Weniger Parkplätze als Parkkarten – Abbau in der blauen Zone

Bern

Weniger blaue Zonen – mehr Mobility-Parkplätze. So sieht die Parkplatzstrategie des Berner Gemeinderates aus.

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(Bild: Max Spring)

Ralph Heiniger

Bei Fluglinien ist es gang und gäbe: Es werden mehr Tickets verkauft, als es Sitze im Flugzeug gibt. Dies weil erfahrungsgemäss einzelne Passagiere im letzten Moment doch nicht auftauchen. Aber lässt sich diese Berechnung auch für die Parkkartenzonen in der Stadt Bern anwenden?

Im Kirchenfeldquartier, in der Zone 3006, verkaufte das Polizeiinspektorat der Stadt Bern letztes Jahr 2085 Parkkarten. In diesem Bereich gibt es allerdings nur 2064 Parkplätze. Im gesamten Kirchenfeld sind dieses Jahr zudem sieben blaue und zwei weisse Parkplätze in Mobility-Parkplätze umgewandelt worden.

Gewollte Änderung

Diese Umwandlung zu Mobility-Parkplätzen ist politisch gewollt. Der Berner Gemeinderat hat seine Haltung und seine Absichten im Bericht vom 1.April 2015 auf eine interfraktionelle Motion von GFL/EVP, SP/JUSO, GB/JA zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Carsharing dargelegt. Im Motionstext, der auch von Mitgliedern der CVP und der BDP mitunterzeichnet wurde, steht: «Es sollen dadurch nicht zusätzliche Parkplätze geschaffen werden, sondern bestehende Parkplätze, zum Beispiel in der blauen Zone, zu Carsharing-Parkplätzen umfunktioniert und damit besser genutzt werden.»

Dank Carsharing könne der motorisierte Individualverkehr und somit auch die Abstellplätze reduziert werden, heisst es im Bericht des Gemeinderates. Deshalb unterstütze er die Schaffung neuer Carsharing-Parkplätze – auf Kosten öffentlicher Parkplätze. Der Gemeinderat hat Mobility eine Rahmenkonzession für 35 Abstellplätze im öffentlichen Raum erteilt.

Mehr gelb, weniger blau

Die Mobility-Parkplätze im Kirchenfeld sind nur die erste Etappe. Weitere sollen demnächst im Nordquartier entstehen, danach werden auch in den anderen Stadtteilen Parkplätze umgepinselt.

Wer in der Stadt Bern wohnt, kann für 264 Franken pro Jahr eine Parkkarte kaufen. Diese erlaubt ihm unbeschränktes Parkieren in «seiner» Zone. In der ganzen Stadt gibt es heute 14'879 Parkplätze, auf denen man mit einer Parkkarte zeitlich unbegrenzt parkieren kann. Und es wurden gemäss der städtischen Verkehrsplanung etwa gleich viele blaue Parkkarten verkauft.

«In den einzelnen zentrumsnahen Zonen – zum Beispiel Matte, Kirchenfeld, Mattenhof, Lorraine, Breitenrain – wurden etwas mehr Karten verkauft als dass es Parkplätze hat, in den weiter entfernten Zonen dafür etwas weniger», sagt Stephan Moser von der Verkehrsplanung der Stadt Bern.

Hinzu kommen natürlich noch diejenigen Automobilsten, die ihr Auto zeitlich beschränkt mit einer Parkscheibe parkieren dürfen, Kurzzeitbewilligungen für Nichtanwohnende, wie Handwerker, 4-Stunden- und die Tagesbewilligungen. «Deren Verkauf hat in den letzten Jahren insgesamt stark zugenommen», so Moser.

Folge: Suchverkehr?

Führt dieses Missverhältnis in Zentrumsnähe nicht zwangsläufig zu viel Suchverkehr innerhalb der blauen Zone? «Theoretisch schon, aber in der Praxis sind ja immer Autos unterwegs oder an einem anderen Standort parkiert», sagt Stephan Moser. Auch den Vorwurf, dass es nicht sinnvoll sei, mehr Parkkarten zu verkaufen, als Parkplätze vorhanden sind, lässt Moser nicht gelten.

Schliesslich handle sich beim Kauf einer Parkkarte um ein klar reglementiertes Geschäft. «Jeder sieht in seinem Wohngebiet die Parkplatzsituation. Jeder kann selbst entscheiden, ob er eine Parkkarte für seine Zone will oder sich privat organisiert.» Zudem werden die Käufer darauf aufmerksam gemacht, dass trotz Karte kein Anspruch auf einen Parkplatz besteht. Im Reglement ist weiter nicht vorgesehen, die Karten zu limitieren und den Verkauf ab einem gewissen Anzahl einzustellen. «Wer die Bedingungen des Reglements erfüllt, darf eine Parkkarte kaufen», so Moser.

Anders als bei Fluglinien ist die serielle Überbuchung in der Stadt Bern also nicht ein Instrument zur Gewinnoptimierung – sondern eine Folge der Reglementierung.

Berner Zeitung

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