«Wir können nur den Spiegel vorhalten»

Wenn ein Nachbarschaftsstreit ein ganzes Dorf zu entzweien droht: Regierungsstatthalter Christoph Lerch vermittelt als Ombudsmann vom Rand des Berner Oberlands bis ins Seeland – nicht immer mit Erfolg.

Christoph Lerch, Regierungsstatthalter im Verwaltungskreis Bern-Mittelland.

Christoph Lerch, Regierungsstatthalter im Verwaltungskreis Bern-Mittelland. Bild: Iris Andermatt

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Sie behandeln mehrere Dutzend Ombudsfälle pro Jahr. In wie vielen scheitern Ihre Vermittlungsversuche?
Christoph Lerch: In den meisten Fällen finden wir eine Lösung oder einen Ausweg. Das zeigen die Rückmeldungen, die ich erhalte. Selbst wenn Leute schreiben, ihr Problem sei zwar nicht gelöst, aber immerhin sei ein ­Versuch unternommen oder ein Gespräch geführt worden, hilft ihnen das weiter.

Das deutet eine gewisse Einsicht bei zerstrittenen Parteien an.
Genau. Aber es gibt Fälle, in denen keine Lösung gefunden wird.

Was passiert mit diesen Fällen? Schicken Sie die einfach zum Anwalt und auf den Weg durch die Instanzen?
Zunächst versuche ich abzuklären, ob eine öffentlich-rechtliche Grundlage für einen Fall existiert – und ob das Problem auf diesem Weg erledigt werden kann; allenfalls auch, indem man korrigierend eingreift und ein korrektes Verfahren durchführt. Dann geht es darum, diesen Entscheid zu akzeptieren, einen Schlussstrich zu ziehen und vorwärtszublicken.

Aus Sicht eines Bürgers, der sich übergangen oder unverstanden fühlt, sind Sie als Teil der Kantonsverwaltung aber genauso Partei wie jede andere kantonale oder kommunale Behörde.
Immerhin schaut eine neutrale, aussenstehende Person die Sache an, und der Regierungsstatthalter hat dank der Volkswahl Rückhalt in der Bevölkerung. Wer aber der Meinung ist, ich hätte seinen Fall nicht richtig behandelt, hat die Möglichkeit, sich beim Justizdirektor zu beschweren. Es kommt freilich vor, dass auch sein Entscheid nicht akzeptiert wird und uns dann mit der Presse oder mit einer Anzeige gedroht wird.

Passiert das oft?
Ich wurde schon mehr als einmal angezeigt.

Gibt es Fälle, in denen Sie schon von Anfang an wissen: Das kommt nicht gut.
Wenn Sie die Frage so formulieren, muss ich sagen: Nein, bisher noch nie. Allerdings halte ich fest, dass wir keine Kesb, kein Gericht und keine Strafbehörde sind. Diese können unter Umständen solche Menschen und ihr Verhalten sanktionieren. Wir können nur den Spiegel vorhalten und an die Einsicht appellieren.

Wenn jemand mit einem Bau auf Nachbars Grundstück partout nicht einverstanden ist – egal, ob der regelkonform ist oder nicht –, können Sie da noch vermitteln?
Das ist sehr schwierig. Zunächst geht es darum, den Sachverhalt genau abzuklären und den Kompetenzrahmen aufzuzeigen. Wer ist wofür zuständig, und wer darf was? Das Ziel muss sein, dass die Regeln eingehalten werden. Aber: Bei jedem Schritt muss ich abwägen, ob die Spirale der Eskalation nicht noch mehr in Gang gesetzt wird. Das ist immer eine Gratwanderung.

Lassen Sie da auch Gnade vor Recht ergehen in der Hoffnung, diese Spirale zu durchbrechen?
Wir können nicht zaubern. Aber wir können alle Involvierten an einen Tisch holen, «zäme rede» und zunächst einmal alle auf denselben Informationsstand bringen. In diesem Rahmen können wir auch weitere Schritte definieren. Das kann auch bedeuten, dass ein Mediationsprofi zu Werke gehen muss. Dabei arbeiten wir sehr eng mit den Gemeinden zusammen.

