Bern

Wyss verlässt Wyss

Bern16 Jahre lang hat Hans-Peter Wyss als Stadtingenieur Bern an allen Ecken und Enden geprägt. Heute hat der 57-Jährige seinen letzten Arbeitstag – weil er mit seiner Chefin Ursula Wyss nicht klar kam.

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Die Haare sind während seiner Amtszeit weiss geworden, das Brillengestell ging mit der Mode mit. Die Form ist Hans-Peter Wyss wichtig. 18 Jahre lang arbeitete er für das Tiefbauamt der Stadt Bern. 16 davon war er der Chef dieser Behörde mit 350 Angestellten und trug den Titel des Stadtingenieurs.

Viel stärker als Wyss selber veränderte sich während seines Wirkens die Stadt. Sie musste unterhalten und erneuert werden, sie wurde grösser. Die rot-grüne Blütezeit der Aufwertung prägte sie beide, Wyss und die Stadt. Umgekehrt prägte Wyss all diese Projekte, die nicht ohne Baustelle zu realisieren waren. Nun tritt er, 57-jährig, von seinem Amt ab. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag in der Stadtverwaltung.

Der Ort des Reinigungsteams

Auf einem kleinen Spaziergang führt Wyss an drei innerstädtische Orte, an denen er grosse Projekte realisiert hat. Wyss’ Auswahl erzählt viel über seine Prioritäten. Am Waisenhausplatz gehts zuerst in die neu renovierten Räume des Reinigungsdiensts Innenstadt, die im Metro-Parking unter­gebracht sind. Bei seiner Arbeit – so technisch die Aufgaben auch sein mochten – sei «immer der Mensch im Zentrum» gewesen, sagt Wyss.

In diesem Fall der Mensch, der die Innenstadt reinigt, «unsere Betriebsleute, die einen harten Job an der Front haben und der Hitze, der Kälte, dem Dreck ausgesetzt sind». Früher hätten hier beengende Verhältnisse geherrscht – jetzt, nach der Renovation, kann das Reinigungsteam anständig duschen, Freizeit- und Arbeitskleider getrennt auf­bewahren, es hat Platz zum Atmen und eine Küche mit einem netten Aufenthaltsraum.

Der Stolz des Ingenieurs

Im April 2002 übernahm Wyss das Tiefbauamt interimistisch, gerade mal einen Monat später wurde er vom Gemeinderat definitiv zum Stadtingenieur gewählt. «Dabei wollte ich nur für 2 Jahre in der Stadtverwaltung bleiben», erzählt Wyss.

Ursprünglich hatte er parallel Vermessungs- und Tiefbauzeichner gelernt und gleichzeitig die Gewerbeschule in Zürich und in Solothurn besucht; nach dem Ingenieurstudium und 15 Jahren in der Privatwirtschaft sollte ihm der Abstecher zeigen, wie die Verwaltung funktioniert und wie dort grosse Projekte aufgegleist werden. Nach 2 zwei Jahren, aus denen fast zwei Dekaden wurden, sagt Wyss, er gehe «lieber jetzt als in ein paar Jahren, wenn sich alle meinen Abgang herbeisehnen».

Allein: Dass es so heraus­gekommen wäre, glaubt Wyss selber nicht. Zwar tritt er betont bescheiden auf, beherrscht, er kommuniziert äusserst sorgfältig; gleichzeitig strahlt er Berufsstolz aus, er ist ein Mann, der weiss, dass er die Leute für sich einnehmen kann, ein Mann, der weiss, was er geleistet hat.

Sollte er es einmal vergessen, wird ihn die Stadt auf Schritt und Tritt daran erinnern: der neue Stadtteil in Brünnen, das Tram Bern-West, das den Westen neu erschliesst, der Bahnhofplatz, die sanierten Hauptgassen, die Hoch­was­ser­schutzprojekte, die Netze zur Brückensicherung, zuletzt der ­Eigerplatz, «dr nöi Breitsch».

Von links bis rechts rühmen Stadträtinnen und Stadträte der Kommission für Planung, Verkehr und Stadtgrün, in der Wyss’ Geschäfte jeweils vorberaten wurden, den abtretenden Stadtingenieur. Die Kurzversion: fachlich sehr kompetent, unideologisch, ein guter Zuhörer, integrativ, einer, der auch die komplexesten Projekte vorwärtsbringt.

Die Frist des Ex-Stapi

Vom Metroparking geht der ­Spaziergang zum Bundesplatz. Dieser war nicht Wyss’ kompliziertestes Projekt, aber eins der speziellsten. «Hier hat alles an­gefangen.» Frisch im Amt als Stadt­ingenieur, erhielt er vom damaligen Tiefbaudirektor Alexander Tschäppät (SP) den Auftrag, den Platz bis zum Sommer 2004 umzugestalten. Beim Beharren auf den engen Termin dürfte mitgespielt haben, dass Tschäppät im Herbst desselben Jahres zum Stadtpräsidenten gewählt werden wollte.

