Das Glühen von Van Zweden

Gstaad

Nun ist er definitiv da: Jaap van Zweden, der neue Chefdirigent des Gstaad Festival Orchestra, hat das Begeisterungsfeuer richtig gezündet. Und einen grossartigen Tschaikowsky im Zelt hinbekommen.

Ein starker Auftritt: Jaap van Zweden und das Gstaad Festival Orchestra im Gstaader Festivalzelt.

Ein starker Auftritt: Jaap van Zweden und das Gstaad Festival Orchestra im Gstaader Festivalzelt.

(Bild: zvg / Raphael Faux)

Svend Peternell

Der Mann hat einen drauf: Pow­er, Gestaltungswille, visionäres Schauen. Und bringt einen Tschaikowsky in der ganzen Spannbreite, die sich in der 5. Sinfonie ausloten lässt, so richtig zum Glühen.

Jaap van Zweden, der neue künstlerische Leiter der Gstaad Conducting Academy, hat eine Woche nach seinem Einspringerstart (für den erkrankten Long Yu) jetzt auch offiziell als neuer künstlerischer Leiter des Gstaad Festival Orchestra (GFO) bestätigt: Da ist ein Topdirigent am Ruder, der das Gstaad Menuhin Festival bereichern wird.

Am Montag Kiel, am Dienstag Hamburg

Das am Samstag im nahezu ausverkauften Gstaader Festivalzelt erstmals präsentierte Programm durfte sich wahrlich hören lassen. Mit dem bereits genannten Tschaikowsky-Wurf von 1888, mit Edouard Lalos kontrastreichem Cellokonzert (1876) und einer klangmalerisch-verspielten Etüde von Maurice Ravel («Pavane pour une infante défunte»; 1899/1902) geht es nun auf Tournee.

Am Montagabend steht Kiel an, am Dienstag dann Hamburg – beide im Rahmen des Schleswig-Holstein-Festivals. In der neuen Elbphilharmonie dürfte das Publikum nicht weniger entzückt sein als in Gstaad – über das spätromantisch angehauchte Programm im Allgemeinen und über die gestalterischen Raffinessen und die Klangqualität, welche das GFO zu bieten hat(te) im Besonderen.

Das GFO folgte den Intentionen des 56-jährigen Holländers Jaap van Zweden mit Verve, Spielfreude und Präzision. Tschaikowskys Fünfte klang ebenso frisch wie ­beseelt, ebenso wehmütig wie ­tänzerisch, ebenso heroisch wie ­filigran.

Die GFO-Interpretation wirkte packend in den grossen Bögen, berührend in den instrumentalen Finessen, wuchtig im kriegstaumelnden Pathos, ekstatisch im Zelebrieren des wiederkehrenden Schicksalsmotivs. Van Zweden ist ein mitatmender Dirigent, der klug und scharf skizziert, um die inneren Schätze des Klanggebäudes mit dem GFO emotional bewegend zu heben.

Vorhangöffner für Sol Gabetta

Sehr schön gelang auch das sel­ten aufgeführte Cellokonzert des Franzosen Lalo, in dem das GFO seinen aktiven Part prägnant beisteuerte, letztlich aber zum Vorhangöffner für die im Saanenland sehr beliebte Solistin Sol Gabetta wurde: Die 36-jährige gebürti­ge Argentinierin mit Schweizer Wohnsitz stürzte sich einmal mehr leidenschaftlich-hingebungsvoll ins cellistische Abenteuer, holte immer wieder beglückende (und teilweise auch zum Schmunzeln anregende) Details ans Licht und verkündete mit ihrer starken Präsenz: Jeder Auftritt ist eine Neuentdeckung des Werks – voller Neugier und ohne müde Routine bestritten.

Publikumsliebling: Die Cellistin Sol Gabetta interpretierte das Werk von Edouard Lalo mit voller Hingabe. Bild: zvg / Raphael Faux

Berner Oberländer

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