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Tramgegner verlieren ein Argument

Könnte Bern seinen Unesco-Titel verlieren, wenn Tram Region Bern und zweite Tramachse kommen? Ja, glauben Tramgegner. Fachleute entkräften dieses Argument.

Historische Berner Altstadt und moderner ÖV – das gefährdet laut Fachleuten das Unesco-Label nicht.
Historische Berner Altstadt und moderner ÖV – das gefährdet laut Fachleuten das Unesco-Label nicht.
Tomas Wüthrich
Die Waldschlösschenbrücke überspannt das Elbtal und kostete die Region ihren Platz auf der Unesco-Liste.
Die Waldschlösschenbrücke überspannt das Elbtal und kostete die Region ihren Platz auf der Unesco-Liste.
imago
Die Oryxantilope hatte einst ein geschütztes Reservat in Oman. Als dort die Ölförderung begann, wurde das Unesco-Label aberkannt.
Die Oryxantilope hatte einst ein geschütztes Reservat in Oman. Als dort die Ölförderung begann, wurde das Unesco-Label aberkannt.
Keystone
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Eine neue Tramlinie zwischen Ostermundigen, Bern und Köniz, eine zweite Tramachse durch die Berner Innenstadt: In Sachen öffentlicher Verkehr haben Stadt und Region Bern in den kommenden Jahren Grosses vor (siehe Zweittext links). Gegen beide Tramprojekte gibt es Widerstand.

In der Stadt Bern haben die Gegner ein gewichtiges Argument in petto: Werde der öffentliche Verkehr derart ausgebaut, könnte die Stadt ihr Unesco-Label verlieren. SVP-Stadtrat Alexander Feuz und andere bürgerliche Politiker warfen dem Gemeinderat anlässlich der letzten Tramdebatte im Parlament vor, dieser Punkt sei überhaupt nicht bedacht worden. Die Folgen könnten happig sein, fürchten die Tramgegner: Fliegt Bern aus der Liste des Weltkulturerbes, verliert die Stadt ihr grösstes touristisches Plus.

Unesco-Label zweimal aberkannt

Doch wie realistisch ist dieses Szenario? Kann man die Auszeichnung der Unesco überhaupt verlieren? «Man kann», sagt Jeanne Berthoud. Sie ist Projektkoordinatorin bei der Schweizerischen Unesco-Kommission. Allerdings ist dieser Fall bisher erst zweimal eingetreten. Im Jahr 2007 wurde ein Wildschutzgebiet in Oman von der Liste gestrichen. Dort lebten Arabische Oryxantilopen. Das Reservat war um 90 Prozent verkleinert worden, weil Öl gefördert werden sollte. Die Folge: Der Bestand der Oryxantilopen ging stark zurück. Ein klarer Fall: Das Unesco-Label wurde aberkannt.

Die zweite Stätte, die 2009 von der Liste gestrichen wurde, ist die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal. Durch diese geschützte Gegend wurde die Waldschlösschenbrücke gebaut, eine Strassenverbindung über die Elbe. Obschon das Bauwerk mitten im Unesco-Weltkulturerbe geplant war, entschieden sich die Bürger dafür. Die Waldschlösschenbrücke wurde im August 2013 eröffnet, das Tal hatte den Welterbetitel verloren.

ÖV schmälert Berns Wert nicht

Solche Konsequenzen scheint man in Bern nicht befürchten zu müssen. Der öffentliche Verkehr gehöre grundsätzlich zur Stadt und schmälere den aussergewöhnlichen Wert der Unesco-Stätte nicht (vergleiche Zweittext links). Zu diesem Schluss kommt man beim Bundesamt für Kultur (BAK), verantwortlich für die wissenschaftliche Unterstützung der Kulturerbestätten in der Schweiz.

«Ein mittelalterliches Stadtzentrum und moderner öffentlicher Verkehr sind durchaus kompatibel», sagt auch Jeanne Berthoud von der Schweizerischen Unesco-Kommission. Schliesslich habe es bereits ÖV in der Innenstadt und Altstadt gegeben, als Bern 1983 auf die Weltkulturerbeliste aufgenommen wurde – übrigens neben dem Stiftsbezirk St.Gallen und dem Kloster Müstair als erste Schweizer Stätte. «Heikel wäre es für den Berner Titel geworden, wenn bisher nur Pferdekutschen durch die Altstadt gefahren wären», sagt die Fachfrau.

Keine Einwände von der Denkmalpflege

Auch die Verantwortlichen in Bern fürchten nicht um das Unesco-Label: Die städtische Denkmalpflege habe im Rahmen der verwaltungsinternen Vernehmlassung zum Projekt Tram Region Bern keine Einwände geäussert, sagt Simon Küffer, stellvertretender Generalsekretär der Direktion Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS). Dementsprechend gehe der Berner Gemeinderat davon aus, dass das neue Tram «uneingeschränkt Unesco-kompatibel» ist. Auch auf nationaler Ebene gab es positive Rückmeldungen: Laut TVS wurde das Projekt Tram Region Bern allen betroffenen Bundesämtern zur Stellungnahme vorgelegt. Das für den Unesco-Aspekt zuständige BAK habe keine Einwände geäussert.

Die Projekte Tram Region Bern und die zweite Tramachse seien jedoch unterschiedlich zu betrachten, heisst es bei der städtischen Verkehrsdirektion. Tram Region Bern sei ein fertig ausgearbeitetes Projekt, das sich im Bewilligungsverfahren befinde. Die zweite Tramachse stehe am Anfang der Projektierung. Doch auch dieses Vorhaben wurde bereits auf seine Unesco-Kompatibilität durchleuchtet. Nicht von den Unesco-Verantwortlichen selber, aber im Rahmen der Zweckmässigkeitsbeurteilung durch Experten.

Zweite Tramachse verläuft durch «junge» Altstadt

«Dabei wurde kein schwerwiegender Konflikt festgestellt», heisst es im Bericht. Dies deshalb, weil die neue Tramachse durch den verhältnismässig «jungen» Teil der Altstadt verlaufen soll. Er wurde im 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts erbaut und weist keine Laubenbögen auf.

Wettbewerb für die zweite Tramachse

Für die zweite Tramachse soll ein Projektwettbewerb durchgeführt werden. «Dieser Wettbewerb hat unter anderem zum Ziel, die neue Linie bestmöglich ins Stadtbild und ins Gesamtverkehrssystem zu integrieren», sagt Simon Küffer von der TVS. In diesem Zusammenhang sei der Unesco-Status der Altstadt zu berücksichtigen. Auch dieses Projekt wird die Stadt Bern nicht an der Unesco vorbeischummeln können, wie Gegner befürchten. «Die Unesco-Verträglichkeit wird im Rahmen des Bewilligungsverfahrens geprüft», sagt Küffer.

Wie wichtig in Bern der Faktor Unesco genommen wird, zeigt die Tatsache, dass gewisse Varianten nach der Vorprüfung verworfen wurden. Vom Tisch ist die in Bern seit Jahren diskutierte Tramachse vor dem Bundeshaus. Ebenso wurde eine unterirdische Linienführung geprüft. Sie würde einen massiven Eingriff nötig machen. «Das ist im Unesco-Weltkulturerbe Altstadt nicht vertretbar», sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät bei der Präsentation der Siegervariante.

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