Unterwegs mit einer Pendlerin

Standseilbahn, Bus, Zug und noch mal Bus: Seit 10 Jahren pendelt Barbara Birchler tä­glich von Leubringen nach Bern zur Arbeit und wieder retour. Über zwei Stunden verbringt sie jeden Tag im öV. Diese Zeitung begleitete sie von Tür zu Tür.

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Christoph Albrecht

Es ist 7.20 Uhr, als Barbara Birchler ihre Haustüre abschliesst, den Regenschirm aufspannt und mit grossen Schritten in Richtung Standseilbahn läuft, die sie um Punkt 7.25 Uhr von Leubringen nach Biel bringen wird. Eine knappe Sache, würden Reiseunerprobte sagen. Barbara Birchler aber weiss, dass sie das Bähnli erwischen wird. Denn die 39-Jährige ist alles andere als ein Neuling, was das Reisen anbelangt. Seit einem knappen Jahrzehnt pendelt sie von ihrem Wohnort in Leubringen in die Berner Lorraine, wo sie arbeitet.

Für sie bedeutet das: Standseilbahn, Bus, Zug und nochmals Bus. Dreimal umsteigen. Jeden Tag.Trotz der über zwei Stunden, die sie täglich insgesamt mit Reisen verbringe, pendle sie gern, sagt Birchler. «Ich finde das spannend.» Sie besitze zwar auch ein Auto. Dieses brauche sie aber nur in Spezialfällen, etwa wenn sie mal im Spätdienst arbeite und abends schlicht keine Verbindungen mehr habe.

Für den normalen Pendleralltag lässt sie das Fahrzeug jedoch in der Garage. «Wenn du mit dem Auto unterwegs bist, weisst du nie, ob du am Schluss noch im Stau stecken bleibst.» Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln könne man hingegen einfach einsteigen und dann wieder aussteigen. «Es ist definitiv entspannter.»

Der Preis fürs schöne Wohnen

Entspannt geht es an diesem Morgen auch in der Standseilbahn – dem Funiculaire – zu und her. Nicht mehr als ein Dutzend Fahrgäste haben sich eingefunden. Ein Sitzplatz liegt heute für alle drin. Das sei aber nicht immer so, sagt Pendlerin Birchler. «Wenn die Schüler wieder da sind, dann steht man hier auch mal.»

So eng es dann aber auch werden mag – die Strapazen nimmt Birchler in Kauf. Warum? Weil sie einfach gern in Leubringen wohnt, wie sie sagt. Die Gemeinde auf rund 700 Metern über Meer, von wo aus man an schönen Tagen weit über das Mittelland, zu den Alpen und manchmal sogar bis zum Montblanc sehen könne, löse bei ihr Ferienfeeling aus. «Für dieses Gefühl lohnt sich auch der lange Arbeitsweg.»

Was für einige abschreckend tönen mag, ist in der Schweiz für viele Alltag. Laut dem Bundesamt für Statistik pendelten hierzulande im Jahr 2015 rund 30 Prozent täglich mit den ÖV zur Arbeit. Das ist fast jeder dritte Erwerbstätige. Die meisten Pendler – über 50 Prozent – sind aber nach wie vor mit dem Auto unterwegs. Rund 16 Prozent legen ihren Arbeitsweg zudem zu Fuss oder mit dem Velo zurück. Ob im Zug, mit dem Auto oder auf dem Velo: Der durchschnittliche Schweizer Arbeitsweg von zu Hause bis zum Büro ist knapp 15 Kilometer lang und dauert eine halbe Stunde.

Barbara Birchler (39) spricht im Interview über ihren Pendleralltag. Video: Christoph Albrecht.

News auf dem Handy

Um einiges über diesen Werten bewegt sich Barbara Birchlers Arbeitsweg. Während der Durchschnittspendler nach knapp einer Viertelstunde schon die halbe Strecke hinter sich gebracht hätte, steigt die Bernerin zu diesem Zeitpunkt das erste Mal um. Vom familiären Funi geht es in den deutlich dichter besetzten Bus. Auch dort reichts für einen Sitzplatz – und für einen ersten Blick aufs Handy. Früher habe sie jeweils noch eine Zeitung dabeigehabt. «Heute schaue ich mir die News morgens online an», sagt Birchler, die als typografische Gestalterin bei der Tamedia arbeitet, der auch die Berner Zeitung angehört.

