Siebzig Märchen auf einen Streich

Münsingen

Im Schlosspark fand erstmals ein Erzählfestival statt. Märchenfrauen verzauberten Hörwillige und umgarnten sie mit wundersamen Geschichten.

Christine Huber erzählt in «Vom Wunsch zum Glück» von unerfüllten Träumen.

Christine Huber erzählt in «Vom Wunsch zum Glück» von unerfüllten Träumen.

(Bild: Susanne Keller)

Ganz der Wahrheit verpflichtet, das sind Märchenerzählerinnen nie. Und doch sind ihre Geschichten keine Fake News. Sie sind das Erbe alten Kulturgutes, manchmal verbunden mit einem mahnenden Finger. «Wir überliefern uralte Weisheiten und regen damit zum Nachdenken an», umschreibt Claudia Däpp ihre Motivation, Märchen auf Schweizer Bühnen zu erzählen.

Die 34-Jährige hat eine zweijährige Ausbildung bei der Märchenstiftung Mutabor hinter sich. Im Rahmen des Münsinger Erzählfestivals verzauberte sie am Wochenende das Publikum im Cheminéeraum des Freizeithauses. Stinkfreche Mäuse, löwenmutige Ziegen und andere Un-Alltäglichkeiten kommen dabei in ihren Erzählungen vor.

Mit viel Mimik und Gestik vorgetragen

Claudia Däpp ist in Steffisburg aufgewachsen. Ihr Berndeutsch setzt sie am Festival virtuos ein. «Sie het guet gluegt u gnau gseh», sagt Däpp und betont genüsslich die Abfolge der g-Wörter. Bei ihr ist der König nicht nur ein Fresssack und Angsthase, er ist auch noch ein «Gytgnäpper». Gut, dass es da die redlichen und arbeitsamen Leute gibt.

Mit viel Mimik und Gestik verstärkt Däpp ihre Geschichten, fragt beim Publikum nach und lässt es mitleiden. «Ich kann schier nicht weitererzählen», stöhnt sie, und im Saal wird es mucksmäuschenstill. Jung und Alt bangen mit der Ziege und später mit dem Löwen mit. Es ist offensichtlich: Däpp ist ihrem Versprechen, die Geschichten in- und nicht auswendig zu lernen, treu geblieben.

Erzählkultur auch für Erwachsene

Um einiges zurückhaltender geht es etwas später im Kirchgemeindesaal zu und her. Hier lauschen in erster Linie Erwachsene den vier Frauen von Erzählkultur Aaretal. Anna Gutzwiller, Christine Huber, Rosalie Messerli und Michaela Reichert haben ebenfalls bei Mutabor eine Ausbildung zur Märchenerzählerin abgeschlossen und treten nun vor Freunden und Interessierten auf.

Unter dem Titel «Vom Wunsch zum Glück» erzählen sie von unerfüllten Träumen, ihren Tücken und dem Weg zum wirklichen Glück. Begleitet werden sie von Harfen- und Violinklängen, gespielt von Blathnaid Fischer und Marianne Knecht.

Seit sieben Jahren tritt das Quartett unter dem Namen Erzählkultur Aaretal auf. Sie waren es auch, die vor zwei Jahren den ersten Pflock für das Erzählfestival Münsingen einschlugen. Urs Ammon, der Leiter der Kinder- und Jugendfachstelle Aaretal, gab den Input dazu. Die Frauen liessen sich begeistern und übernahmen schliesslich die Vorbereitungsarbeiten für das Festival.

Insgesamt 70 Märchen fanden von Freitag bis Samstag den Weg in die Hörkanäle des Publikums und haben sich im Hirn der Leute festgesetzt. Auf dass das «Kino im Kopf», wie es Kinderbuchautor Lorenz Pauli nennt, lange anhält.

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