«Das sind alles Klischees»

Kiental

Am Samstag spielt Steff la Cheffe am Natural Sounds Open Air. Mit ihrem Tiefsinn passt sie ans kleine, idyllische Festival in den Bergen – auch als Rapperin.

Steff la Cheffe will nicht nur Halligalli bieten.

Steff la Cheffe will nicht nur Halligalli bieten.

(Bild: zvg)

Sie sind am Natural Sounds auch schon aufgetreten. Was blieb Ihnen in Erinnerung?
Steff la Cheffe: Wenn ich mich recht erinnere, ist es klein aber fein, hat sympathische Leute und findet in der Natur draussen statt.

Sie kommen als urbane Rapperin an ein Festival in die Natur raus. Wie passt das zusammen?
Mich ziehts je länger je mehr in die Natur. Ich merke, dass mir die Natur mega gut tut als Ausgleich zur Stadt. Aber gell, ich bin ja nicht aus einer Grossstadt, ich bin aus Bern (lacht). Und abgesehen davon sind das eh alles Klischees: Das Klischee vom Land, das Klischee der Stadt, das Klischee der Rapperin.

... dem Sie nicht mehr entsprechen?
Ich bin schon noch eine Rapperin, aber es ist nicht mehr unbedingt meine Identität wie das vielleicht zwischen 15 und Mitte 20 der Fall war. Je länger je mehr sehe ich Rap einfach als eine Ausdrucksform der Stimme, der Sprache des Geistes. Und letztlich mach ich einfach Musik.

Wenn wir bei Klischees bleiben: Stellen Sie Unterschiede zwischen Stadt- und Landkonzerten fest?
Vielleicht haben Leute auf dem Land eher noch Freude und wissen es mehr zu schätzen, wenn etwas Kulturelles stattfindet. In der Stadt ist das Angebot halt viel grösser. Dadurch ist es nichts Spezielles mehr. Aber das behaupte ich jetzt einfach mal.

Sie touren seit einem Jahr mit dem aktuellen Album «Härz Schritt Macherin». Wie haben sich die Auftritte in dieser Zeit verändert?
Zum Beispiel treten wir je nach Anlass im Trio auf, also Benjamin Notti, Chrigel Bosshard und ich. Das gab es letztes Jahr noch nicht. Ausserdem beobachte ich, dass meine stimmliche Leistung stetig besser geworden ist. Wir haben auch Songs neu ins Set aufgenommen - auch solche, die es nicht zu kaufen gibt.

Ihr aktuelles Album «Härz Schritt Macherin» ist sehr intim. Wie gehen Sie damit um, dass wildfremde Menschen einen Einblick in Ihr Seelenleben erhalten?
Das Album musste ich einfach in dieser Form machen. Aber es ist schlussamänd kein Dokumentarfilm, der eins zu eins mein Leben wiedergibt. Am Ende des Tages ist es Poesie: Ich brauche Bilder und Metaphern, die nicht wörtlich zu nehmen sind. Aber natürlich ist es eine Herausforderung, einen gesunden Umgang damit zu finden.

Wie erklären Sie sich das Bedürfnis, Ihre Gefühle so gegen aussen zu tragen?
Ich weiss es auch nicht. Entweder man hat das oder eben nicht (lacht). Es hat wohl schon mit einem sehr intensiven Gefühlsleben zu tun und und mit einer starken Introspektion. Jede Art von Kreativität ist letztlich eine Art Ventil, um all den Spannungen und Überlegungen und Diskussionen, die man in sich hat, Ausdruck zu geben. Das ist emotional befreiend für mich.

Und auch die Zuhörerinnen und -hörer haben etwas davon.
Ja, Ich habe gemerkt, dass es einigen Leuten wirklich hilft; sie fühlen sich verstanden und aufgehoben in dem, was ich mache. Das ist Seelennahrung. Es bezahlt zwar nicht die Miete, aber ohne diesen Drang würde ich keine Musik machen.

In einem Interview sagten sie einmal: «Wer du wirklich bist, wollen die Leute nicht sehen.» Wie sehen Sie das heute?
Die meisten Leute wollen einen bestimmten Aspekt von mir sehen. Aber es gibt vielleicht ganz viele andere Aspekte, die nicht so aufregend sind.

