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Kämpferin gegen die Plastikflut

Über 700 Kilo Abfall produziert jeder Schweizer pro Jahr. Viel zu viel, fand Isabelle Hengrave – und hat vor kurzem im Spiegel einen Unverpacktladen eröffnet. Statt einzeln eingepackt kaufen Kunden dort sämtliche Ware offen ein.

Will mit ihrem Unverpackt-Laden dem Plastik den Kampf ansagen:?die 45-jährige Isabelle Hengrave aus Köniz.
Will mit ihrem Unverpackt-Laden dem Plastik den Kampf ansagen:?die 45-jährige Isabelle Hengrave aus Köniz.
Raphael Moser
Nachhaltig:?die Röhrli aus Metall.
Nachhaltig:?die Röhrli aus Metall.
Raphael Moser
100 % Öko: Bambus-Zahnbürstli.
100 % Öko: Bambus-Zahnbürstli.
Raphael Moser
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Es waren Videos im Internet, die Isabelle Hengrave aufrüttelten. Von Stränden mit angeschwemmtem Müll. Von Meeresschildkröten, die sich in Verpackungen verfangen haben. Von Möwen, die auf dem Ozean treibendes Plastik für Nahrung hielten und verendeten. «Als Tierärztin hat mich das sehr betroffen gemacht», sagt sie.

Das war vor ein paar Jahren. In der Folge nahm sich Hengrave vor, weniger Abfall zu verursachen. Füllte in ihrem Dreipersonenhaushalt bald einmal nicht mehr jede Woche einen 35-Liter-Müllsack, sondern nur noch einen 17-Liter-Sack alle vierzehn Tage. Verzichtete auf kleine Gefässe und Tuben mit wenig Inhalt. Achtete darauf, möglichst nachhaltig einzukaufen. Doch selbst die Bioabteilung im Supermarkt machte es ihr schwer. Ob in Plastik eingeschweisste Zucchetti oder einzeln abgepackte Güezi – praktisch alles gabs nur mit Verpackung. «Das nervte mich», so Hengrave.

«Bei manchen Produkten gibt es manchmal noch etwas Erklärungsbedarf.»

Isabelle Hengrave

In der Zwischenzeit ist die 45-Jährige selber aktiv geworden – und hat den Kampf gegen unnötigen Abfall zum Beruf gemacht. Ihr Pensum als Tierärztin hat sie kurzerhand heruntergeschraubt und Ende Oktober einen eigenen verpackungsfreien Laden im Spiegel eröffnet. Klar, sagt sie, der Wechsel sei radikal gewesen. «Aber ich hielt diesen Schritt einfach für nötig.»

Nur kaufen, was man braucht

Das Konzept des Ladens ist simpel: Der Kunde nimmt seine eigenen Behälter mit oder kauft vor Ort ein Mehrwegglas oder einen Stoffbeutel, füllt aus den grossen Gefässen die gewünschte Ware in beliebiger Menge ab und bezahlt schliesslich nach Gewicht des Inhalts.

Reis, Teigwaren, Mehl, Haferflocken, Zucker, Schokolade, Gummibärli, Öl, Essig: Der grosse Teil des Angebots sind Lebensmittel. «Fast alles biologisch ­hergestellt», wie Hengrave versichert. Die fairen Produktions­bedingungen wirken sich logischerweise auch auf den Preis aus – die Produkte sind grundsätzlich teurer als beim Grossverteiler. «Dafür kann man hier eben genau die Menge kaufen, die man tatsächlich braucht.»

Zahnbürstli aus Bambus

Unter den insgesamt über 250 verschiedenen Produkten finden sich nebst den Grundnahrungsmitteln auch viele verpackungsfreie Putzmittel oder Hygieneartikel wie Shampoo, Waschmittel oder Deo. Dazu kommen einige etwas «exotischere Produkte», wie es Isabelle Hengrave nennt. So etwa die Zahnbürste aus Bambus mit abbaubarer Bürste, selbstauflösende Zahnpasta-Tabletten oder Menstruationstassen, die als Tamponersatz dienen.

«Bei solchen Produkten gibt es manchmal noch etwas mehr Erklärungsbedarf», erzählt Hengrave. Besonders gewöhnungsbedürftig sind offenbar die Stoffbinden – viele Kunden würden sie auf den ersten Blick für Finken halten. Ein weiteres eher unkonventionelles Produkt dürfte demnächst ebenfalls den Weg in Hengraves Holzregale finden: Windeln aus Stoff. «Eine Kundin testet das derzeit.»

«Ich höre immer wieder, dass das alles sowieso nur eine Mode sei.»

Isabelle Hengrave

Gewöhnungsbedürftig hin oder her: Das Konzept mit dem nachhaltigen Einkaufen scheint zu funktionieren. «Das Interesse steigt von Woche zu Woche», sagt die gebürtige Neuenburgerin, die mit ihrer Familie im Liebefeld lebt und zusammen mit ihrem Mann eine Tierarztpraxis führt. Noch könne sie zwar nicht vom ­i-lade – so heisst ihr neues Geschäft – leben. «Ich hoffe aber natürlich, dass das irgendwann möglich sein wird.» Es gehe ihr aber nicht nur darum, mit ihrem Laden Geld zu verdienen, sondern sie wolle die Leute für das Thema Abfall sensibilisieren.

Die gute Portion Idealismus, mit der Isabelle Hengrave ihr Projekt vorantreibt, ruft auch Skepsis hervor. «Ich höre immer wieder, dass das alles sowieso nur eine Mode sei.» Auch kritische Fragen, wie ökologisch ein verpackungsfreier Laden unter dem Strich wirklich sei, muss sie sich gefallen lassen. So fallen durch die geringen Warenmengen, die sie in ihrem Laden lagern kann, umso häufiger Lieferwege an.

Nebst den grösstenteils regionalen Produkten stehen im Sortiment zudem auch einige Artikel, die etwa aus Peru oder Kanada importiert werden. Ein weiteres Thema ist der Wasserverbrauch, der gerade durch Produkte wie Stoffwindeln steigt. Und: Zwar wird die Ware im Laden lose verkauft, geliefert wird sie aber nicht komplett unverpackt.

Ganz ohne Abfall geht nicht

Hier beweist Hengrave, dass sie zwar konsequent ist, aber nicht stur. «Das Ganze muss auch noch Spass machen», sagt sie. Wenn die Cranberrys in der Cornflakes-Mischung aus Übersee kämen, dann sei das ausnahmsweise halt einfach so. Sie wolle auch niemandem verbieten, irgendetwas zu konsumieren. «Ich selber verzichte zum Beispiel auch nicht komplett auf Chips – trotz teilweise unsinniger Verpackung.»

Sie habe zudem bewusst davon abgesehen, ihren Laden mit dem Prädikat «Zero Waste» – also null Abfall – zu versehen. Denn: «Ganz vermeidbar ist er schlicht nicht.»

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