Zu viel Drama um ein abgebrochenes Stück Zahn

Freiburg

Ein Rekrut muss einen Zahnschaden selber bezahlen, auch wegen zu grosser Fantasie. 

Der Rekrut musste die Zahnarztrechnung selber übernehmen, machte eine Beschwerde beim Freiburger Kantonsgericht und blitzte ab. (Symbolbild)

Der Rekrut musste die Zahnarztrechnung selber übernehmen, machte eine Beschwerde beim Freiburger Kantonsgericht und blitzte ab. (Symbolbild)

(Bild: PD)

Hans Ulrich Schaad

Es ist die ewig gleiche Frage, aber stets mit skurrilen Nuancen: Wann ist ein Zahnschaden ein Unfall? Das Freiburger Kantonsgericht musste sich kürzlich mit einem besonders kuriosen Fall beschäftigen. Ein Rekrut hatte während eines Tests auf einen Metallkugelschreiber gebissen.

Ein Stück des Zahns Nummer 36 war abgebrochen. Die Militärversicherung übernahm die Zahnarztrechnung nicht, weil nicht von einem Unfall auszugehen sei. Es fehle der ungewöhnliche äussere Faktor. Der Mann gelangte in der Folge mit einer Beschwerde ans Freiburger Kantonsgericht, dort biss er aber auf Granit.

In seinem Urteil weist das Gericht darauf hin, dass der spontanen ersten Aussage zum Vorfall grosse Bedeutung zukomme. Sie sei unbefangener und zuverlässiger als spätere Darstellungen, die – bewusst oder unbewusst – von nachträglichen Überlegungen versicherungstechnischer Art beeinflusst würden.

Immer detaillierter

Der Rekrut schilderte den Vorfall im Laufe des Verfahrens immer blumiger. In der Unfallmeldung machte er zu den Umständen keine Angaben. Später erklärte er in einer E-Mail an die Versicherung, dass der Test unter erschwerten Bedingungen stattgefunden habe, mit laufendem Kriegsfilm im Hintergrund und voll aufgedrehten Boxen. Dabei sei er, der Film wurde gerade gewechselt, bei einer lauten Explosion zusammengezuckt.

Er habe «relativ fest auf den Metallschreiber gebissen». In einer weiteren Eingabe präzisierte der 20-Jährige. Er habe den Kugelschreiber unbewusst zum Mund geführt, bedingt durch den Stress und die volle Konzentration auf diesen Test. Die plötzliche Lautstärke des Films habe die Beissreaktion ausgelöst, es sei ein «Schreckreflex» gewesen.

In der Beschwerde ans Kantonsgericht tischte der Mann eine weitere, leicht abgeänderte Version auf. Er sei so konzen triert auf den Test gewesen, dass er zum Überlegen den Schreiber unbewusst zu den Lippen geführt habe. Danach sei er wegen der plötzlichen Lautstärke zusammengezuckt. Er habe vor Schreck auf den Kugelschreiber gebissen.

Die Version geht nicht auf 

Das Freiburger Kantonsgericht gab dem Beschwerdeführer insofern recht, als ein plötzlicher lauter Knall durchaus zu einer Schreckreaktion führen könne. Die neuste Version passe aber nicht mehr, sie sei nicht nachvollziehbar, so das Gericht. Weil es sich beim beschädigten Zahn um den zweithintersten handelte, hätte der Rekrut entweder den halben Stift in den Mund nehmen oder aber den Mund sehr weit aufsperren müssen.

Der Kugelschreiber habe deshalb mit «überwiegender Wahrscheinlichkeit» bereits im Mund gesteckt. Damit fehle die Ungewöhnlichkeit, die für die Definition eines Unfalls notwendig sei.

Berner Zeitung

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