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Wie das Wasser möglichst gerecht verteilt wird

Unterhalb des Bielersees soll die Aare nach einem heftigen Unwetter eine bestimmte Wassermenge nicht überschreiten. Gemessen wird in Murgenthal an der Grenze zum Kanton Aargau.

Nachdem es tagelang geregnet hatte, brauchte es nur noch einen intensiven Schauer, und die Wassermassen der Aare waren nicht mehr zu halten. Ob an den Ufern des Bielersees, ob weiter flussabwärts in Olten oder in Aarau – die Bilder, die Anfang August 2007 durch die Medien gingen, vermittelten immer die gleiche Botschaft: Land unter.

Besonders hart traf es Aarau. Hier setzten die braunen Fluten nicht nur das örtliche Kraftwerk ausser Gefecht und, weil nun der Abfluss geringer war, in der Folge auch die angrenzenden Quartiere unter Wasser. Der reissenden Strömung vermochte auch das Ufer nicht standzuhalten. Besonders arg in Mitleidenschaft gezogen wurde die sogenannte Zurlindeninsel, an der im Normalfall die Aare zur Rechten und der Kraftwerkskanal zur Linken vorbeifliesst. An der engsten Stelle durchbrach der hochgehende Fluss den schmalen Landstreifen und ergoss sich in den Kanal, was prompt zu noch mehr Rückstau und noch mehr Zerstörung führte.

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Mit insgesamt 38 Millionen Franken bezifferten die Experten später die Schäden, die bei diesem Jahrhunderthochwasser allein in Aarau entstanden. Kein Wunder, setzte schon während der Aufräumarbeiten unüberhörbar harsche Kritik an die Adresse der Verantwortlichen flussaufwärts ein: Die Aargauer Behörden warfen ihren Kollegen in Bern vor, aus Angst vor Hochwasserschäden auf eigenem Boden die Tore am Regulierwehr in Port zu stark geöffnet, den Bielersee zu stark geleert zu haben. Die sogenannte Murgenthaler Bedingung sei in diesen Tagen auf alle Fälle verletzt worden.

Anderthalbfache Menge

Die Murgenthaler Bedingung. Das ist eine Vereinbarung, in der sich die Kantone im westlichen Mittelland geeinigt haben, wie sie die Gebiete unterhalb des Bielersees vor den Hochwassern der Aare schützen können. Ausgehandelt und zu Beginn der 1980er-Jahre vom Bund definitiv in Kraft gesetzt worden ist sie im Nachgang zu zweiten Juragewässerkorrektion, und das nicht ohne Grund: Während der von 1962 bis 1973 dauernden Bauarbeiten wurde auch der Flusslauf von Biel bis in die Region Solothurn verbreitert und vertieft, damit fortan mehr Wasser abfliessen konnte. Denn seit der ersten Korrektion, die knapp 100 Jahre zuvor die Umleitung der Aare in den Bielersee und einen besseren Hochwasserschutz brachte, war es im Gebiet wieder vermehrt zu Überschwemmungen gekommen.

Damit sich dieses Problem nicht einfach in die flussabwärts gelegenen Gebiete verlagerte, legten die Kantone in ihrem Abkommen eine maximale Wassermenge für die Aare fest. Überprüft wird sie an der bernisch-aargauischen Kantonsgrenze in Murgenthal: In der dortigen Messstelle soll der Abfluss den Wert von 850 Kubikmetern pro Sekunde nicht mehr übersteigen.

Unter Wasser: Die Region Solothurn-Aarau 2007. Foto: Keystone (Kapo SO)
Unter Wasser: Die Region Solothurn-Aarau 2007. Foto: Keystone (Kapo SO)

Beim Hochwasser von Anfang August 2007 tat er das aber. Und zwar massiv: Mit einer Spitze von 1259 Kubikmetern pro Sekunde wurde die anderthalbfache Menge des angepeilten Höchstwertes erreicht.

