«Was technisch machbar ist, wird jemand machen»

Edy Portmann forscht an der Stadt der Zukunft. Obwohl manches, was der Informatikprofessor sagt, nach Science-Fiction klingt, ist der einstige Handwerker ein bodenständiger Typ.

<b>Stadtforscher</b> in urbaner Umgebung: Edy Portmann am Berner Europaplatz.

Stadtforscher in urbaner Umgebung: Edy Portmann am Berner Europaplatz. Bild: Raphael Moser

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So viel Dynamik in einem derart facettenreichen Thema! Edy Portmann kommt kaum dazu, Luft zu holen, wenn er über Smart Citys spricht. Der 41-jährige Innerschweizer mit Wohnsitz in Bern und einer Professur an der Uni Freiburg lebte und forschte in Singapur und im Silicon Valley, er ist auf der halben Welt in Projekte involviert, er berät Behörden und Parteien, und er tritt ständig irgendwo auf, um über sein Lieblingsthema zu reden: intelligente Städte.

«Smarte und menschenfreundliche Städte», präzisiert Portmann. «In meiner Forschung steht der Mensch im Zentrum – der Mensch, um­geben von intel­ligenten Werkzeugen.» Letztere betreffen schlicht alles, was unser tägliches Leben prägt: Politik, Bildung, Nachbarschaft, Wirtschaft, Energie, Mobilität und vieles mehr. Kein Wunder, gibts da viel zu bereden.

Effizienter und nachhaltiger

Bei allem Enthusiasmus und trotz des Redeschwalls voller Zitate und Quellenangaben, der aus Portmann herausbricht: Der Mann – verheiratet mit der Jugendliebe, mit der er drei Kinder hat – wirkt bodenständig, ja geerdet. Es schadet nicht, dies zu wissen, ehe man davon erfährt, was sich Portmann in einer smarten Stadt alles vorstellen kann.

«In meiner Forschung steht der Mensch im Zentrum – der Mensch, um­geben von intel­ligenten Werkzeugen.»Edy Portmann

Grundsätzlich geht es laut Portmann bei dem Thema darum, «Technologie so zu nutzen, dass sie ein besseres, effizienteres, nachhaltigeres Leben ermöglicht». Dazu fallen ihm viele lebensnahe und teilweise real existierende Beispiele ein: Sensoren und Drohnen, die vor Hang­rutschen warnen; Sensoren, die den Füllstand von Kehrichteimern messen, und ein intelligentes System, das aufgrund der Daten die effizienteste Runde für deren Leerung zusammenstellt, oder selbstfahrende Autos und intelligent miteinander verknüpfte, Stauprognosen anti­zipierende Mobilitätslösungen.

So weit, so harmlos – selbst wenn manches davon noch vor zehn Jahren unter Science-Fiction gelaufen wäre.

Externes Back-up der DNA

Portmanns Beispiele im Bereich Medizin sind auf­regender, ab­gehobener – und je nach Lesart bedrohlicher. Im Zentrum stehen da sogenannte Nanobots, Roboter im Kleinstformat. «Nanobots könnten zum Beispiel aus meinem Körper melden, dass mein Herz zu warm ist», sagt Portmann. Und ergänzt augenzwinkernd: «Das würde Thierry Carrel wohl gerne im Voraus wissen, wenn ich notfallmässig bei ihm eingeliefert werde.» Ein anderes Szenario, das Portmann einfällt: «Am Morgen meldet ein Bot: Dein Herzrhythmus ist holprig – unten wartet ein Uber-Taxi, das ich bestellt habe, und fährt dich zum Arzt.» Oder wieso, fragt er, sollte jemand nicht «ein externes Back-up – eine Sicherheitskopie – seiner DNA machen, bevor er an Alzheimer erkrankt»?

Portmann sieht solche Fragen pragmatisch. Wer täglich seine Schritte zählt, verfügt bereits über mehr Daten als der Arzt, den wir wegen einer Krankheit auf­suchen, sagt er. «Beim Arzt wird immer nur ein Punkt gemessen – da fehlen sehr viele Informationen.» Und, all­gemeiner: «Daten vermehren sich exponentiell. Was technisch machbar ist, wird jemand machen – sich zu verschliessen, funktioniert nicht.»

Wir seien bereits Sklaven der Technologie, sagt Portmann. «Wenn das Netz abstürzt, kann ich in der Migros nicht einmal mehr einen Apfel kaufen.» Damit wir die Technik beherrschen würden und nicht sie uns, müssten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft intensiv diskutieren, welche Rahmenbedingungen wir uns geben wollten. Portmanns Vision: die Mensch-Maschine-Stadt-Symbiose. «Es ist richtig, dass es ohne Menschen keine Technik gäbe. Aber ohne Technik gäbe es auch den heutigen Menschen nicht mehr.»

