Zum Hauptinhalt springen

Die Stadt Bern vermisst 100 bis 200 Kunstwerke

Städte und Kantone sammeln seit Jahrzehnten Kunst – und haben oft keine Ahnung, wo diese steckt. In Büros, auf Gängen und im Estrich verschwinden Bilder und Skulpturen. Allein die Stadt Bern vermisst 100 bis 200 Werke.

Das Literaturarchiv hat ihn noch: Einen «Flügel» von Erica Pedretti. Die Stadt Bern hatte ebenfalls einen – er ist seit Jahrzehnten unauffindbar.
Das Literaturarchiv hat ihn noch: Einen «Flügel» von Erica Pedretti. Die Stadt Bern hatte ebenfalls einen – er ist seit Jahrzehnten unauffindbar.
zvg

Max Bills Lithografie aus der Mappe «Kunst für Forschung» wurde zuletzt im Büro des Berner Stadtpräsidenten gesehen, steht da. Der Preis der ganzen Mappe: 9500 Franken.Bei einem Umbau des Erlacherhofs, vermutlich Anfang 90er-Jahre, verschwand die Plastik «Flügel» von Erica Pedretti. Landete sie in einer Schuttmulde, hat sich jemand bedient, oder liegt sie noch im Dachstock eines Verwaltungsgebäudes, vergessen und verstaubt? Keiner weiss das so genau.

3610 Bilder in Stadtbesitz

Dies sind zwei Positionen der «Liste vermisste Kunstwerke» der Stadt Bern, die dieser Zeitung vorliegt. 106 Gemälde, Drucke und Skulpturen sind unauffindbar. Bei weiteren 88 Werken laufen die Abklärungen, ob sie tatsächlich abhanden gekommen sind. Die ganze Sammlung umfasst 3610 Werke. Jedes Jahr kauft die Stadt auf Empfehlung der Kunstkommission Bilder und Skulpturen an. Die städtischen Angestellten dürfen etwas ausleihen und im Büro aufhängen.

Lücken in der städtischen Sammlung bereitet nicht nur in Bern Sorge. Die «SonntagsZeitung» hat unlängst eine Recherche über die Suche nach vermissten Bildern veröffentlicht. Sie deckte dabei auf, dass allein die Vermisstenliste der Stadt Zürich 952 Werke aufführt. Sie wäre noch viel länger, hätte die Stadt nicht bereits knapp 4000 Positionen abgeschrieben.

Dann kann man nur noch hoffen, dass dereinst eine Witwe oder eine Tochter das Bild entdeckt und der Stadt zurückgibt.

KultursekretärinVeronica Schaller

In Bern sieht die Sache also etwas übersichtlicher aus, abgeschrieben ist bis jetzt gar nichts. Dennoch: Wie passiert es, dass viele Werke einfach so verschwinden? Nehmen Mitarbeiter bei ihrer Pension ihr Bild mit nach Hause? «Ausschliessen kann man das nicht», sagt Veronica Schaller, Leiterin Kultur Stadt Bern.

Solchen Fällen gehe man nach. «Aber wenn wir Jahre später erst merken, dass ein Gemälde fehlt, was will man da machen? Dann kann man nur noch hoffen, dass dereinst eine Witwe oder eine Tochter das Bild entdeckt und der Stadt zurückgibt.» Der städtische Besitz ist auf Etiketten auf der Rückseite der Bilder ersichtlich.

Langfinger im Treppenhaus

Einzelne Diebstähle sind bekannt, begangen wurden sie aber nicht von Verwaltungsangestellten. Lange wurde die angekaufte Kunst im Treppenhaus an der Schwanengasse 14 ausgestellt. Bekannt ist, dass dort im Jahr 2000 zwei kleinformatige Bilder von Hans Stalder verschwanden.

Viel entscheidender als die Diebstähle seien aber die vielen Umzüge der Verwaltungsabteilungen. Dadurch wurden die Wege der Werke unergründlich. Auch diverse Handänderungen machen die Suche kompliziert: Die Gymnasien wurden kantonalisiert und Altersheime privatisiert. Veronica Schaller erinnert sich an einen Ausflug in die Region vor wenigen Jahren.