«Zu viel Wasser»

Trotzdem wies der Kanton Bern jegliche Schuld von sich. «Innert kürzester Zeit kam einfach zu viel Wasser», liess sich die damalige Regierungsrätin Barbara Egger in den Medien zitieren. An dieser Haltung hat sich bis heute, da die Ereignisse rund um das Hochwasser längst aufgearbeitet, die nötigen Schlüsse längst gezogen sind, nichts geändert. Bei Extremwetterlagen wie jener im August 2007 könne man der Murgenthaler Übereinkunft schlicht nicht nachkommen, betont Bernhard Wehren in der zuständigen kantonalen Abteilung. Genau deshalb heisse es im Abkommen ja auch, die 850 Kubikmeter seien «nach Möglichkeit» einzuhalten.

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Das Problem sind die Zuflüsse auf den rund 50 Kilometern zwischen dem Wehr in Port und der Messstelle in Murgenthal, die gut 1800 Quadratkilometer entwässern, was knapp einem Drittel des Kantons Bern entspricht. Am augenfälligsten trifft es auf die wasserreiche Emme zu, die unterhalb von Solothurn auf die Aare trifft. Sie ist wie alle Bäche im Gebiet nicht reguliert und kann deshalb sprunghaft ansteigen, wenn es stark regnet.

Wehren rechnet vor: Anfang August 2007 waren die Niederschläge in diesem Gebiet so heftig, dass allein die Aare-Zuflüsse die Höchstmenge von 850 Kubikmetern pro Sekunde brachten. Weil dazu noch das Wasser kam, das der Fluss ohnehin mit sich führte, stand Bern mit seiner Regulierarbeit auf verlorenem Posten. «Der Abfluss am Wehr in Port kann bei Hochwasser ja nicht einfach auf null reduziert werden», sagt Wehren dazu. Mit einem Minimum von 200 Kubikmetern pro Sekunde liessen sich die Wassermassen möglichst ausgeglichen auf die Gebiete an der Aare verteilen.

Angepasstes Regime

Untätig geblieben sind die Behörden trotz allem nicht. Jetzt kommt Wehren auf die Folgen zu sprechen, die die Ereignisse von 2007 auf die Regulierarbeit hatten. Man kam überein, fortan das Wehr in Port vorzeitig zu öffnen, wenn der Wetterdienst einen markanten Anstieg des Bielersees voraussagt. Sobald sich dann für das Einzugsgebiet der Emme und der übrigen Zuflüsse starker Regen ankündigt, wird der Abfluss wieder reduziert.

Wehren und seine Leute gehen in eine Art Warteposition über, die so lange dauert, bis das Hochwasser der Emme vorbei ist und im Bett der Aare wieder mehr Platz ist. Mit dieser verfeinerten Art der Regulierung kann das Wasser über eine längere Zeit hinweg gleichmässiger und ohne extreme Spitzen abfliessen. Das Regime scheint sich zu bewähren, ähnliche Überschwemmungen blieben seither jedenfalls aus, wie Wehren sagt. Allerdings habe es seither auch nie mehr so extrem geregnet.

Voraussetzung dafür, dass das System so funktionieren kann, sind genaue Prognosen. In diesem Bereich habe sich in den letzten Jahren viel getan, die ­Voraussagen seien viel präziser geworden, hält Wehren noch fest. Das war im August 2007 tatsächlich anders: Als nach dem Hochwasser die Kritik aus dem Aargau auf Bern niederprasselte, stellte sich der Bund zwischen die beiden Kantone und übernahm über seinen Wetterdienst Meteo Schweiz die Verantwortung: Man habe das Emme-Hochwasser zu spät kommen sehen, eine rechtzeitige Reaktion am Wehr in Port sei gar nicht mehr möglich gewesen.

Nicht zuletzt deshalb verliefen die Schadenersatzforderungen, die bereits gegen Bern angestrengt wurden, im Sand.

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