Wann ist ein Ombudsfall für Sie abgeschlossen?
Im Extremfall müssen wir den Leuten sagen: Hören Sie, wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, Sie müssen diesen Entscheid jetzt einfach akzeptieren. Und selbst dann gehen die Drohungen mit Presse und Anzeigen manchmal weiter. Dann ist der Fall zwar für uns abgeschlossen. Aber ich weiss, dass das Grundproblem des Kunden damit nicht gelöst ist und er nicht zufrieden ist.

Wenn Sie eine Mediation einleiten – werden Sie da auch an den Tisch zitiert?
Das ist auch schon vorgekommen. Da lege ich unsere Bemühungen offen und die Massnahmen, die eingeleitet wurden.

Geht es in einem solchen Moment noch um Recht oder Unrecht oder nur noch darum, das Gesicht zu wahren und als «Sieger» aus dem Verfahren hervorzugehen?
Wenn das passiert, geht es nicht mehr um die Sache. Ich versuche jeweils, mich in die Rolle meines Gegenübers zu versetzen und ­seinen Antrieb zu verstehen: Sind diese Menschen verletzt? Fühlen sie sich nicht wahrgenommen? Wollen sie einfach recht be­halten? Häufig geht es dann tatsächlich um Gefühle und Wahrnehmungen, die sich ausserhalb der Rechtsordnung abspielen. In solchen Fällen signalisiere ich Verständnis, versuche aber auch die Wahrnehmung der anderen Seite einzubringen und so das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Ich nehme an, ein Beispiel dafür ist die Situation rund um die alte Reitschule in Bern.
Ja. Da sind die Standpunkte sehr weit voneinander entfernt.

Für eine Stadt wie Bern ist es wahrscheinlich einfacher, einen Unruheherd im Zentrum zu ­verkraften, als für ein Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern. Dort kann die Dorfgemeinschaft an einem Querulanten im Ortszentrum zerbrechen...
Mit der teilweisen Auflösung enger Familienstrukturen wird es anspruchsvoller, schwierige Fälle in kleinen Gemeinschaften aufzufangen. Ideal wäre, wenn man in solchen Situationen an gut funktionierende Familien- oder Nachbarschaftsstrukturen anknüpfen könnte. Diese würden ermöglichen, dass man einigermassen miteinander oder nebeneinander zusammenleben könnte. Ist das nicht möglich, kann das für ein Dorf in der Tat sehr schwierig werden.

Wie kann eine Gemeinschaft eine solche Zerreissprobe ­meistern?
Ich mache oft die Erfahrung, dass Leute Mühe haben damit, schwierige Situationen auszuhalten. Wichtig ist, dass die Gemeinschaft solidarisch zusammensteht und sich nicht auseinanderdividieren lässt.

Ist das eine Zeiterscheinung?
Nicht nur. Je segmentierter die Behörden sind, desto schwieriger sind sie für den Bürger greifbar. Aber das ist unser System. Es ist in der Tat nicht einfach, den Menschen zu sagen, dass wir unser Möglichstes getan haben und dass sie eine unbefriedigende ­Situation aushalten müssen. Da fühlen sich Menschen alleingelassen – zu Recht, wie ich meine.

Wenn man sich wie Sie jahrein, jahraus mit solch schwierigen Fällen beschäftigt: Kann man da noch mit Elan und Zuversicht in ein neues Jahr starten?
Ich bin ein positiv denkender Mensch, und ich kann mir auch nach acht Jahren in diesem Amt kein spannenderes vorstellen. Aus dieser Haltung heraus ergibt sich die Motivation, auch dieses Jahr möglichst unbelastet an- und offen auf die Leute zuzugehen. Auch wenn die Leute mir «Schlämperlige aahänke»: Das habe ich nicht gern, gehört aber zu meinem Job. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 30.01.2018, 10:45 Uhr

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