Von Profi- und Proletentum

Biel

Im Vergleich mit ihren Provokationen sind die Schlagzeilen ums Vibez Peanuts. Die Frage, wie ihre testosteronschwangere Musik auf spannende Weise live umzusetzen sei, liessen Kollegah und Farid Bang allerdings unbeantwortet.

Kollegah (l.) und Farid Bang: Stiernackenattitüde. Foto: Raphael Schäfer

Kollegah (l.) und Farid Bang: Stiernackenattitüde. Foto: Raphael Schäfer

Die Kontroverse um das Vibez-Festival in Biel hat in den vergangenen Wochen viele Schlagzeilen produziert. Im Vergleich mit der Anzahl all jener, mit welchen die deutschen Rapper Farid Bang und Kollegah in den letzten Jahren die Medien im deutschsprachigen Raum versorgt haben, sind das allerdings Peanuts.

Mit ihren Texten überschreiten die beiden Rapper immer wieder ganz bewusst die Grenzen des allgemein Akzeptierten. Verschiedene ihrer Alben sind inzwischen wegen jugendgefährdender Aussagen in Deutschland indiziert worden, ihr Song «0815» trat im April letzten Jahres mit nur einer Textzeile («Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen») gar eine Lawine los, die schliesslich darin gipfelte, dass der deutsche Musikpreis Echo abgeschafft wurde.

Die gesamte deutschsprachige Medienwelt diskutierte daraufhin mal wieder, was Kunst darf und was nicht – die Staatsanwaltschaft Düsseldorf entschied schliesslich, die Aussagen seien von der künstlerischen Freiheit gedeckt –, und sie selbst zertrümmerten in einem Video demonstrativ ihre Trophäen.

Die Musikalität vergessen

Kurz: Sie sind streitbar, und sie haben es auf Streitbarkeit angelegt. Wie allerdings zelebriert man diese provokative, testosteronschwangere Musik spannend auf der Bühne? Die Antwort auf diese Frage bleiben Farid und Felix Blume bei ihrem Auftritt am Vibez-Festival schuldig. Er zeugt in ganzer Länge von der Unfähigkeit, ihre Stücke, die auf Portalen wie Youtube, Spotify oder Apple Music millionenfach gestreamt werden, musikalisch ansprechend zu präsentieren.

Die Stiernacken-Attitüde, die sie zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, gerät ihnen auf der Bühne vom ersten Moment an zum Stolperstein. Was man hört, sind dumpf dröhnende, unkontrolliert wirkende Stimmen, die sich in einem Dauerschwanzvergleich mit der Konkurrenz messen. Doch das dargestellte Selbstbewusstsein überragt die Leistung bei weitem.

Das könnte man vielleicht auch vom Franzosen Booba sagen, der wenig später auf der grossen Bühne steht und sich beim Vortrag seiner abgehackten Textzeilen im Energiesparmodus bewegt und höchstens mal die Whiskeyflasche anhebt, um einen Schluck zu nehmen. Der Sound kommt glasklar aus den Boxen, sein Rap lebt von dieser stockenden Reduziertheit.

Während er Souveränität demonstriert, wirken die beiden Düsseldorfer schlicht hölzern. Da können auch die mit Reizwörtern gespickten Texte nichts ändern. Die sind genau wie die Ansagen, der Befehlston («Wir wollen jetzt Moshpit! Los, Schweiz! Grösser! Und passt auf die Mädels auf, die brauch ich später noch!») und die Sprüche über die angeblich so willige und billige Weiblichkeit keinesfalls überraschend.

Wie man es um Klassen besser machen kann, hat eineinhalb Stunden zuvor an gleicher Stelle Kool Savas bewiesen. Der 44-Jährige wirft seine gesamte Erfahrung – aber eben auch seinen Schalk und seine Spontaneität – in die Waagschale und liefert einen Auftritt ab, bei dem alles stimmt. Jede Silbe passt genau auf den Beat, jedes Wort ist verständlich, mit jedem Stück forciert er die Stimmung im nur etwa zu einem Drittel gefüllten Zelt ein bisschen mehr.

Gleichzeitig liefert er auch ein Statement zum Festival aus Künstlerperspektive ab: Die Berichterstattung im Vorfeld sei ja eher so so lala gewesen. Man habe immer wieder lesen können, dass sich hier ein weiteres Fyre-Festival – und damit ein Desaster – anbahne. «Aber das hat für mich mit dem Fyre-Festival gar nichts zu tun: Die Bühne steht, alle Acts sind da.»

Internationale Beliebigkeit

Tatsächlich läuft aus Besuchersicht alles weitgehend reibungslos. Man erlebt einen Grossanlass, der internationale Acts aus dem Bereich der Urban Music nach Biel bringt. Dass die Stimmung auch bei dem hochroutinierten Auftritt des Jamaikaners Sean Paul, der einen Hit nach dem anderen in die kühle Seeländer Nacht hinauspowert, nicht annähernd den Siedepunkt erreicht, mag allerdings auch daran liegen, dass man dem Anlass seine Unpersönlichkeit und Beliebigkeit durchaus anmerkt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt