Wie das BSO die Leute wieder ins Casino lenken will

Das Berner Symphonieorchester zieht im Herbst nach zwei Jahren Wanderschaft zurück ins Casino Bern. Klassik-Chef Xavier Zuber im Interview.

Glaubt, dass Abo-Konzerte in Zukunft wieder populärer werden: Xavier Zuber, Klassik-Chef bei Konzert Theater Bern.

Glaubt, dass Abo-Konzerte in Zukunft wieder populärer werden: Xavier Zuber, Klassik-Chef bei Konzert Theater Bern.

(Bild: Raphael Moser)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Xavier Zuber, freuen Sie sich auf die Rückkehr mit dem Berner Symphonieorchester ins Casino Bern?
Xavier Zuber: Ja, denn wir brauchen einen Stammsitz. Es wird entspannter, wenn wir wieder proben können, ohne dass dies mit einer immensen Logistik verbunden ist. Für die Mitarbeitenden war es in den letzten beiden Jahren schwer. Nicht nur für die Musiker, auch für die Techniker und das Kassenpersonal. Wir mussten alles neu erfinden, lebten in Provisorien.

Aber das kann ja auch sehr befruchtend sein.
Natürlich, die letzten zwei Jahre waren ein Exploit. Wir waren in der ganzen Stadt unterwegs, unsere Musiker sind auf andere getroffen, traten nebenbei plötzlich in kleineren Formationen auf. Für dieses Tüftlerlabor ist Bern ja in der Musikszene bekannt. Es war eine Öffnung unseres Horizonts.

Eine zwangsverschriebene Öffnung...
Ja, aber dadurch konnte das Orchester Flexibilität entwickeln. Das BSO ist ein junges Orchester. Bei uns spielen jetzt mehr junge, internationale Musikerinnen und Musiker, die vielseitig aufgestellt sind.

Was haben Sie in den letzten zwei Jahren gelernt?
Wir gingen mehr auf die Musiker im Orchester ein. Und fanden so zu mehr Leichtigkeit. Ein Orchester ist ein Klangkörper aus sehr vielen Einzelteilen, und er ist wahnsinnig fragil. Noch wissen wir nicht, wie der Grosse Saal im Casino klingen wird. Wir sind sehr gespannt auf die neue Ausstattung, wir konnten aber noch nichts ausprobieren…

Sind Sie auch gespannt auf das Publikum?
Natürlich. Unser Publikum machte die vergangenen zwei Jahre mit, weil es musste. Viele Leute sind aber weggeblieben, das sehen wir in den Abozahlen. Diese Leute warteten ab, bis das Casino wieder öffnet. Und wir möchten jetzt wieder die alten Zahlen erreichen. Wir müssen das Publikum wieder an unsere Konzerte ins Casino lenken.

Und wie wollen Sie das tun?
Das Eröffnungskonzert im Casino soll die Berner neugierig machen. Die Berner sind anspruchsvoll. Sie suchen immer das Besondere.

Die Berner sind anspruchsvoll?
Ja, und treu. Sie haben ihre Lieblinge, und denen halten sie die Treue. Wenn wir die junge französische Pianistin Lise de la Salle wieder nach Bern holen, freuen sich die Leute. Oder wenn unser Chefdirigent Mario Venzago Beethoven dirigiert, dann kommen die Leute. Weil sie das kennen. Das ist der Weisch-no-Effekt. Deshalb müssen wir die Lieblinge pflegen.

Das Publikum wird aber immer älter.
Wir müssen uns einfach mal bewusst sein: Unser Stammpublikum ist über 45 Jahre alt. Aber wir spielen für alle. Das Publikum gewinnt man durch gute Interpreten und gute Kommunikatoren. Solistinnen wie Sol Gabetta locken auch jüngere Leute ins Casino. Und wenn wir mit Künstlern wie Lo & Leduc in der Klassik zusammenarbeiten, dann spricht das eine neue Generation an.

Ist Crossover denn der richtige Weg?
Ich mag diesen Begriff nicht. Es gibt ja viele Sänger aus der Klassik, die sagen, sie können Pop. Wir sagen: Nein, wir können keinen Pop, wir können Klassik bis an die Grenze der Moderne, und wir suchen Leute aus dem Pop, die unter diesen Voraussetzungen mit uns zusammenarbeiten können.

Und gleichzeitig setzen Sie jetzt auf dieses Popelement, um zu jüngerem Publikum zu kommen.
Es ist kein Popelement. Ich will nicht mit dem Hammer auf den Tisch schlagen und sagen: Jetzt holen wir die ganze Jugendkultur in die Klassik. Ich will eine inhaltliche musikalische Verbindung. Die Vorarbeiten zum Projekt mit Lo & Leduc dauern jetzt schon fast eineinhalb Jahre. Da braucht es eine Vorlaufzeit. Und das finde ich das Tolle an Lo & Leduc, die gehen auch diesen Weg. Das ist eine musikalische Auseinandersetzung. Da geht es nicht um die vordergründige Rentabilität.

Ihr Stammpublikum wird wohl Mühe bekunden mit solchen Anlässen.
Unser Kernpublikum bleibt das Klassikpublikum – und unser Kernprogramm ist das grosse sinfonische Repertoire. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Wir machen das, worin wir gut sind.

Sind Abokonzerte überhaupt noch zeitgemäss?
Für uns sind die Abonnenten sehr entscheidend. Unsere typischen Konzertgänger wollen Verlässlichkeit, wollen ihren Sitzplatz, wollen den puren akustischen Genuss. Sie legen sich früh fest, deshalb ist das Abo wie geschaffen für sie. Die Frage ist, ob es noch weitere Menschen gibt, die in dieses System einsteigen wollen.

Sind diese Leute nicht viel eher am Aussterben?
Nein, wenn man sich die letzten Konzerte ansieht, merkt man, dass unser Publikum da ist. Ein Abokonzert ist etwas, das aus der Zeit fällt. Und darum wird es immer populärer.

Erklären Sie!
Abokonzerte, also Klassikkonzerte, sind ein Zeugnis aus der Vergangenheit. Und es gibt immer mehr Leute, die diese Konzerte suchen. Die sich fragen: Wofür lohnt es sich hinzuhören? Je virtueller, je schneller unsere Gegenwart ist, desto mehr suchen die Leute den Punkt, an dem sie wieder sagen können: Das bin ich, das habe ich jetzt tatsächlich gedacht oder gespürt. Das ist die Aufgabe der Musik. Denn die Ohren kann man nicht verschliessen, man kann sie nur verstopfen. Es ist eine analoge Form der Kommunikation. Und das hat Zukunft.

Berner Zeitung

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