Und ewig frohlockt der Tod

Das Bernische Historische Museum würdigt in einer dichten Schau den Maler, Söldner und Reformator Niklaus Manuel (1484–1530). Sein verschollener «Totentanz» ist als Kopie des Malers Albrecht Kauw zu sehen. Ein Erlebnis.

  • loading indicator
Helen Lagger@FuxHelen

Er kriegt sie alle früher oder später: der Tod. Zuerst holt er die Äbte und Patriarchen, dann die Ritter und Schultheissen und ganz zuletzt den Künstler. Diesem reisst das frohlockende Skelett den Pinsel aus der Hand, just nachdem der Maler den «Totentanz» fertiggestellt hat. Zu sehen auf dem 24-teiligen Reigen nach Niklaus Manuel (1484–1530).

Das Original zierte eine Friedhofsmauer beim Kloster der Dominikaner, wo heute in Bern die Französische Kirche steht. Die Figuren waren lebensgross. Leider fiel der detailreiche Kunstschatz einer Strassenerweiterung zum Opfer. Doch einer hat die Szenen allesamt kopiert.

Albrecht Kauw (1621-1681), berühmter Schweizer Meister des Still­lebens, hielt den Tod und seine Opfer in Aquarellen für die Ewigkeit fest. In der Ausstellung «Söldner, Bilderstürmer, Totentänzer. Mit Niklaus Manuel durch die Zeit der Reformation» wird den Gemälden ein ganzer Raum gewidmet.

Künstler und Reformator

Hat Bern Niklaus Manuel, seinen «Totentanz» und dessen touristisch ausschlachtbares Potenzial bisher verschlafen? Das könne man so nicht sagen, meint Susan Marti, Kuratorin der Ausstellung und aufs Mittelalter spezialisierte Kunsthistorikerin. Bereits 1979 habe es eine sehr progressive Ausstellung – mit Einbezug vieler historischer Quellen – im Kunstmuseum Bern zu Niklaus Manuel gegeben sowie eine kleinere Schau im Jahr 1999.

Dass man den Künstler und Reformator jetzt im Historischen Museum würdige, habe mit dem Erscheinen des «Catalogue Raisonné» zu tun und sei auch als Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 zu verstehen. Niklaus Manuel war aufgrund seiner Verdienste im Reformationsprozess 1528 in den Kleinrat gewählt worden und besetzte somit eines der höchsten Ämter.

In der Ausstellung wird deutlich, dass Niklaus Manuels Zeit voller Umbrüche war. Der Buchdruck wurde erfunden, Amerika entdeckt und die Kirche zunehmend kritisiert. Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und Texte von Niklaus Manuel, aber auch Waffen, Kostüme und Skulpturen aus der hauseigenen Sammlung und von mehr als dreissig Leihgebern ergeben eine ebenso dichte wie vielseitige Schau.

«Ich vernahm, der Ablassbrief nütze nichts, worauf ich mir damit den Arsch abgewischt habe.»Bauer in einem Fasnachtsspiel von Niklaus Manuel, 1523

Die Ausstellungsszenerie ist der Architektur Berns nachempfunden. Man wandelt unter «Lauben», gelangt in eine zeittypische Kneipe und schliesslich in einer dem Berner Münster nachempfundenen Kulisse. Chronologisch folgt man dabei der Biografie von Niklaus Manuel, der mit grösster Wahrscheinlichkeit 1484 in Bern geboren und 1530 ebenda verstorben war.

Niklaus Manuels Selbstbildnis von 1520, eine Leihgabe des Kunstmuseums Bern, macht den Auftakt. Manuel hat sich punkto Komposition und Haltung an Albrecht Dürer inspiriert. Er präsentiert sich als selbstbewussten Malerfürsten in Dreiviertelpose. Mit der beginnenden Renaissance manifestierte sich der neu zelebrierte Individualismus auch in der Kunst. Doch auch die finstere Religiosität des Mittelalters wirkte noch lange nach.

Im Bereich «Kunst im Dienste der Kirche» taucht man unter anderem mit Gemälden der Nelkenmeister in die Glaubenswelt von Niklaus Manuels Zeitgenossen ein. In eine Zeit, als den «Sündigen» mit Fegefeuer und ewiger Verdammnis gedroht wurde.

Söldner und Secondo

Was motivierte Niklaus Manuel, sich als Söldner zu melden, sein Leben zu riskieren? Genau wisse man das nicht, so Susan Marti. Armut, aber auch die Möglichkeit, Abenteuer zu erleben und rasche Beute zu ergattern, habe wohl das Soldwesen für junge Männer so attraktiv gemacht.

Bekannt ist hingegen, dass Niklaus Manuel einer Migrantenfamilie entstammte. Seine Vorfahren waren aus Italien und hatten deutsche Ursprünge. Wie manche Secondos es heutzutage tun, änderte er seinen Namen: Alleman wurde zu Manuel. In Oberitalien kämpfte er 1516 in einer Schlacht. Wie man Söldner anwarb und wie viel Bestechung dabei im Spiel war, wird in der Schau ausgiebig dokumentiert.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist nicht nur der von Kauw gemalte «Totentanz», sondern auch dessen Belebung in Form einer videoanimierten Projektion. Lebensgross stehen in einem als Friedhof gestalteten Saal exemplarische Figuren aus dem Zyklus und werden vom Tod umtanzt.

So wird etwa einer Frau aus dem Volk das Kind entrissen. «Muss schon tanzen und kann noch nicht einmal gehen», beklagt die dazugehörende Inschrift die Unerbittlichkeit des Todes. Die Choreografie des tanzenden Skeletts hat die Berner Tänzerin Nina Stadler entwickelt.

Im Anschluss an diesen morbiden Teil taucht man in die frivole Fasnachtszeit, die Kritik an der Kirche erlaubte, ein. «Ich vernahm, der Ablassbrief nütze nichts, worauf ich mir damit den Arsch gewischt habe», sagt Bauer Nickli Zettmist – man beachte die witzige Namengebung – in einem Fasnachtsspiel von Niklaus Manuel.

Doch wie konnte aus dem begnadeten Künstler bloss ein glühender Kirchenkritiker und Bilderstürmer werden? Einer, der Goldschmiedekunst zerstörte, indem er sie einschmelzen liess, darunter gar einen Kelch seines Künstlerkollegen Bernhard Tillmann. Bei ­allem Respekt – das ist unverzeihlich.

Ausstellung: bis zum 17. 4. 2017. Bernisches Historisches Museum.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt