«So grosse Antennen werden verschwinden»

Ostermundigen

In den Familiengärten Oberfeld in Ostermundigen ist eine 25 Meter hohe Mobilfunkantenne geplant. 250 Leute haben Einsprache erhoben – denn die Zeit solcher Antennen in städtischen Gebieten laufe ab. Forscher sind skeptisch.

Rundherum Familiengärten und Wohnhäuser: Hier soll die Antenne zu stehen kommen. Foto: Raphael Moser

Rundherum Familiengärten und Wohnhäuser: Hier soll die Antenne zu stehen kommen. Foto: Raphael Moser

Ein paar Hühner gackern. Ansonsten ist es in den Familiengärten im Ostermundiger Oberfeld noch ruhig. Doch das wird sich bald ändern: Schon in wenigen Wochen werden Hobbygärtnerinnen und -gärtner eifrig säen, setzen, giessen und jäten. Abends werden Familien zusammensitzen, plaudern und grillieren. Die Gärten seien «ein Ort der Gemütlichkeit», schwärmen Anwohner, «eine Oase».

Just hier will die Firma Salt einen 25 Meter hohen Sendemast aufstellen, eine Antenne, die den Handy- und Datenempfang in Ostermundigen verbessern soll. Das Bauprofil ist schon von weitem sichtbar. «Die Antenne ist für das Ortsbild wie eine Faust aufs Auge», sagt Beat Leiser, der neben den Schrebergärten wohnt. Noch mehr Sorgen bereitet ihm die Strahlung der Antenne.

«Kommen Sie», sagt er und schreitet zum Jugendtreff Hangar, der an die Familiengärten grenzt. Vor dem Hangar hat es einen Spielplatz mit Grillstelle. Hier laufe im Frühling, im Sommer und im Herbst immer etwas, erzählt Leiser. Er kann nicht verstehen, dass ausgerechnet hier eine leistungsstarke Antenne zu stehen kommen soll.

Was ist ein «sinnvoller Ort»?

Rund 250 Anwohnerinnen und Anwohner reichten gegen die Pläne von Salt Einsprache ein und gründeten die Interessengemeinschaft (IG) Antenne Oberfeld. Leiser ist Mitglied dieser IG. «Wir sind nicht gegen Handys und nicht gegen Antennen im Allgemeinen. Aber sie müssen an einem sinnvollen Ort stehen», sagt er.

Und: «Grosse, freistehende Antennen sind Dinosaurier, die in städtischen Gebieten wie Ostermundigen langsam aussterben.» Die Zukunft gehöre Mikrozellenantennen, die etwa in Schächten eingebaut würden. Diese seien nicht viel stärker als ein WLAN, die Strahlung sei 600-mal geringer als bei der Oberfeldantenne. «Mit Mikrozellenantennen wird die Strahlung demokratisch verteilt.»

Ganz so einfach sei es nicht, sagt Gregor Dürrenberger, Geschäftsführer der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation. Er erklärt: In städtischen Gebieten wie Bern sind Kleinstantennen heute schon üblich. Sie versorgen die Hotspots und Gebiete, wo viele Leute sind.

Mit leistungsstärkeren Antennen werden grössere Gebiete mit weniger Datenverkehr oder entlang der Mobilitätsachsen abgedeckt. «Im Prinzip ist es wie beim Verkehr: Ein neues Quartiersträsslein ersetzt keine Autobahn», sagt Dürrenberger. In ländlichen Gebieten erachtet er Miniantennen allein als unrealistisch, zu klein sei ihre Reichweite, zu unrentabel ihr Betrieb.

15000 neue Antennen?

Derzeit planen die drei grossen Schweizer Mobilfunkanbieter ihre leistungsstarken 5G-Netze. Sie möchten, dass der Bund die Strahlengrenzwerte erhöht. Der Ständerat lehnte dies ab, eine vom Bundesrat eingesetzte Expertenkommission, in der auch Dürrenberger mitarbeitet, sucht nun andere Lösungen. Die Mobilfunkanbieter warnen: Bleiben die heutigen Schweizer Grenzwerte bestehen, braucht es 15000 neue Antennenstandorte.

In umliegenden Ländern gelten für Mobilfunkantennen bis zu zehnmal höhere Grenzwerte als in der Schweiz. Aber auch in diesen Ländern habe die Forschung keine Belege gefunden, dass wegen der Strahlung gesundheitliche Schäden auftreten, sagt Dürrenberger. «Die Strahlenbelastung, die vom Handy ausgeht, ist deutlich höher als jene von der Antenne.» Das sei vielen Leuten nicht bewusst.

Zwei Alternativen

Die Leute von der IG Antenne Oberfeld kennen diese Argumente. Man müsse aber wissen, dass die Forschungsstelle von der Mobilfunkindustrie gesponsert werde, erklärt Beat Leiser. Und zitiert aus der staatlich anerkannten NTP-Studie aus Amerika: Demnach zeigten Ratten, die zwei Jahre Mobilfunkstrahlen ausgesetzt waren, deutlich häufigere Krebssymptome in Hirn und Herz. Laut der Studie besteht auch bei Menschen ein erhöhtes Krebsrisiko bei der Nutzung von Mobiltelefonen.

So oder so, Fakt ist: Bei der geplanten Antenne im Oberfeld sind die Grenzwerte laut Baugesuch eingehalten. Fakt ist ebenfalls, dass Ostermundigen das sogenannte Kaskadenmodell übernommen hat. Dieses sieht vor, dass neue Antennen primär an bestehenden Standorten und in Arbeitszonen aufgestellt werden. Ist dies nicht möglich, darf auf mindestens fünfgeschossige Häuser in Wohnzonen ausgewichen werden.

«Das ist beim vorliegenden Projekt nicht erfüllt», sagt Leiser. Die IG schlägt deshalb vor: Wenn es schon eine neue Antenne brauche, solle sie an der Abbruchkante beim Steinbruch oder auf dem Bären-Hochhaus installiert werden. Beim Bären-Hochhaus, direkt an den Hauptverkehrsachsen, könne Salt die gewünschte Abdeckung sowieso besser erreichen.

«Ausgewogene Lösung»

Gemäss dem bisherigen Ostermundiger Zonenplan liegen die Oberfeldgärten in einer Freizeitzone. Nach dem neuen, mit dem Kaskadenmodell eingeführten Plan sind sie arbeitszonenähnlich – und damit ein geeigneter Antennenstandort. Das erstaunt. «Doch, es ist so», sagt Peter U. Müller, Leiter der Hochbauabteilung.

Den Zonenplan habe während der öffentlichen Auflage niemand infrage gestellt, der Kanton hat ihn soeben genehmigt. Ob die Ostermundiger Behörden die Antenne im Oberfeld bewilligen, ist dagegen noch offen. Peter U. Müller hofft, «eine ausgewogenen Lösung» zu finden, die auch den Anliegen der Anwohner Rechnung trage. Man werde der Firma Salt die vorgeschlagenen Alternativstandorte weiterleiten.

Und was sagt Salt? Fürs Telefonieren würden etwas weiter entfernte Antennenstandorte oft ausreichen, erklärt Firmensprecherin Viola Lebel. Für den Fernseh- und Videokonsum dagegen seien möglichst zentrale Standorte nötig. Die geplante Antenne im Ostermundigen sei daher nötig. «Ein weiter entfernter Standort kommt nicht infrage.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt