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Wer Erdogans Referendum kritisiert, schweigt lieber

Nicht alle lassen sich mundtot machen: In den Tagen, in denen Präsident Erdogan nach der totalen Macht greift, scheint das Leben der Türken in und um Bern seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

Die türkische Moschee in Ostermundigen will offiziell nichts mit der Politik am Hut haben. Trotzdem fühlen sich hier nicht mehr alle wohl.
Die türkische Moschee in Ostermundigen will offiziell nichts mit der Politik am Hut haben. Trotzdem fühlen sich hier nicht mehr alle wohl.
Iris Andermatt
«Die Türken finden bei uns mehr spirituelle Ruhe.» Mustafa Memeti über die Moschee am Europaplatz.
«Die Türken finden bei uns mehr spirituelle Ruhe.» Mustafa Memeti über die Moschee am Europaplatz.
Beat Mathys
«Sollte es Streit geben, würde ich davon sicher hören. So etwas spricht sich rasch herum.» Aliki Panayides über die Moschee in Ostermundigen.
«Sollte es Streit geben, würde ich davon sicher hören. So etwas spricht sich rasch herum.» Aliki Panayides über die Moschee in Ostermundigen.
Urs Baumann
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Die Stimme am Telefon tönte aufgeregt. So gehe es nicht weiter, der Druck des türkischen Regimes werde schier unerträglich, hiess es am anderen Ende der Leitung. Die Art und Weise, wie die Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan ihre Gegner bedrängten, ja verunglimpften, gehöre an die Öffentlichkeit.

Es passiert also auch in Stadt und Region Bern. Und es passierte schon Monate vor dem Urnengang zu Erdogans umstrittenem Referendum, wie das kurze Telefongespräch vom letzten Herbst zeigt. Seit einer Woche nun gilt es ernst, können die Türken auch hierzulande über die Vorlage abstimmen, über die sich der Präsident die alleinige Macht im Staat sichern will.

Mehrfach war dabei von Druckversuchen der offiziellen Türkei auf die Stimmberechtigten die Rede. Inzwischen steht sogar der Vorwurf im Raum, das Regime habe die Landsleute in der Schweiz bespitzelt. Die Anhaltspunkte sind so konkret, dass die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf illegale Spionagetätigkeit ermittelt.

Die Stimme am Telefon verstummte im letzten Herbst übrigens schon nach ein paar kurzen Wortwechseln wieder. Nicht etwa, weil sie nichts zu sagen gehabt hätte. Letztlich aber überwog die Angst, sich nur noch ­stärker ins Visier türkischer Repression zu manövrieren. Zudem lebt die Familie in Teilen nach wie vor in der alten Heimat, ist damit dem Zugriff der türkischen Behörden unmittelbar ausgesetzt. Kontakte zu einer Zeitung würden ihre Lage doch nur verschlimmern.

Unvermittelt patriotisch

Solche Sorgen plagen indes nicht alle. Wer sich unter den Türken in Stadt und Region Bern umhört, erhält sogar ein gegenteiliges, ein verblüffend ruhiges Bild. Zumindest an der Oberfläche scheint alles den gewohnten Gang zu gehen – das gilt sogar bei Leuten, die offen dazu stehen, ein Nein in die Urne eingelegt zu haben.

Für diese Gruppe steht eine zweite Stimme. Auch sie erscheint ohne Namen in der Zeitung, weil auch sie das Rampenlicht trotz allem scheut. Das hindert sie nicht an der Feststellung, dass die gewöhnlichen Leute aus dem Volk doch nichts zu befürchten hätten.

Erdogans Anhänger vergleicht sie mit den SVP-Parteigängern in der Schweiz – und ja: Probleme mit dem Präsidenten und dessen Administration handelten sich nur Leute in einer gewissen Position ein, Geschäftsleute, Juristen oder Journalisten. Meist kämen sie aber schon nach ein paar wenigen Tagen im Gefängnis wieder frei.

Dass das Referendum, wie so oft beklagt, einen tiefen Keil in die türkische Gesellschaft treibt, stellt die Stimme rundweg in Abrede. Im Kollegenkreis könne man in aller Ruhe das Dafür und Dagegen besprechen und dann ohne Probleme zu Alltagsthemen wie Ausgang oder Shopping wechseln.

