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Stadt will aus dem Viererfeld ein Glanzstück machen

Das Programm für den städtebaulichen Wettbewerb für die Überbauung von Vierer- und Mittelfeld ist bekannt. 25 interdisziplinäre Teams sollen ein neues Wohnquartier für 3000 Bewohnerinnen und Bewohner und einen Park entwerfen. Auf dem Mittelfeld könnten auch Hochhäuser gebaut werden.

Teilen sich das Dossier, das die halbe Stadt­verwaltung auf Trab hält: Alec von Graffenried und Michael Aebersold am Rand von Vierer- und Mittelfeld.
Teilen sich das Dossier, das die halbe Stadt­verwaltung auf Trab hält: Alec von Graffenried und Michael Aebersold am Rand von Vierer- und Mittelfeld.
Beat Mathys

Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) und Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) könnten einmal als Baumeister des Vierer- und des Mittelfelds in die ­Geschichte eingehen. Zu zweit führen sie das Projekt für die Stadterweiterung, die am Rand der Länggasse ein neues Quartier für 3000 Bewohnerinnen und Bewohner schaffen soll – von Graffenried als Chef über Stadtplanung und Hochbau, Aebersold als Chef des städtischen Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik, dem das Land gehört.

«An solcher Lage in einer Stadt ein so grosses Areal neu zu beplanen, das ist ­landesweit einzigartig», sagt von Graffenried. Und er hebt hervor: «Nahe am Bahnhof, bestens erschlossen, urbanes Umfeld.»

Einzigartigkeit bedeutet Aufmerksamkeit – und Druck. Die halbe Schweiz wird verfolgen, ob Bern der einmaligen Ausgangs­lage gerecht wird. Und auch die eigenen Ansprüche sind hoch: Bern will ein Glanzstück abliefern, darunter läuft nichts.

Die Areal- und Wohnstrategie, die Ende November 2017 publiziert wurde, bringt es in einem Satz auf den Punkt: «Das Viererfeld/Mittelfeld wird schweizweit als ­Vorreiter in Bezug auf Planung, Aneignung und Umsetzung wahr­genommen.» Entsprechend sorgfältig wählen die beiden Gemein­de­räte im Gespräch ihre Worte, verweisen mehrfach auf die breite Partizipation bei der bisherigen und der zukünftigen Planung. Wird versucht, Präferenzen der beiden zu interpretieren, dementieren sie dezidiert, dem nächsten Planungsschritt vorgreifen zu wollen.

Auch für das Bild posieren sie nicht zufällig vor dem Hintergrund des Burgerspittels oder des Breitenrains auf der anderen ­Aareseite. Die Diskussion, dass eine grüne Wiese überbaut werde, sei geführt worden, jetzt gehe es um neue Bilder und Themen.

Städtebau, Park, Wohnbau

Der nächste Planungsschritt ist am Mittwoch erfolgt: Die Stadt pub­lizierte das Programm für den städtebaulichen Wett­bewerb, der bis Ende Jahr das städtebauliche Konzept für das ganze Areal inklusive Stadtteilpark sowie erster Bauprojekte liefern soll.

Wer am Wettbewerb teilnimmt, muss dies alles entwerfen: städtebauliches Konzept, Park, Wohnbauprojekte. Letztere sind als «Projekt­lupen» vorge­sehen, was bedeutet, dass die Planer einzelne Wohnhäuser pro­totypisch ausarbeiten sollen. Das neue Quartier soll als 2000-Watt-Areal zertifiziert werden können, und auch die Grundzüge für ein Mobilitätskonzept sind Aufgabe des Wett­bewerbs.

«An solcher Lage in einer Stadt ein so grosses Areal neu zu beplanen, das ist ­landesweit einzigartig»

Alec von Graffenried

Angesichts der vielfältigen Fragen richtet er sich in der Ausschreibung an interdisziplinäre Teams mit Fachkompetenzen in Städtebau/Architektur, Landschaftsarchitektur, Soziales und Mobilität. Diese haben zunächst sechs Wochen Zeit, sich zu formieren und sich mit dem Nachweis ihrer Fachkompetenzen sowie Referenzen für die Teilnahme am Wettbewerb zu bewerben. Am Ende dieser Präqualifikation wählt die Wettbewerbs­jury 25 Teams für den eigentlichen Wettbewerb aus, darunter 3 bis 5 Nachwuchsteams.

