth Ruef. Sie bezeichnet sich selbst als Urgestein. Fast ihr ganzes Leben hat sie in Gysenstein verbracht, hat erlebt, wie die Post, die Läden, die Bäckerei, die Käsereien, das Restaurant oder der Schuhmacher geschlossen wurden.«Als Kinder konnten wir in drei Läden gehen. Und in jedem haben wir Schleckzeug bekommen.»

«Manchmal werden Entscheidungen getroffen, die nicht für die gesamte Gemeinde  funktionieren.»Daniel Gygax

Eine Zweckehe

Gysenstein war früher eigenständig – und bevölkerungsreicher. 1300 Menschen lebten hier. «Am Mittagstisch beim Bauern sassen Kinder, Mägde, Knechte.» Dementsprechend ausgebaut war die Infrastruktur, erzählt Daniel Gygax. 1933 fusionierten Stalden und Gysenstein, entstanden ist die Gemeinde Konolfingen. Es sei eine Zweckehe und keine Liebesheirat gewesen, ist man sich einig. Das Zentrum von Konolfingen strahlte eine Anziehungskraft aus.

Die Fabrik schuf Arbeitsplätze, die erste elektrische Bahnlinie machte das Dorf zu einem Verkehrsknotenpunkt. Und Gysen­stein? Der Ortsteil bekam den Strukturwandel der Landwirtschaft zu spüren. Daniel Gygax zeigt auf einen Traktor, der ein Feld beackert. Dafür brauchte eine Bauersfamilie früher mehrere Tage. Heute erledigt es der Landwirt an einem Nachmittag. Noch rund 400 Menschen leben heute in Gysenstein.

Ein gestörtes Sozialgefüge

Man lebe damit, dass Läden und Restaurant zu sind. Man akzeptiere auch, dass die Post ihre Filiale geschlossen habe. Doch dass die Gemeinde die Schule schliessen wolle, das gehe nicht, sagt Marc-André Perrin, der vor zwanzig Jahren zugezogen ist. «Niemand überlegt, was es für diesen Ortsteil braucht.» Wenn sich die Menschen nicht mehr im Laden treffen, brauche es einen anderen Ort, wo das soziale Leben stattfinde. Dies sei zurzeit die Schule. «Wenn die Menschen nicht mehr in Kontakt zueinander treten können, gerät das Sozialgefüge durcheinander.» Dabei gehe vieles verloren.

Die Béliers

Jeanette Tschanz lebt ebenfalls in Gysenstein. Aufgewachsen ist sie im Zentrum von Konolfingen. Sie erinnert sich gut daran, wie sie früher die Gysensteiner wahrgenommen hat. «Die Menschen hier oben waren schon immer sehr engagiert. «Wir haben das bewundert und belächelt», erzählt sie.

Bis heute nenne man Gysen­stein auch den Jura von Konolfingen. Und die Menschen betonten noch immer gerne, dass Gysen­stein früher eigenständig war. Eine Zeit lang geisterte gar die Idee umher, mit Schlosswil und Trimstein zu fusionieren, erzählt Daniel Gygax. Denn nicht alle konnten sich mit Konolfingen identifizieren.

Ein schöner Flecken

Die Entscheidungen werden in Konolfingen im Zentrum gefällt. «Manchmal sind das Entscheidungen, die nicht für die gesamte Gemeinde funktionieren», sagt Daniel Gygax. «Vor allem für die Randgebiete nicht.»

Nichtsdestotrotz. Die Gemeinde schaue schon auch zu Gysen­stein. Die Strassen seien in gutem Zustand, und ein Glasfasernetz sei auch am Entstehen. Es lasse sich gut leben, sagt auch Eva Stettler. Sie schätzt besonders die Ruhe. «Und doch trifft man immer viele Menschen, und meine Kinder haben ihre Gspändli.»

Marc-André Perrin schätzt das Vereinsleben. «Die Vereine sind ein zentrales Element. Durch sie wird man integriert.» Jeanette Tschanz schätzt, dass die Menschen zueinander schauen. «Das hat hier noch mehr Platz als anderswo.» So denkt auch Ruth Ruef. Und Daniel Gygax schätzt die schöne Lage und die Aussicht. «Es ist wunderschön hier.»

Berner Zeitung

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