«Wir werden städtischer»

Lyss

Nach dem Schub der letzten Jahre soll Lyss nur noch moderat wachsen.

Ein Bahnhof für das neue Quartier Stigli-Spinsmatte: Andreas Hegg 2013 bei der Eröffnung der Haltestelle Lyss-Grien.

Ein Bahnhof für das neue Quartier Stigli-Spinsmatte: Andreas Hegg 2013 bei der Eröffnung der Haltestelle Lyss-Grien.

(Bild: Urs Baumann)

Stephan Künzi

Andreas Hegg, Lyss begrüsste im August bereits den 15000. Einwohner. Steht für Sie als Gemeindepräsident das Wachstum über allem?
Nein, und ich sage klar: Den Schub, wie wir ihn in den letzten Jahren erlebt haben, wird es nicht mehr geben. Zur Erklärung muss ich in die Vergangenheit zurückblenden.

Sie geben das Stichwort: Für den vorletzten 5'000er-Schritt brauchte Lyss von etwa 1950 bis 1995, also gegen 50 Jahre. Für den Schritt vom 10'000. zum 15'000. Einwohner dagegen nur noch gut 20 Jahre.
Wobei in diesem Zeitraum, nämlich Anfang 2011, Lyss mit dem bis dahin selbstständigen Busswil fusionierte. Allein das brachte rund 2000 Einwohner und relativiert die Wachstumskurve. Aber es stimmt: Die Ortsplanungsrevision von 2013 hatte unerwartet rasch Folgen.

Inwiefern?
Der Kanton hätte uns 14 Hektaren Land für den Wohnbau zugestanden. Am Ende zonten wir aber nur zwischen 7 und 8 Hektaren ein, also rund die Hälfte. Wir fragten zuvor die Bevölkerung, ob sie ein ganz starkes oder nur ein moderates Wachstum wünscht. Die Antwort war klar: Lyss soll nur moderat wachsen.

Häufig läuft es umgekehrt. Die Gemeinden möchten sich stärker entwickeln, und der Kanton bremst. Wieso war es bei Lyss anders?
Der Kanton lässt dort eine Bautätigkeit zu, wo die Infrastruktur vorhanden ist. Lyss kann da sehr viel bieten. Wir verfügen über drei Bahnhöfe, zwei Autobahnanschlüsse, sind also wirklich gut erschlossen. Wir hätten Vollgas geben können.

Aktuell sind in Lyss rund 518 Hektaren überbaut. Die 14 Hektaren – rund 20 Fussballfelder – wären also nicht allzu viel gewesen.
Ja, aber nach dem zurückhaltenden Echo aus der Bevölkerung haben wir uns entschlossen, nicht noch stärker ins Grüne hinauszuplanen. Vielmehr wollten wir freie Flächen füllen, die wie Zähne ins Siedlungsgebiet ragten. Was uns dann überraschte: Das Land, unsere Reserve für die nächsten 10 bis 15 Jahre, wurde sehr schnell verkauft und überbaut. Das trifft insbesondere für die grossen Gebiete Alpenstrasse, Dreihubel und Rossi zu.

Dazu kommt die neue Siedlung im Gebiet Stigli-Spinsmatte.
Genau, doch hier ist schon in den 1960er-Jahren eingezont worden. Weil unter den Landbesitzern grosse Differenzen herrschten, ging rund 50 Jahre lang nichts. Doch nun werden die letzten Wohnungen fertig, es ist ein neues Quartier mit etwa 450 Wohnungen entstanden. Ein kleines Dorf mit 800, 900 Leuten.

Und mit neuem, eigenem Bahnhof Lyss-Grien.
Bei der Eröffnung vor fünf Jahren mochte der eine oder andere noch lächeln und sich fragen, was diese Haltestelle im Grünen denn solle. Heute, mitten in all den neuen Häusern, ist offensichtlich, dass sie goldrichtig steht. Ich bin froh, dass wir sie haben. Sie wird rege genutzt.

Das Bauland ist verbraucht, wie geht es nun weiter?
Anfang 2018 haben wir uns im Gemeinderat zur Klausur zurückgezogen und festgelegt, dass sich Lyss vor allem im schon überbauten Gebiet weiterentwickeln soll. Wir haben bereits Anfragen für derartige Verdichtungsprojekte, etwa im grossen Viereck zwischen Busbahnhof und Bielstrasse mit Petit Palace, Spatz und ehemaligem Hotel Post. Oder beim Seelandcenter, der ehemaligen Migros, wo bekanntlich ein Hochhaus angedacht ist. Oder auf dem Gnossi­areal zwischen Hauptstrasse und Lyssbach – für solche Projekte sind wir offen, sofern sie Qualität haben. Wenn alles realisiert wird, was angedacht ist, wächst Lyss in den nächsten 10 bis 15 Jahren von aktuell gut 15200 Einwohnern auf 17500 Einwohner.