Zeit für eine ausführliche Lektüre bleibt indes nicht. Nur ein paar Minuten später heisst es erneut: umsteigen. Von der Busstation gehts in die Bieler Bahnhofhalle, wo die Pendler aus allen Richtungen hineinströmen. Fix werden Regenschirme zugemacht, hastig Koffer hinter sich hergerollt und im Laufschritt Gratiszeitungen aus der Box gefischt. Es riecht nach Zigarettenrauch, warmen Bretzeln und Energydrinks.

In der engen Unterführung drosseln die hetzenden Leute ihr Tempo, lassen sich einen Moment lang von der Masse mittreiben, ehe jeder wieder sein eigenes Ziel verfolgt. Barbara Birchlers Ziel lautet jetzt: Kaffee. Den Rest ihres Frühstücks – ein Müesli – trägt sie in der Tasche mit sich. «Das esse ich dann jeweils im Büro, wenn ich die Mails abarbeite.»

Lieber Sommer als Winter

7.52 Uhr. Auf Gleis 9 machen sich die Schulferien bemerkbar. Keine verstopften Treppen. Keine Schlangen auf dem Perron. So lässt es sich pendeln. Sowieso: «Im Sommer ist alles ein bisschen angenehmer», sagt Birchler. Im Winter hingegen, da könne es schon mal ungemütlich werden, wenn man auf dem Perron auf den Zug warten müsse und einem die durchfahrenden Güterzüge die eisige Luft in den Nacken peitschen würden.

Zwei Minuten später. Die S3 Richtung Bern setzt sich in Bewegung. Birchler lehnt sich in einem freien Viererabteil in den Sessel zurück, nimmt einen Schluck Kaffee. Eine halbe Stunde kann sie nun sitzen bleiben. Was sie in dieser Zeit jeweils macht? «Nicht sehr viel», wie sie selber sagt. Ein bisschen Social Media anschauen, erste Mails überfliegen, Musik hören oder für ihre Weiterbildung lernen. «Manchmal schlafe ich auch.» Und: Obwohl sie den Weg bereits in- und auswendig kenne, schaue sie immer noch hie und da aus dem Fenster. Besonders gern tue sie das zwischen Schüpfen und Münchenbuchsee, ihrem Lieblingsmoment. «Da kommt man jeweils aus dem Nebelloch heraus und sieht auf einmal den blauen Himmel.»

«Pfeile haben sich bewährt»

An diesem Morgen jedoch bleibt der Himmel grau. Und es wird noch grauer, als die S-Bahn mit ihren schweigenden Fahrgästen im Bahnhof Bern einfährt. Hier sind die grossen Pendlerströme schon wieder Vergangenheit, die meisten Gratiszeitungsboxen ­bereits leer. Barbara Birchler schreitet durch die grelle Bahnhofunterführung, wo sie Pfeile an Boden und Decke auf die richtige Spur zu lenken versuchen – eine Massnahme, welche die SBB letztes Jahr umgesetzt haben, um die Pendlerströme besser regeln zu können. «Ich finde, das hat sich bewährt», sagt die Pendlerin und läuft – im Gegensatz zu einigen anderen – die Markierungen entlang in Richtung Bus, wo es zusammen mit einer Horde Gewerbeschülern auf den letzten Streckenabschnitt geht.

Es ist kurz nach 8.30 Uhr, als Barbara Birchler den Schirm zusammenfaltet, in ihrer Tasche wühlt, den Badge rausnimmt und ins Bürogebäude tritt. Für die 39-Jährige beginnt jetzt ein ganz normaler Arbeitstag – und danach wieder der ganz normale Arbeitsweg, einfach umgekehrt. Bus, Zug, nochmals Bus und Standseilbahn. Dreimal umsteigen. Wie jeden Tag.

Berner Zeitung

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