Flucht aus dem Gymnasium

Informatikprofessor Portmann verliess einst den akademischen Weg, ehe er ihn richtig ein­geschlagen hatte – weil sein Lateinlehrer ausserhalb der Schulstube zu wenig lebenstauglich ­gewesen sei, um ein Busbillett zu lösen.

So wollte er nicht werden, erkannte Portmann, brach den Gymer ab und machte eine Lehre als Fahrzeug-Elektriker-Elektroniker – um später via Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule und Studium von BWL und VWL mit Fokus Informationssysteme bis zur Habilitation doch noch eine spektakuläre Unikarriere hinzulegen. «Seit der Lehre, in der ich beim Autotuning gelernt habe, Chips zu verbessern, beschäftige ich mich mit ­digitalen Informationen», sagt Portmann.

«Beim Arzt wird immer nur ein Punkt gemessen – da fehlen sehr viele Informationen.»

Angesichts der stetig wachsenden Datenflut beschäftigt ihn eine Frage mehr als alle anderen: Wie wird der einzelne Bürger wieder Herr über seine Daten? «Privacy by design» ist der Ansatz, der ihm vorschwebt: Alle entscheiden selber, mit wem sie individuelle Daten teilen. «Die Menschen werden immer sensibler für dieses Thema», glaubt Portmann.

Selbst­bestimmt über die eigenen Daten zu verfügen, sei «das Gegenteil von dem, was das Silicon Valley will: Je mehr Daten, desto besser, heisst es dort». Dies werde dem Silicon Valley mittelfristig schaden, glaubt Portmann – unbeeindruckt davon, dass Facebook oder Google in den letzten Jahren die grossen Gewinner waren und über mehr Daten von uns ver­fügen als irgendjemand sonst.

Smarte Hauptstadtregion

Der Schutz von Daten sei «ein Businessmodell der Zukunft», ist Portmann überzeugt, ebenso wie der Betrieb von Plattformen, auf denen Bürger ihre Daten verwalten könnten. Ein Geschäftsmodell notabene, bei dem die Schweiz oder die Hauptstadtregion seiner Ansicht nach eine führende Rolle übernehmen könnte. Als «Smart Capital Region» hat sich die Hauptstadt­region zumindest schon mal aufgestellt – und ist auch bereits mit Portmanns Institut in Kontakt getreten.

«Es gibt keine absolute Sicherheit. Aber es hat sie auch nie gegeben.»

Spätestens jetzt ist dieser bei der Politik gelandet, auch wenn er sie bei allen Ausführungen zuvor mit im Blick hatte – wohl wissend, dass das Thema Smart City längst dort angekommen ist. Smart werden soll auch die Politik, etwa indem sie der Bevölkerung intelligente ­Onlinelösungen anbietet, ihr Bildungssystem der technologischen Revolution anpasst, smarte Werk­zeuge zur Stadtentwicklung einsetzt oder indem sie Netzwerke baut, die den Bürgern die Teil­habe an politischen Prozessen erleichtert. «Als Zentrum der direkten Demokratie und als Standort grosser Netzwerkbetriebe wie SBB, Post und Swisscom hat die Region Bern für die Zukunft smarter demokratischer Städte viel zu bieten.»

Portmann plädiert leidenschaftlich dafür, stärker die Chancen als die Risiken zu sehen. «Es gibt keine absolute Sicherheit. Aber es hat sie auch nie gegeben.» Früher habe beim Gang auf die Post ein Überfall gedroht, heute sei Hacking natürlich ein grosses Problem – etwas, das so grosse Löcher aufreisse, dass wir sie nicht mehr selber stopfen könnten. «Deshalb müssen wir intelligente Systeme bauen, die offene Stellen selber erkennen und darauf reagieren können.»

Erforschen? Erfinden!

Damit ist Portmann beim nächsten Thema angelangt, das allein Stoff für eine lange Abhandlung böte: Biomimetik – Technologie, die sich an der Natur orientiert. «Die Technik der Zukunft wird organisch sein und nicht mehr aus Silizium bestehen.» Um die Zukunft zu erforschen, müsse man sie kreieren, sagt Portmann mit einem Abraham-Lincoln-Zitat, das seinen «gestaltungsorientierten» Forschungsansatz beschreibt. Das heisst: Kreativ experimentieren, spielerisch erforschen – Portmann würde wohl nicht widersprechen, wenn jemand fände, dass dieses Vor­gehen auch seine Laufbahn recht passend beschreibe.

«Die Technik der Zukunft wird organisch sein.»

Etwas anderes ist allerdings auch klar: Der Spieltrieb soll nicht zum Selbstzweck verkommen. «Ich will mit meiner Forschung etwas verändern», hält Portmann ernsthaft fest. Falls er in einigen Jahren erkenne, dass dies mit der hiesigen Politik nicht möglich sei, dann schaue er weiter. «Meine Kinder sollen in einer Umgebung aufwachsen, wo man mit Digitalisierung konstruktiv umgeht.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.03.2018, 10:58 Uhr

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