Viele seien ja auch Doppelbürger und damit genauso interessiert am politischen Geschehen in der Schweiz. Schliesslich lebe man hier und sei direkt davon betroffen, wie sich, als Beispiel, die Krankenkassenprämien entwickelten.

Unvermittelt schlägt die Stimme türkisch-patriotische Töne an, erklärt, wie verletzend die international so harsche Kritik am Referendum doch sei: «Ich finde, andere Länder sollten uns nicht dreinreden, was wir zu tun und zu lassen haben.»

Auch aus anderen Ländern

Alles in Butter also? Die Verantwortlichen der Moschee in Ostermundigen sehen es jedenfalls so. Vergessen sind die Onlineaktivitäten von Imam Abdullah Dikmen, die den Treffpunkt der türkischen Muslime im letzten Sommer in die Schlagzeilen brachten.

Konkret ging es um einen Facebook-Post, mit dem der von der Türkei finanzierte Würdenträger auf den gescheiterten Putsch gegen Erdogan reagierte: Er teilte das Bild eines Galgens, den sich die Regierungstreuen ihren Kritikern wünschten.

Ahmet Cindir als Präsident des Trägervereins betonte schon damals, Politik habe in der Moschee rein gar nichts verloren. Er tut es auch jetzt wieder, und Gemeinderätin Aliki Panayides (SVP) stellt tatsächlich fest: «In der Moschee ist es ruhig.» Klar, als Aussen­stehende bekomme sie nicht alles und jedes mit. «Sollte es doch noch Streit geben, würde ich davon aber sicher hören. So etwas spricht sich rasch herum.»

Nach wie vor baut sie darauf, dass neben türkischstämmigen auch viele anderssprachige Muslime die Moschee in Ostermundigen besuchen. Die Predigten würden deshalb regelmässig in englischer und deutscher Übersetzung an die Wand projiziert. Das schaffe Transparenz.

Eine gewagte Parallele

Aber – unvermittelt trübt sich das Bild nachhaltig ein. Entscheidend dafür ist, was Imam Mustafa Memeti an der Moschee im Haus der Religionen in Bern beobachtet: Neuerdings besuchen vermehrt türkischstämmige Gläubige die Gebetsräume am Europaplatz, in denen traditionell die Muslime aus dem Balkanraum in der Mehrheit sind.

Über die Politik redet Memeti zwar nicht gern. In einer Zeit, in der religiöse Einheit ein Gebot der Stunde wäre, bringe sie die Muslime nur auseinander, sagt er. Für den ungewohnten Zulauf macht er sie dennoch klar verantwortlich. «Die Türken finden bei uns mehr spirituelle Ruhe», stellt er fest. Es sei offensichtlich, dass viele, die heute am Europaplatz beteten, mit der aktuellen Situation in ihrem Land nicht einverstanden seien.

Das gilt, selbstredend, für all ­jene, die Fethullah Gülen nahestehen. Der Prediger ist nach dem gescheiterten Putschversuch im letzten Jahr von Erdogan zum Staatsfeind Nummer eins erklärt worden.

Wieso, wissen nicht einmal seine Anhänger. Wieder meldet sich eine Stimme zu Wort, die auf den Schutz der Anonymität angewiesen ist, und sie antwortet mit einer kecken Gegenfrage: ob es denn so klar sei, wieso sich im Deutschen Reich der Nazizeit Adolf Hitler derart auf die Juden eingeschossen habe?

Rechtzeitig gestorben

Für sich hat die Person, die hinter der Stimme steckt, die Konsequenzen gezogen und der Moschee in Ostermundigen den Rücken gekehrt. Nicht, weil sie offen angefeindet worden wäre, wie sie bei ein, zwei Besuchen vor Ort feststellte. Aber: Wenn man im engeren Bekanntenkreis hautnah miterleben müsse, wie der türkische Staat dem einen das Haus wegnehme und dem anderen die Rente aberkenne, sei das Vertrauen hin. Selber in die alte Heimat zu reisen, komme unter diesen Umständen nicht mehr infrage. Zu gross sei die Gefahr, verhaftet zu werden.

Zurück bleibt nur die bittere Erkenntnis: «Es ist ein Glück, dass die nächsten Verwandten zu Hause gerade noch rechtzeitig gestorben sind.»

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