«Die Teams müssen eine Vision haben vom Städtebau, von der Architektur, der Landschaft, dem Park, von der vielfältigen Nutzung, dem sozialen Zusammenspiel und vom Verkehr», zählt von Graffenried auf. Damit ist klar, was er anfügt: «Das braucht eine sehr intensive und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Umgebung.»

Mehrere Wettbewerbssieger

Speziell am Wettbewerb sei, so von Graffenried, dass sich so die Möglichkeit ergebe, erste Parzellen zur Überbauung abzugeben. Das heisst, dass Ende Jahr mehrere Sieger feststehen werden – «die 25 Teilnehmer haben also gute Chancen, etwas zu gewinnen», so der Stadtpräsident: Neben dem städtebaulichen Mandat für den Lead beim Masterplan, welches das Siegerteam «Städtebau» erhält, und dem Mandat für den Stadtteilpark sollen gleichzeitig vier bis sieben Projektierungsaufträge für Baufelder vergeben werden.

«Wir reden von rund 300 Wohnungen, die auf diese Weise rasch vergeben werden sollen», sagt ­Finanzdirektor Aebersold. Der nächste planerische Schritt nach dem Wettbewerb werde sein, unter Führung der Stadt die verschiedenen Sieger «miteinander zur Deckung zu bringen». Wegleitend dabei wird der Masterplan sein, den die Siegerteams unter der Leitung der Sieger «Städtebau» zusammen mit der Stadt erarbeiten werden. «Das wird komplex», so von Graffenried.

Am Ende dieses Prozesses werden die restlichen Baufelder auf dem Areal definiert sein, für die anschliessend die Projektwett­bewerbe durchgeführt werden sollen. Zwischenzeitlich wird wieder Finanz­direktor Aebersold am Zug sein, wenn es um die Vergabe des Baurechts für die Baufelder geht.

Grösser und dichter als üblich

Die Planerteams hätten eine «grosse Freiheit», sagt von Graffenried. Der Rahmen sei durch die Zonenordnung abgesteckt, wie sie die Abstimmung über das Vierer- und das Mittelfeld vom Sommer 2016 vorgibt: Park und Wohnzone sind definiert, auf dem Viererfeld darf 7-stöckig (6-stöckig mit Attika) gebaut werden, auf dem Mittelfeld sind bis zu 50 Meter hohe Hochhäuser erlaubt.

«Ansonsten sind die Teams frei, selbst was die Grobstruktur des Quartiers anbelangt», so von Graffenried. Für Gemeinderat Aebersold ist dies «ein wichtiger Aspekt» beim gewählten Vor­gehen: «Die Parzellierung soll erst nach dem städtebaulichen Wettbewerb festgelegt werden.»

Aufgrund der vorgegebenen Baudichte sei eines schon heute klar, ergänzt von Graffenried: «Im Vierer- und im Mittelfeld wird es grösser und dichter, als man sich dies in den meisten ­Berner Quartieren gewohnt ist.» Statt wie im Breitenrain oder in der Länggasse 3- bis 5-stöckig dürfte auf dem Viererfeld «eher 7-stöckig» gebaut werden, glaubt der Stapi. «Es gibt einen Trend zur Verdichtung, der aus raumplanerischen Überlegungen breit anerkannt ist.»

«Im Vierer- und im Mittelfeld wird es grösser und dichter, als man sich dies in den meisten ­Berner Quartieren gewohnt ist.»

Alec von Graffenried

Bei allen Wohnbauprojekten werden sich Investoren zu einem Zeitpunkt für deren Finanzierung bewerben können, an dem sie noch an der Konkretisierung des einzelnen Projekts mitar­beiten können. Trotz des «grossvolumigen» Quartiers, wie von Graffenried noch einmal sagt, ­bestehe «gleichzeitig verbreitet der Wunsch nach Kleinteiligkeit, auch bei der Vergabe der Baurechte».

Es sei deshalb für die Stadt «klar und manifest, dass am Ende nicht einfach vier Bauträger je 300 Wohnungen bauen werden». Wolle beispielsweise eine Genossenschaft nur 20 Wohnungen bauen, dann erhalte sie «vielleicht nicht ein ganzes Baufeld, sondern einen ‹Schnitz› in einer Blockrand­bebauung».

