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BSO startet mit markigen Klängen ins neue Jahr

Kultur-CasinoDas Berner Symphonieorchester und der Oratorienchor boten beim Neujahrskonzert unter der

Das Schild beim Eingang teilt es unmissverständlich mit: «Dieses Konzert ist ausverkauft.» Da lässt sich nichts machen – das muss auch eine Dame zur Kenntnis nehmen, die sich bei der Kasse fürchterlich enerviert. Nun – ein ausverkauftes Neujahrskonzert im Kultur-Casino, das ist nichts Neues. Fast schon ungewohnt hingegen ist – mit Blick auf die vergangenen Jahre – die konservative Programmierung: Nach diversen Potpourris und einem Cross-over-Experiment mit Stepptanzclowns, Dudelsackvirtuosen und keltischen Klangfeen scheint sich das Berner Symphonieorchester zu besinnen: ein Werk – mehr nicht. Aber was für eins. Ballast der Bedeutung Beethovens letzte Sinfonie, uraufgeführt 1824 in Wien, ist im Verlauf der Geschichte so eifrig überhöht und (politisch) instrumentalisiert worden, dass die Musik unter dem Ballast der Bedeutung beinahe erstickt ist. Das gilt vor allem für den Schlusssatz mit dem idealistisch umfunktionierten Trinklied Schillers «An die Freude». Erst die Vertreter der historischen Aufführungspraxis haben den Blick auf die Musik neu geöffnet, indem sie antiquierte Aufführungsprinzipien über Bord warfen und das Werk von Pathos, Getöse und Patina befreiten. Die aufregendsten Interpretationen der Gegenwart greifen die neueren Erkenntnisse ebenso selbstverständlich wie kreativ auf. Gemessen daran bewegt sich Altmeister Günther Herbig (80) beim Neujahrskonzert eher auf ausgetretenen Pfaden. Das zeigt sich schon beim Auftakt, der dem Ursuppenmodell folgt und beinahe statisch die Gewichtigkeit des Kommenden ankündigt. Das Klangbild ist (zumindest im Parkett) sehr streicherlastig, dabei warm und rund. Herbig setzt auf weite organische Bögen, fast schon stereotyp lässt er Tempo und Lautstärke jeweils schwinden und wachsen, um den Klang in den Tuttistellen mächtig zu ballen. Aber er tut es – ohne Partitur – so traumwandlerisch sicher und in sich stimmig, dass man sich von Herbigs kraftvollem Zugriff einnehmen lässt. Souveräner Chor Leider sind die Blechbläser für einmal nicht über alle Zweifel erhaben. Und die Pauke wirkt mit ihren markigen Einsätzen oft zu dominant. Doch insgesamt lässt das engagiert aufspielende BSO wenig zu wünschen übrig. Der zweite Satz entfaltet sich mit rhythmischem Drive, im ausgesungenen Adagio des dritten Satzes findet das Orchester eine berückende Zerbrechlichkeit. Und wie die Streicherbässe zu Beginn des Schlusssatzes mit dem Orchester über die bisherigen Themen «debattieren», ist bemerkenswert. Der heikle Finalsatz, von Herbig dramaturgisch souverän gestaltet, wirkt überwältigend – dank den Solisten Sen Guo (Sopran), Marie-Claude Chappuis (Mezzosopran), Dominik Wortig (Tenor) und Detlef Roth (Bassbariton). Vor allem aber dank dem Oratorienchor Bern (Einstudierung: Laurent Gendre). Selbst in der grossen Fuge gerät der Chor nie aus dem Tritt. Die Diktion ist ausgezeichnet. Und weil er sich auch zurückzunehmen weiss, trägt er entscheidend dazu bei, dass sich das Finale nicht im frenetisch-dröhnenden Klangfest erschöpft. Bleibt die Frage, weshalb sich Mario Venzago die Gelegenheit hat entgehen lassen, das Neujahrskonzert selbst zu leiten. Beethovens Neunte – das wäre ein Paradewerk für einen Chefdirigenten, der sich beim Amtsantritt auf die Fahnen geschrieben hat, mit frischem Blick das «Problem der Feierlichkeit» anzugehen. mei>

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