Was macht Lyss als Wohnort eigentlich derart attraktiv?
Wir bieten einen guten Mix. In Lyss kann man wohnen, arbeiten – wir bieten über 8000 Jobs – und einkaufen, zudem verfügen wir über ein breites Schul- und Dienstleistungsangebot. Ringsum hat es Wald, und mit dem Velo ist man rasch in den Naherholungsgebieten von Murten, dem Limpachtal oder dem Frienisberg.

Eine Rolle spielt wohl auch, dass die Agglomerationen von Biel und Bern mit ihren vielen Arbeitsplätzen in bequemer Pendlerdistanz liegen, und so­gar in die Ballungsräume von Zürich und Basel ist es nicht allzu weit.
Trotzdem sind wir nach wie vor ein Stück weit ländlich geprägt. Wir reden noch immer vom Dorf, obwohl wir längst eine kleine Stadt sind, und man grüsst einander auf der Strasse. Ich glaube, das schätzen die Leute.

Das allein wird Lyss kaum davor bewahren, zu einem anonymen, gesichtslosen Schlafdorf zu werden.
Die Gefahr besteht, dass dies passiert. Deshalb müssen wir als Behörden aktiv sein und aktiv bleiben. Nehmen wir den neu gestalteten Marktplatz, den wir im November mit dem Stärnemärit eingeweiht haben. Dank ihm verfügen wir jetzt mitten im Dorf über eine schöne Fläche. Doch sie allein genügt nicht. Die Fläche muss leben, und deshalb haben wir eine Gruppe gegründet, die sich dem Thema annimmt. Vielleicht können wir einen Wochenmarkt in Gang bringen, vielleicht schaffen wir einen Ort mit Tischen und Stühlen, der zum Verweilen einlädt – kurz: Wichtig ist, dass etwas läuft. Eine zentrale Rolle spielen auch die 180 Vereine. Sie leisten beste Integrationsarbeit.

Und das allein motiviert die Leute, am öffentlichen Leben teilzunehmen?
Nochmals: Es muss etwas laufen, das führt zu Begegnungen, gibt Kitt, hat zur Folge, dass man sich mit der Gemeinde identifiziert. Schon heute haben wir Anlässe wie den Lyssbachmärit, das Multikultifest, das Cinemahappening oder die Kulturtour. Als Behörden versuchen wir, die Organisatoren zu unterstützen. Sonst laufen wir tatsächlich Gefahr, zu einer Schlafstadt zu werden, dass man also in Lyss nur noch wohnt, zur Arbeit aber nach Bern, Biel oder sonst wohin fährt.

Bei den Läden läuft die Entwicklung diesem Bestreben eher zuwider. Mit Migros und Coop zogen die beiden Grossverteiler vom Dorfkern weg an den Rand, das zuvor so lebendige Zentrum drohte auszusterben. Erst mit dem Zuzug des Discounters Lidl dreht der Wind jetzt vielleicht ein Stück weit.
Wir haben im Zentrum in der Tat ein gewisses Vakuum. Migros wie Coop sind aber nicht weg, sie haben sich hin zu den grossen Neubaugebieten bewegt. Coop etwa liegt heute ideal für das Quartier Stigli-Spinsmatte. Im Zentrum selber versuchen wir Gegensteuer zu geben, ich erinnere nur an die neue, attraktiver gestaltete Bielstrasse. Und es stimmt: Seit Lidl im Sommer eröffnet hat, sind die Einstellhallen im Dorfkern spürbar voller. Zu einem eigentlichen Magneten hat sich auch der Fabrikladen von Kambly entwickelt ...

... als Rest der alten Biskuitfabrik, die es in Lyss nicht mehr gibt. Haben die alteingesessenen Lysser mit diesen vielen Veränderungen nicht Mühe?
Klar gibt es Leute, wohl etwas ältere, die mir sagen, dass sie Lyss nicht mehr kennen. Doch wir können das Rad nicht zurückdrehen, und wir wollen es auch nicht. Allerdings muss es unser Ziel sein, die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken.

Mit all ihren Folgen.
Wir werden städtischer, das ist keine Frage, versuchen aber, zu unserem Umfeld Sorge zu tragen. Ich erinnere an den Raum rund um den Lyssbach, wo gerade erst die Brücken saniert worden sind, an die riesige Matte beim Tennisplatz, eine grüne Oase, oder an den Knechtpark – das sind alles sehr wertvolle Orte. Gleichzeitig weiss ich: Wer am Bahnhof aussteigt und die Schilder nicht liest, denkt nicht automatisch an Lyss. Er könnte irgendwo gelandet sein. Deshalb bemühen wir uns ja so sehr, aktiv zu sein und Begegnungen zu fördern. Ob wir es tatsächlich schaffen, so das dörfliche Leben zu erhalten, werden wir in 10, vielleicht 15 Jahren sehen. 

Berner Zeitung

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