Ganze Baufelder oder nur einen Hausteil für einen In­vestor: Wieder betonen die Gemeinde­räte die totale Offenheit für den Wett­bewerb. «Falls es auf dem Mittelfeld Hochhäuser gäbe, wäre auch eine horizontale Aufteilung möglich», sagt von Graffenried.

Die Hochhausfrage! Ohne zu viel interpretieren zu wollen, legen einige Aussagen von Graffenrieds und Aebersolds den Schluss nahe, dass den beiden die Vorstellung hoher Häuser gefällt. «In der ganzen Schweiz werden im Moment Hochhäuser gebaut», sagt Aebersold. «Nur in Bern nicht. Ich finde, wir könnten durchaus etwas mutiger sein.»

Laut von Graffenried ist es eine für Bern spezifische Wahrnehmung, dass Hochhäuser mit sozialem Wohnungsbau gleichgesetzt werden, genährt natürlich aus der Bau­geschichte im Westen der Stadt. «Das muss aber nicht so sein», findet er. «Ein Tscharnergut fürs 21. Jahrhundert – darum würde es wenn schon gehen.»

Genossenschaften gebremst

Die Bemerkung, dass Genossenschaften, die mindestens die Hälfte aller Wohnungen auf dem Vierer- und Mittelfeld bauen sollen, eher nicht Hochhäuser rea­lisieren, lassen sie nicht gelten. Gemeinsame Waschsalons und Gemeinschaftsräume, vielseitige Erd­geschossnutzungen, Laubengänge, Innenhöfe und ähnliches seien dazu geeignet, auch in Hochhäusern nachbarschaftliches Woh­­nen zu ermöglichen.

Für eine konkrete Idee der Genossenschaften war die Stadt nicht zu haben: Gebt uns eine Parzelle, dann koordinieren wir dort das weitere Vorgehen, hatte eine «Genossenschaft der Genossenschaften (GDG)» unter Führung des Regionalverbands der Wohnbaugenossenschaften signalisiert (wir berichteten). Weil ohnehin mindestens die Hälfte der Wohnungen auf dem Areal gemeinnützig erstellt wird, erhoffte sich die GDG auf diese Weise ein beschleunigtes Vorgehen.

«Da kann nicht jemand unkoordiniert mit Planen und Bauen anfangen.»

Michael Aebersold

Die GDG sei offen für alle, die an genossenschaftlichem Wohnen interessiert seien und andernfalls vielleicht erst eine Genossenschaft gründen müssten, versicherten die treibenden Kräfte hinter der Idee. Und: In Basel und Zürich sei dies durchaus ein anerkanntes Vorgehen.

«Wir brauchen doch jetzt zuerst ein Gesamtbild und eine Vorstellung von der Etappierung», sagt jedoch Aebersold. «Da kann nicht jemand unkoordiniert mit Planen und Bauen anfangen.» Zudem sei das Dossier viel zu komplex und sensibel, um jemanden bevorzugt zu behandeln.

«Es handelt sich um ein Filetstück. Da wären schnell Vorwürfe gekommen, wenn die Vergabe nicht absolut transparent erfolgte.» Auch das Argument des früheren Bauens lässt Aebersold nicht gelten. «Wir reden von einem Jahrhundertprojekt für Bern. Da kann es nicht um ein Jahr mehr oder weniger gehen.»

Noch mehrere Abstimmungen

Die bisherige Planung sei in breiter Partizipation mit Bevölkerung und Stadtpolitik erfolgt, betont Stadtpräsident von Graffenried. «In der Länggasse wurde die Überbauung des Areals abgelehnt. Wir sind uns dessen bewusst und legen deshalb grossen Wert darauf, insbesondere das Quartier bei jedem Schritt mit­zunehmen.»

Weil nicht nur von Graffenrieds und Aebersolds Direktionen, sondern zahlreiche städtische Fachstellen in die Planung involviert sind, wurde innerhalb der Stadtverwaltung eigens ein Projektraum eingerichtet. Es gilt die Devise: Wer am Dossier Viererfeld/Mittelfeld arbeitet, tut dies in diesem Büro der Finanzverwaltung an der Bundesgasse.

Das dürfte noch mehrere Jahre so bleiben. Und neben weiteren partizipativen Veranstaltungen werden sich auch die Stimm­berechtigten noch mehrmals zum Vierer- und Mittelfeld äussern können: vielleicht für weitere Planungsvorlagen, ganz sicher aber für Baurechtsvergaben sowie für Erschliessung und Schulhaus.

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