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Das Hotel ist nicht einziges Rutschobjekt

GrindelwaldDas rutschende Hotel Gletschertal ist kein Einzelfall. Selbst der unweit darunter wohnende Gemeindepräsident stellt in seinem Haus immer wieder neue Risse fest. Ein Geologe erklärt, dass durch den fehlenden Gletscher die gesamten Schieferschichten ins Rutschen gekommen sind.

Der Betrieb des Hotels Gletschertal wird Anfang April eingestellt. Die Gebrüder Bruno und Christian Brawand als Besitzer entschlossen sich zu diesem Schritt, nachdem ein beigezogener Experte Mitte Januar eine Gebäudeverkippung festgestellt hatte (siehe gestrige Ausgabe). «Bewegungen variieren» Vor allem die östlichen Gebiete des Dorfes Grindelwald sind auf der Gefahrenkarte mehrheitlich blau eingezeichnet, was eine mittlere Gefährdung durch Naturgefahren und eine Rutschgeschwindigkeit von über 2 Zentimetern pro Jahr bedeutet. Das betroffene Hotel Gletschertal liegt mittendrin in dieser blauen Gefahrenzone. Schon lange ist das Rutschpotenzial des Hanges oberhalb des Kirchbühls vom 250 Meter höher gelegenen Oberhaus her bekannt: Eine vom Berner Naturgefahrenpionier Hans Kienholz erstellte Gefahrenhinweiskarte aus dem Jahr 1976 zeigt deutliche Tendenzmarkierungen für instabiles Erdreich auf. «Die Bewegungen gehen innerhalb des betroffenen Gebiets ziemlich stark auseinander und können bis zu 20 Zentimeter pro Jahr betragen», sagt dazu der Grindelwalder Bauverwalter Marc Schori. Und: «Je nach Feuchtigkeitsgehalt des Bodens variieren diese Bewegungen sehr stark. So kann ein Gebäude innerhalb von 2 Jahren plötzlich schief stehen; dies kann aber unter Umständen auch 10 Jahre oder noch viel länger dauern.» Dem Bauverwalter ist bewusst, «dass gerade der Hang im Kirchbühl längerfristig genauer und unter Beizug von Spezialisten angeschaut werden muss». Aber nicht nur dieser – so wurden erst kürzlich im Steinbillen, einem Randgebiet zu einem auf der Gefahrenkarte rot deklarierten Bereich, zwei schief stehende Gebäude wieder mit baulichen Massnahmen in die waagrechte Lage gebracht. Laut Heinrich Buri, Leiter der Abteilung für Naturgefahren des Kantons Bern, werden in rot deklarierten Zonen Rutschgeschwindigkeiten von jährlich über 10 Zentimetern gemessen oder aber differenzielle Bewegungen, die ein Gebäude förmlich zerreissen könnten. Ein weiteres, eindrückliches Beispiel für labilen Untergrund steht neben dem Schulhaus Mühlebach: Ein 300-jähriges Holzhaus, das mit seiner Schieflage nach heutigen Kriterien längst als Totalschaden deklariert würde, ist nach wie vor bewohnt. Nicht mehr lange allerdings, denn nächstens wird dieses Gebäude der Überbauung Mühlebach mit vier neuen Chalets weichen müssen. Von der First bis in den Grund Der Geologe Kaspar Graf kennt das betroffene Gebiet gut: «Seit der Gletscher weggeschmolzen ist, rutscht der sogenannte Alenienschiefer in einer Schmierschicht mehr oder weniger schnell vor sich hin, und zwar von der First bis in den Grund hinunter. Dies hatte bereits der Geologe Albert Heim vor 150 Jahren festgestellt.» Der Mensch könne die Rutschungen auf dem instabilen Untergrund nicht stoppen, jedoch durch eine steife Bauweise Schäden vermeiden. «Für Personen ist es ungefährlich, aber den Gebäuden schadet das durchaus», bringt Heinrich Buri, Leiter der Abteilung für Naturgefahren, die Eigenschaften eines Rutschhangs wie im Kirchbühl auf den Punkt. «Und die Gebäudeversicherung deckt dies übrigens nicht ab, auch wenn es sich fachtechnisch um Elementarschäden handelt.» Unterstützung der Gemeinde Der Grindelwalder Gemeindepräsident Emanuel Schläppi kann sogar aus eigenen Erfahrungen als Betroffener berichten. wohnt er doch selber unmittelbar unter dem Kirchbühl: «In meinem 50-jährigen Haus stelle ich immer wieder neue Risse fest; das ist nichts Neues und ist halt immer wieder mit Investitionen verbunden. Aber Grindelwald war schon immer bekannt für diese Problematik.» Für das Hotel Gletschertal erhofft sich Schläppi, dass der Betrieb bald wieder eröffnet und genutzt werden kann. Er sichert den Besitzern Bruno und Christian Brawand die Unterstützung der Gemeinde zu. Und er distanziert sich entschieden von jeder Art von Panikmache: «Menschen sind keine gefährdet und werden dies auch künftig nicht sein.»Bruno Petroni>

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