Mit ihrem Kollegen Peter Schranz holte sie in einem Altersheim Werke ab, die der Stadt gehörten. Ein Zbinden-Holzschnitt war plötzlich nicht mehr auffindbar. «Den muss sich jemand im letzten Moment unter den Nagel gerissen haben», sagt Schaller. Der Zbinden blieb verschollen und hängt heute wohl irgendwo an einer Wohnzimmerwand.

Vor dem Umzug: Plastiken aus der städtischen Sammlung, festgezurrt für den Transport. zvg
Vor dem Umzug: Plastiken aus der städtischen Sammlung, festgezurrt für den Transport. zvg

Auch Umbauten sind eine Gefahr für die Kunst, nicht nur für die «Flügel» von Erica Pedretti (siehe Box). Vor einem Jahr berichtete diese Zeitung von einem Wandteppich, der bei der Sanierung des Zieglerspitals spurlos verschwand. Manches wird von unwissenden Bauleuten schlicht entsorgt.

Weil sich bis vor wenigen Jahren niemand systematisch mit der Kunstsammlung auseinandergesetzt hat, fehlen die Informationen für eine erfolgreiche Suche. Auf den alten, lange von Hand geführten Listen sucht man vergebens Jahreszahlen des Verschwindens und verlässliche Angaben. Derzeit klappert das Kulturamt die Schulen ab, fragt pensionierte Schulleiter nach vermissten Bildern, steigt auf Estriche – und hofft auf Zufallsfunde.

Nur wenig wertvolle Stücke

Mit der Misere ist Bern nicht allein, auch Kantone und andere Städte haben ihre Kunstsammlungen zu lange vernachlässigt (siehe Box). Jetzt wird die Sammlung aber professionell betreut: Seit 2013 kümmern sich Kunsthistorikerin Valentine von Fellenberg und Restaurator Thomas Rähm um die Kunstwerke.

Sie sind um eine sorgsame Behandlung der Bilder besorgt – und schauen, dass sie nicht über einem Wasserkocher in der Kaffee-Ecke vergammeln. Solche Fälle gab es in der Vergangenheit durchaus. Derzeit zieht die Sammlung aus Kapazitätsgründen um. Dadurch sollen auch Schäden wegen zu enger Lagerung vermieden werden.

Die Ankäufe hatten nie den Zweck der Wert­vermehrung. Es geht um die Anerkennung der Künstler.

KultursekretärinVeronica Schaller

Die 200 wertvollsten Werke sind sicher aufbewahrt. Sie befinden sich als Dauerleihgaben im Kunstmuseum Bern. Darunter auch ein Bild von Niklaus Ma­nuel, das derzeit im Historischen Museum zu sehen ist. Andere wertvolle Werke sind Gemälde von Augusto Giacometti und Franz Gertsch.

Mässiges Diebesgut

Der grösste Teil wäre aber als Diebesgut schlecht verwertbar. «Das liegt daran, dass die Ankäufe nie den Zweck der Wertvermehrung hatten. Es geht um die Anerkennung der Künstler und die Kunstvermittlung», sagt Veronica Schaller. Darüber hinaus habe die Sammlung einen historischen Wert, weil er einen Überblick des bernischen Kunstschaffens über Jahrzehnte bietet.

Bleibt die Frage: Wie vermeidet man heute, dass Dinge einfach so verschwinden? Für jedes Werk gebe es mittlerweile ein Stammblatt, und es werde genau Buch geführt, bekräftigt die städtische Kulturbehörde.

Alexander Tschäppät wars übrigens nicht, der die Max-Bill-Lithografie im Stadtpräsidentenbüro abgestaubt hat. Aber wie lange der Verlust zurückreicht, weiss man bei Kultur Stadt Bern nicht. Die grossformatigen Fotografien von Balthasar Burkhard, die jahrelang sein Büro zierten, hat Tschäppät übrigens nach Hause genommen. Ganz legal: Die Bilder hatte er selbst gekauft.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch