Theodor Kocher verhalf dem Inselspital zu Weltruhm

Vor 100 Jahren ist der Wegbereiter der modernen Chirurgie gestorben: Theodor Kocher. 1909 erhielt er als erster Chirurg den Nobelpreis für seine Arbeiten zu Funktionsweise und Chirurgie der Schilddrüse.

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Er war ein ganz Grosser und weltberühmt. Er war Wegbereiter der modernen Chirurgie, entwickelte neue Operationstechniken und chirurgische Instrumente. Er war Ende des 19. Jahrhunderts Promotor für den Neubau des Inselspitals (Eröffnung 1884).

Und schliesslich erhielt Theodor Kocher 1909 als erster Chirurg überhaupt den Medizinnobelpreis. Geboren wurde Kocher am 23. August 1841 in Bern, wo er auch studierte und als 31-Jähriger, 1872, zum Professor der Chirurgie und zum Direktor der Chirurgischen Klinik des Inselspitals gewählt wurde.

Er muss von sich überzeugt gewesen sein. Während seine Berufskollegen umfangreiche Bewerbungsschreiben einreichten, legte Kocher keine Unterlagen bei; er sei aber bereit, auf Wunsch solche nachzuliefern. Ganz nach dem Motto: Wer mich nicht kennt, ist selber schuld.

Grundlagen für die Chirurgie

Theodor Kocher erforschte fast alle Gebiete der Chirurgie. 1892 erschien sein Hauptwerk «Chirurgische Operationslehre», das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Zu Kochers Popularität haben etwa seine neuen Schnittführungen in der Chirurgie beigetragen.

Auch seine Methoden in der Schulterchirurgie sowie seine schmerzarme und gefahr­lose Schulterreposition nach Ausrenkungen dieses Gelenks sorgten international für Furore. Seine Methode wird noch heute angewandt.

«Er hat in vielen Bereichen der Chirurgie Grund­lagen geschaffen, die wir heute für selbstverständlich halten», sagt Daniel Candinas, Professor und Direktor der Klinik für viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital.

Weit verbreiteter Kropf

Kochers Spezialgebiet war die Schilddrüse. Sie befindet sich unterhalb des Kehlkopfes, und ihre Bedeutung war lange Zeit unbekannt. «Kocher hat entdeckt, dass die Schilddrüse ein lebenswichtiges Hormon produziert», sagt Candinas.

Dieses Hormon reguliert den Soffwechsel der Zellen. Schilddrüsenhormone enthalten Jod. Wenn es an diesem mangelt, wächst die Drüse. Es kommt zum Kropf. Im 19. Jahrhundert war der Kropf (medizinisch: Struma) im Bernbiet und anderen Teilen des Alpenraums – bedingt durch jodarme Böden – weit verbreitet.

Zu Kochers Zeiten wurde im Kanton Bern bei 35 Prozent der Kinder im ersten Schuljahr ein Kropf diagnostiziert. Bei Neuntklässlern waren es sage und schreibe 79 Prozent. Kropfoperationen wurden bereits vor der Ära Kocher durchgeführt. «Aber die Sterblichkeitsrate von 40 Prozent war brutal», sagt Chefarzt Daniel Candinas.

Kocher führte eine neue und vor allem blutungsarme Operationsweise ein. Die Sterblichkeit sank von 40 auf 14 Prozent. Patienten aus der ganzen Welt kamen nach Bern, um sich vom Starchirurgen operieren zu lassen – auch Nadeschda Krupskaja, Lenins Frau. Kocher brachte es in seiner Karriere auf über 7000 Kropfoperationen.

Seit 1922 ist das Salz jodiert

In den Anfängen musste er Rückschläge hinnehmen. 1874 entfernte er bei der 11-jährigen Marie Bichsel aus Zäziwil die Schilddrüse vollständig. Ein paar Jahre später musste Kocher bei Marie schwere Veränderungen feststellen, «Idiotismus und Cretinismus». Bei der Kropfentfernung wurde in Zukunft ein Rest der Schilddrüse belassen.

Als 1922 erstmals in der Schweiz die Kochsalzjodierung eingeführt wurde, sank die Diagnose von Kropf bei Kindern der 9. Schulklasse von 79 auf 10 Prozent. Laut Daniel Candinas zeigen heute rund 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine Vergrösserung der Schilddrüse, dies sei wahrscheinlich genetisch bedingt.

Für seine Arbeiten zur Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse erhielt Theodor Kocher 1909 den Nobelpreis für Medizin. Er starb 1917 in Bern. Der Kocherpark – die Villa benutzte er als Gästehaus –, die Kochergasse (vormals Inselgasse) sowie das Kocher-Institut der Universität Bern erinnern heute noch an ihn.

Berner Zeitung

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