Wer zu wenig operiert, fliegt von der Liste

Der Regierungsrat hat neu definiert, welches Spital künftig welche Leistungen anbieten darf. Die Leistungsaufträge wurden restriktiver verteilt. Noch ist aber nicht bekannt, wer zu den Verlierern gehört.

Am Spital Thun dürfen auch künftig Hüftoperation vorgenommen werden.

Am Spital Thun dürfen auch künftig Hüftoperation vorgenommen werden.

(Bild: Patric Spahni)

Marius Aschwanden

Dass in der Berner Spitallandschaft dringender Kontrollbedarf herrscht, wurde spätestens vor drei Jahren klar. Damals veröffentlichte die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) ihre neue Versorgungsplanung – und brachte Erschreckendes ans Licht. So führten etwa manche Spitäler Operationen durch und stellten diese dem Kanton in Rechnung, ohne dass sie dafür einen Leistungsauftrag hatten. Andere wiederum erfüllten die Mindestfallzahlen bei weitem nicht, die eine genügend hohe Qualität bei gewissen Eingriffen gewährleisten sollten.

Unter dem früheren SP-Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud hatten diese Missstände jedoch keine Folgen für die betreffenden Spitäler. Sein Nachfolger, SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg, versprach bei Amtsantritt 2016, das zu ändern. Mehr Kontrolle und eine stärkere Steuerung durch den Kanton sowie ein Abbau der Überkapazitäten im Raum Bern kündigte er an. Dann wurde es allerdings still um die kantonale Spital­planung.

Mit einem Jahr Verspätung teilte die Regierung am Freitag nun mit, dass sie die neue Spitalliste verabschiedet habe. Diese soll die Versorgungsplanung von 2016 endlich in die Praxis umsetzen. Die Liste regelt, welche Spitäler welche stationären Leistungen zulasten der Grundversorgung abrechnen dürfen. Und damit, in welchen Fällen der Kanton 55 Prozent der Kosten übernimmt.

Wie das Resultat konkret aussieht, bleibt aber weiterhin unklar. Die GEF will das Dokument erst veröffentlichen, wenn die 30-tägige Beschwerdefrist abgelaufen ist. Die Begründung: «Wenn sich ein Spital dagegen wehrt, dass es einen Leistungsauftrag nicht mehr bekommen hat, dann hat das in der Regel aufschiebende Wirkung», sagt Spitalamtsleiterin Annamaria Müller. Sprich, das Spital darf die Behandlungen weiter durchführen, bis ein definitiver Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts vorliegt. Somit könnte die neue Liste in 30 Tagen bereits wieder überarbeitet werden müssen. «Und wir wollen nicht, dass verschiedene Versionen der Liste kursieren», so Müller.

10 Millionen Franken sparen

Dass sich Spitäler gegen die neue Verteilung wehren werden, ist wahrscheinlich. «Alles andere wäre naiv zu glauben», sagt Müller. So seien denn auch praktisch allen Kliniken Aufträge entzogen worden. Das übergeordnete Ziel lautete dabei, «spezialisierte Behandlungen weiter zu konzentrieren und Gelegenheitseingriffe zu vermeiden».

«Es wäre naiv, zu glauben, dass sich kein Spital gegen die Leistungszuteilung wehren wird.»Annamaria Müller, Leiterin Spitalamt Kanton Bern

Dazu wurden die Mindestfallzahlen konsequent umgesetzt. Spitäler, die in der Vergangenheit bei den rund 26 definierten Operationen nicht auf mindestens zehn Fälle gekommen sind, haben somit die Bewilligungen nicht mehr erhalten. Betroffen sind beispielsweise spezialisierte Wirbelsäulenchirurgie oder Magenbypass-Eingriffe.

Zudem will der Kanton die Entwicklung von stationären zu ambulanten Behandlungen weiter fördern. Deshalb seien auch die Aufträge für stationäre Augenchirurgie auf weniger Häuser verteilt worden. Und bei der Handchirurgie, wo die GEF ebenfalls ein grosses Ambulantisierungspotenzial erwartet, wurden die Bewilligungen nur befristet auf vier Jahre erteilt. Insgesamt will der Kanton mit der restriktiveren Leistungserteilung 10 Millionen Franken pro Jahr einsparen.

Spitäler schweigen noch

Weil die neue Spitalliste noch nicht öffentlich ist, bleibt unklar, wie einschneidend diese für die einzelnen Unternehmen ist. Müller sagt nur so viel: «Wenn ein Spital in einem gewissen Gebiet nicht viele Operationen vorgenommen hat, dann verliert es auch nicht viel Geld, wenn es diese künftig nicht mehr durchführen darf.»

Wie der Kanton schweigen auch die betroffenen Spitäler momentan mehrheitlich zu ihrem künftigen Angebotsportfolio. Zuerst müsse die erhaltene Verfügung geprüft werden, heisst es sowohl bei den öffentlichen als auch den privaten Spitälern im Kanton Bern. Einzig die Thuner Spital STS AG sagt, dass sie den neu beantragten Auftrag für Thoraxchirurgie nicht erhalten habe. Das habe sich aber bereits in der Vernehmlassung abgezeichnet und sei deshalb zu erwarten gewesen.

Weniger restriktiv als Zürich

Trotz der von Schnegg ange­kündigten stärkeren Steuerung und der Verschwiegenheit seiner Direktion ist bereits jetzt klar: Bern geht mit den erfolgten Eingriffen in den Spitalmarkt weniger weit als etwa der Kanton Zürich. Dieser kennt für rund 30 der 130 Leistungsaufträge Mindestfallzahlen, die teilweise höher sind als jene in Bern. Für sechs Gruppen gelten in Zürich zudem nicht nur Mindestzahlen pro Spitalstandort, sondern auch pro Chirurg.

Im Vergleich dazu seien die Regelungen in Bern eher «soft», sagt auch Annamaria Müller. «Da wir ein Flächenkanton sind, können wir den Bewohnern aber auch nicht überall zumuten, für alle Eingriffe in die Hauptstadt zu fahren», sagt sie. Deshalb habe die Zürcher Systematik auf die hiesigen Gegebenheiten angepasst werden müssen.

Und die Überkapazitäten im Raum Bern? Werden diese mit der neuen Liste bekämpft? «Hier heisst die Devise eher Abwarten», sagt Müller. Ein Überangebot würde insbesondere dort bestehen, wo Fachleute in den nächsten Jahren von einer grossen Verschiebung hin in den ambulanten Sektor ausgehen. Deshalb mache es auch keinen Sinn, jetzt noch im grossen Stil einzugreifen.

Berner Zeitung

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