Profitiert haben alle, findet Wyss: «Der Bundesplatz macht Freude. Statt eines Parkplatzes ist er heute ein Aufenthaltsplatz für die ganze Bevölkerung, für Touristen, für Politikerinnen und Politiker.» Schmunzelnd fügt er an: «Dass der neue Platz im Sommer 2004 fertig war, hat auch Tschäppät und mir nicht geschadet.»

An Ursula Wyss’ Widerstand gescheitert

Gewartet hat auf Wyss’ Abgang vielleicht nur eine: Namensvetterin und Gemeinderätin Ursula Wyss (SP), nach Tschäppät und Regula Rytz (GB) seine dritte Chefin in der Verwaltung. Als die Stadt im Oktober über Wyss’ Kündigung informierte, leuchtete der «Bund» (Abo+) die Hintergründe aus. Tiefbaudirektorin und Stadtingenieur konnten es nicht zusammen; während Rytz ihre Leute hatte machen lassen, rieben sich Wyss und Wyss mit politisch-strategischen und fachlichen Erwägungen auf – mit der Gemeinde­rätin am längeren Hebel.

Hätten sich die beiden noch für ein Jahr zusammenraufen können, hätte er sich mit 58 Jahren frühpensionieren lassen können, nachdem die Lieblingsvariante von Hans-Peter Wyss – Amtsführung bis 60, danach noch für höchstens 3 Jahre mit speziellen Aufgaben betraut – an Ursula Wyss’ Widerstand gescheitert war. Hans-Peter Wyss will sich zu alledem nicht äussern, er hält an der offiziellen Rhetorik fest, dass er noch einmal eine neue berufliche Herausforderung suche.

Die Niederlage des Amtschefs

Er habe lernen müssen, so Wyss, sich im Spannungsfeld zu be­wegen, in das der nüchterne Ingenieurberuf gerät, wenn er hochpolitisch wird – was in seiner ­Rolle unvermeidlich war. «Irgendwann wurde mir bewusst, dass Transparenz über alles geht. Nichts schafft gleichermassen Vertrauen und Akzeptanz.» Um dies erreichen zu können, brauche es klare Zu­ständigkeiten und eine klare Kommunikation. Habe die Politik einmal entschieden, müsse man das Resultat akzeptieren. «In jedem Fall. Man hat ja vorher alles dargelegt.»

Als grösste Niederlage bezeichnet er, dass es ihm nicht gelungen sei, das gesamte Tiefbauamt im Forsthaus zu zentralisieren, wo zwischen dem neuen Feuerwehrstützpunkt und der Autobahn seit Jahren ein Teil seiner Leute arbeitet. «6 Jahre habe ich dafür geweibelt, aber ich bin nicht durchgedrungen.» Von der Politik favorisiert werde inzwischen der Bau eines neuen Werkhofs, der verschiedene Betriebe des Tiefbauamts zusammenfasse und zu Synergien führe. «Immerhin.»

Die Krönung der Karriere

Der Spaziergang endet bei der Kirchenfeldbrücke. Deren Sanierung hat er «als letztes Projekt auf die Reise geschickt», im nächsten Sommer geht sie während 16 Wochen über die Bühne, sofern der Stadtrat die Vorlage Anfang Februar genehmigt. Ein Stadtingenieur hat allerdings nie einen sauberen Tisch, viele Projekte müssen gleichzeitig bearbeitet werden.

Die Kirchenfeldbrücke hätte er «gern noch gemacht», sagt Wyss ein bisschen wehmütig, und auch beim Thema «Zukunft Bahnhof Bern», dieser Riesenkiste, bei der im ablaufenden Jahr die Bauarbeiten begonnen haben, wird spürbar, dass er gern noch länger daran mitgearbeitet hätte. «Das ist ein enorm komplexes Projekt», sagt er. «Eine riesige Herausforderung.»

Es ist schliesslich ein Mitglied der Kommission für Planung, Verkehr und Stadtgrün, das findet, dass der Umbau des Bahnhofplatzes «die Krönung» von Wyss’ Wirken in der Stadtverwaltung gewesen sei. «Es tut mir leid für ihn, dass er beim Bahnhof­umbau nicht daran anknüpfen kann, und für die Stadt, dass sie nicht mehr von seinem riesigen Know-how profitieren wird.»

Jetzt geht Wyss erst einmal auf eine Reise mit seiner Frau. Seine Hobbys, die ein anstrengendes Berufsleben lang zu kurz gekommen sind, eignen sich alle bestens für die Zeit nach der Pensionierung. Doch so weit ist es noch nicht, Wyss ist auf Stellensuche. Ihm schwebe eine komplexe Führungsaufgabe und Projektentwicklung vor, sagt er, und es klingt, als würde er über den Job reden, den er heute abgibt. «Ich sehe mich weniger als Berater, ich suche die Leadership.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.12.2017, 09:13 Uhr

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