Zum Beispiel?
Dazu muss ich etwas ausholen: Gerade neulich haben wir darüber geredet, inwiefern ein Künstler ein Dienstleister ist. Sobald ich Shows mache und von der Musik leben will, spielt Dienstleistung sicher eine gewisse Rolle.Ich will aber nicht Bedürfnisse befriedigen im Sinne von «hey, sie finden ‹ha ke Ahnig› cool, jetzt mach ich noch zehn weitere Songs nach diesem Schema». Wenn ich merke, dass ein Rezept funktioniert, dann ist es Zeit, ein neues Rezept zu entwickeln und mich weiter zu entwickeln und zu wachsen.

Ich sehe noch nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.
Wenn ich jedes Jahr ein Album herausbringen will, um die Leute bei Stange zu halten, stelle ich die Ansprüche der Leute über die Ansprüche der Kunst an sich. Und daraus entsteht eben keine Kunst, sondern Unterhaltung. Das ist auch legitim, aber mich zieht es woanders hin. Ich verstehe mich also nicht in erster Linie als Dienstleisterin. Das ist ein Aspekt von mir, der nicht nur gut ankommt.

Gleichzeitig sind Sie auf die Gunst des Publikums angewiesen.
Natürlich. Aber wer will schon sehen, wie ich nervlich am Ende bin und gnietig drauf und traurig? Die Leute arbeiten von Montag bis Freitag und bezahlen vielleicht 50 oder 120 Franken für ein Festival-Ticket, dann wollen sie Party machen und einfach ein bisschen Unterhaltung eineinhalb Stunden lang. Die wollen nicht noch angestrengt werden. Und meine Sachen sind halt zum Teil ein bisschen anstrengend. Da muss man den Leuten schon ein bisschen entgegenkommen und ihnen das geben, was sie wollen.

Sie sprechen offen über Ihre Krise vor «Härz Schritt Macherin». Wo stehen Sie heute?
Für Musiker sind die Zeiten generell herausfordernd, weil das Business im Umbruch ist. Ich bin momentan auf die Frage zurückgeworfen, was ich jetzt will. Finanziell geht das, was ich bis jetzt gemacht habe, nicht auf. Wenn ich das Potenzial für grosse Shows ausschöpfen wollte, müsste ich mehr in den Kommerz reingehen und mehr Kompromisse eingehen, im Kreativen, aber auch im Geschäftlichen. Da habe ich aber recht hohe moralische Ansprüche.

Sie reden vom Dilemma «Kunst oder Kommerz»?
Ja, wenn wir zwischen Kunst und Kommerz unterscheiden, ziehts mich eher in die Kunst. Und das bedeutet dann eher klein und fein, wo sich wiederum die Frage stellt, wie das Geld reinkommt. Das ist im Moment die grosse Frage.

Mit dem Stilwechsel und der Melancholie war «Härz Schritt Macherin» ein Experiment. Hat sich das gelohnt?
Dazu muss ich sagen, dass ich mir nie überlegt hatte, ob ich mich neu erfinden möchte oder wie ich mich präsentieren könnte. Der Stilwechsel war einfach eine logische Folge meiner Entwicklung als Mensch. Um eine Bilanz zu ziehen: Das ganze Projekt hat etwas an Quantität verloren, rein von den Einnahmen und von der Präsenz her, aber dafür hat es an Qualität gewonnen.

Am Schluss noch diese Frage: Sie eröffnen am 24. Juli in Thun «am Schluss», ein locker-flockiges Sommerfestival. Bieten Sie dort «Härz Schritt Macherin» light?
(Lacht.) Das Schöne ist: Mit drei Alben hat man feiechli Auswahl an Songs. Da können wir das rausziehen, was am meisten Sinn macht. Übrigens hat es auch auf dem neusten Album locker-flockige Songs. Aber ein bisschen Tiefgang verträgt es aber trotzdem, das darf man den Leuten schon zumuten. Dafür stehe ich ja auch.

Berner Oberländer

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