«Wir müssen den Planeten retten»

In einem Artikel für die «New York Times» kündigte der Berner Hansjörg Wyss an, eine Milliarde Dollar für den Umweltschutz zu spenden. Hier finden Sie die deutsche Übersetzung des Artikels.

Hansjörg Wyss setzt sich mit seinem Vermögen für den Umweltschutz ein.

Hansjörg Wyss setzt sich mit seinem Vermögen für den Umweltschutz ein.

(Bild: Andreas Blatter)

Schätzungen zufolge verschwinden Pflanzen- und Tierarten heute tausendmal schneller als vor der Ankunft des Menschen auf diesem Planeten. Der Klimawandel verändert die natürlichen Systeme auf der ganzen Welt. Wälder, Fischerei und Trinkwasserversorgung sind gefährdet, da sich der Mensch auf der Suche nach Rohstoffen immer weiter in die Wildnis hineinfrisst.

Aber es gibt eine andere, ermutigende Seite dieser deprimierenden Geschichte. Eine einfache Idee, die im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten geboren wurde und nun um die ganze Welt geht, kann einen wesentlichen Teil unseres Planeten in einem natürlichen Zustand erhalten.

Es ist die Idee, dass Wildnis und Gewässer am besten nicht in privater Hand, hinter verschlossenen Toren, sondern als öffentliche Nationalparks, Naturschutzgebiete und Meeresreservate erhalten werden, die für alle Menschen zum Erleben und Erkunden offen sind. Die Idee, diese Orte in einer öffentlichen Stiftung zu halten, war eine, von der ich als junger Mann tief beeindruckt war, als ich zum ersten Mal in den Rocky Mountains kletterte und wanderte.

Seit der Gründung des ersten Nationalparks der Welt, dem Yellowstone, im Jahr 1872, sind 15 Prozent des Erdbodens und 7 Prozent der Ozeane geschützt. Aber einige Wissenschaftler, darunter der Harvard-Biologe Edward O. Wilson, sind zum Schluss gekommen, dass mindestens die Hälfte des Planeten geschützt werden muss, um eine grosse Mehrheit der Pflanzen- und Wildtierarten vor dem Aussterben zu bewahren.

Tatsächlich hängen die Nahrung, das saubere Wasser und die Luft, die wir zum Überleben und für unseren Wohlstand brauchen, von unserer Fähigkeit ab, die biologische Vielfalt des Planeten zu schützen. Mit anderen Worten: Wir müssen die Hälfte schützen, um das Ganze zu retten.

Jeder von uns - Bürger, Philanthropen, Wirtschafts- und Regierungschefs - sollte sich Sorgen machen über die enorme Kluft zwischen dem, wie wenig von unserer natürlichen Welt derzeit geschützt ist und wieviel geschützt werden sollte. Es ist eine Lücke, die wir dringend schliessen müssen, bevor unser menschlicher Fussabdruck die verbleibenden wilden Orte der Erde zertrampelt.

Ich persönlich habe beschlossen, im nächsten Jahrzehnt 1 Milliarde Dollar zu spenden, um die Bemühungen um den Schutz von Land und Meer auf der ganzen Welt zu beschleunigen. Dies tue ich mit dem Ziel, bis 2030 30 Prozent der Erdoberfläche zu schützen. Das Geld wird lokal geführte Naturschutzmassnahmen auf der ganzen Welt unterstützen.

Es soll aber auch helfen, die Öffentlichkeit für die Bedeutung dieser Bemühungen zu sensibilisieren und dazu beitragen, dass erhöhte globale Ziele für den Land- und Meeresschutz festgesetzt werden. Ausserdem wollen wir wissenschaftliche Studien finanzieren, um die besten Strategien zur Erreichung unseres Ziels zu ermitteln. Ich glaube, dass dieses ehrgeizige Ziel erreichbar ist, weil ich gesehen habe, was erreicht werden kann.

Indigene Völker, lokale Aktivisten und Naturschutzgruppen auf der ganzen Welt sind bereits damit beschäftigt, Schutzgebiete einzurichten, die die konservatorischen, wirtschaftlichen und kulturellen Werte ihrer Gegenden widerspiegeln. Die finanzielle Unterstützung durch Philanthropen und Regierungen ist entscheidend dafür, dass diese Naturschützer Orte wie die Korallenriffe der Karibik, die Gletscher Argentiniens und den so genannten «Ort vieler Elefanten» in Zimbabwe erhalten.

Ich habe gesehen, wie sich die Bemühungen entwickelt haben. In den letzten zwei Jahrzehnten hat meine Stiftung lokale Projekte um den Schutz wilder Orte in Afrika, Südamerika, Europa, Kanada, Mexiko und den Vereinigten Staaten unterstützt und mehr als 450 Millionen Dollar gespendet, um unseren Partnern zu helfen, fast 40 Millionen Hektar Land und Wasser zu erhalten.

Und so wie der Grand-Canyon- und die Grand-Teton-Nationalparks zu Wirtschaftsmotoren in den Vereinigten Staaten geworden sind, werden diese neuen, lokal entwickelten Schutzgebiete Arbeitsplätze schaffen, Besucher anziehen und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum unterstützen.

Für mich unterstreichen diese Bemühungen die Kraft, die wir alle als Individuen haben, uns zusammenzutun, um die Orte und Tiere zu retten, die uns am wichtigsten sind. Jeder Gewinn an Naturschutz, den ich in meinen zwei Jahrzehnten Philanthropie erlebt habe, wurde von lokalen Gemeinschaften in Gang gesetzt, die diese Orte für ihre Kinder und Enkelkinder schützen wollten.

Wir befinden uns in einer wichtigen Zeit. Die internationale Gemeinschaft wird sich in zwei Wochen treffen, um über neue globale Ziele für den Land- und Meeresschutz zu diskutieren. Vertreter von mehr als 190 Nationen werden sich in Ägypten treffen, um die Bemühungen zur Eindämmung des Verlusts der biologischen Vielfalt und zum Schutz der Ökosysteme im Rahmen der Konvention über die biologische Vielfalt zu intensivieren.

Angesichts des Ausmasses und der Dringlichkeit der Ausrottung vieler Pflanzen- und Tierarten sollten die Staats- und Regierungschefs der Welt das Abkommen aktualisieren, um sich gemeinsam zu verpflichten, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meere und des Bodens der Welt zu schützen. Dieses klare, mutige und erreichbare Ziel würde die politischen Entscheidungsträger auf der ganzen Welt dazu anhalten, viel mehr zu tun, um die Gemeinschaften zu unterstützen, die sich für den Erhalt dieser Orte einsetzen.

Wir müssen uns der radikalen, bewährten und zutiefst demokratischen Idee des Schutzes des öffentlichen Raums anschliessen, die in den Vereinigten Staaten erfunden, in Yellowstone und Yosemite getestet und nun weltweit erprobt wurde. Sorgen wir um aller Lebewesen willen dafür, dass weit mehr von unserem Planeten von den Menschen, für die Menschen und für alle Zeiten geschützt wird.

*Hansjörg Wyss (83) ist in Bern aufgewachsen und lebt heute in den USA. Reich geworden ist Wyss mit dem Verkauf der Orthopädiefirma Synthes, die er einst an Johnson&Johnson verkaufte. Die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf sieben bis acht Milliarden Franken.

Dieser Artikel erschien am 31. Oktober 2018 in der «New York Times». Übersetzung: Peter Jost

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