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«Das tönt wie unfreiwilliger Galgenhumor»

Bis heute hat sich die Erde um 0,8 Grad erwärmt. Theoretisch sei es noch möglich, das in Kopenhagen vereinbarte 2-Grad-Ziel zu erreichen, sagt der Berner Klimatologe Urs Neu. Aber nur mit verschärften Massnahmen.

Kopenhagen hat bloss eine unverbindliche Absichtserklärung gebracht. Wie bewerten Sie das als Klimatologe, Herr Neu? Urs Neu: Ich würde es als Nicht-entscheid bezeichnen. 1992, am Erdgipfel von Rio de Janeiro, haben alle 192 Staaten eine Klimakonvention unterzeichnet. Sie verlangt, den Ausstoss von Treibhausgasen zu bekämpfen, damit sich die Erde nicht über ein für die Menschen gefährliches Mass erwärmt. Jetzt, in Kopenhagen, einigte man sich darauf, die Treibhausgas-Emissionen reduzieren zu wollen, damit sich die Erde um nicht mehr als 2 Grad erwärmt. Mit anderen Worten? Der Fortschritt ist minim, man ist praktisch gleich weit wie vor 17 Jahren, ausser dass man dank wissenschaftlicher Erkenntnisse die Zahl von 2 Grad für das «gefährliche Mass» einsetzt. In Kopenhagen hat man sich auf etwas geeinigt, über das man sich vorher eigentlich schon lange einig war. Neu ist, dass man den Entwicklungsländern finanzielle Unterstützung verspricht. Aber unverbindlich und ohne Verteilschlüssel. Wie weit fortgeschritten ist die Klimaerwärmung überhaupt? Wir liegen derzeit bei 0,8 Grad Erwärmung gegenüber der Epoche vor der Industrialisierung. Mindestens ein halbes zusätzliches Grad haben wir aber bereits jetzt in der Pipeline, weil selbst bei einem sofortigen Stopp des CO2-Ausstosses der Temperaturanstieg noch weitergehen würde. De facto haben wir heute zum 2-Grad-Klimaziel nur noch eine Lücke von etwas mehr als einem halben Grad. Ist das Kopenhagener 2-Grad-Klimaziel überhaupt noch erreichbar? Theoretisch schon, sagen die Forscher, die sich mit solchen Berechnungen beschäftigen. Nimmt man allerdings die heute von verschiedenen Staaten vorliegenden Reduktionsziele für Treibhausgase und geht davon aus, diese würden eingehalten, ist die Erkenntnis klar: Mit dem, was bis jetzt weltweit an Klimaschutz versprochen ist, kann man das Kopenhagener Ziel niemals einhalten. Wie schlimm wäre es, wenn die Klimaerwärmung die 2-Grad-Grenze überschreitet? Die 2 Grad sind keine absolute Schwelle, ich würde sie eher als ambitioniertes Ziel verstehen. Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die globale Klimaerwärmung ab etwa 2 Grad massive wirtschaftliche und ökologische Schäden verursacht. Grundsätzlich gilt: Die Schäden nehmen mit der Erwärmung zu, und zwar überproportional. Die Wissenschaft versucht zu schätzen, ab welcher Temperaturzunahme unumkehrbare und sich möglicherweise selbst verstärkende Prozesse einsetzen. Zum Beispiel? Das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes etwa wird, so rechnet man heute, bei einer Erderwärmung zwischen 1 bis 3 Grad nicht mehr umkehrbar sein. Exakt kann man das nicht voraussagen, und das gilt eben auch für den Zielwert von 2 Grad. Die Welt geht nicht unter, wenn er überschritten wird, aber es kann vorher schon sehr ungemütlich werden. Beispielsweise auf Südseeinseln wie Tuvalu, das wegen des Meeresspiegelanstiegs zu versinken droht. Verläuft der Klimawandel im Moment nicht eher langsamer als prognostiziert? Der zurzeit etwas gebremste Anstieg der globalen Temperatur ist auf kurzfristige natürliche Schwankungen des Klimasystems zurückzuführen und bedeutet leider keine Entwarnung. Im Gegenteil: Die weltweiten CO2-Emissionen sind in den letzten Jahren stärker angestiegen als im UNO-Klimaberichts von 2007 angenommen. Der Anstieg des Meeresspiegels, die Erwärmung der Ozeane, das sommerliche Abschmelzen des arktischen Meereises bewegen sich an den obersten Grenzen der Erwartungen. Glauben Sie, dass man sich 2010 an der Klimakonferenz von Mexiko doch noch auf verbindlichere Klimaziele einigen wird? Ich bin sehr skeptisch, ob uns die globale Politik weiterbringen wird. Kopenhagen hat gezeigt, dass es schwierig bis unmöglich ist, die Interessen von Industrieländern sowie von Entwicklungs- und Schwellenländern auf einen Nenner zu bringen. Aufstrebende Nationen wie China oder Brasilien empfinden Klimaschutz als von Europa und den USA verordnetes Abbremsen ihrer wirtschaftlichen Aufholjagd. Die alten Industrieländer befürchten wirtschaftliche Konkurrenznachteile, wenn sie klimapolitisch vorangehen. Ein praktisch unlösbares Dilemma. Dass sich die USA und China jetzt zu freiwilligen Massnahmen verpflichten, tönt wie unfreiwilliger Galgenhumor. Rein moralisch stehen meiner Meinung nach die alten Industrieländer klar in der Pflicht. Unser Wohlstand beruht auf jahrzehntelangem Ausstoss von Treibhausgasen. Deshalb müsste der Westen mit sehr ambitiösen Reduktionszielen Zeichen setzen. Aber selbst wenn – es gibt noch andere Problemfälle. Russland etwa. Warum Russland? Die Russen haben das noch bis Ende 2012 geltende Kyoto-Protokoll nur unterzeichnet, weil durch den Zusammenbruch des Ostblocks ihre CO2-Emissionen massiv gesunken sind. Sie können deshalb ihren Treibhausgasausstoss gegenüber heute steigern und gleichzeitig Emissionszertifikate verkaufen. Nie würden sie ein Abkommen unterzeichnen, das diese Rechnung nicht mehr enthält. Wenn die globale Klimapolitik jetzt nicht mehr weiterkommt, ist der Klimaschutz am Ende? Nein. Das wäre für viele Länder auch wirtschaftlich keine Option mehr. Nehmen wir Spanien, das nicht den Ruf eines Klimaschutzvorbildes hat, aber in den letzten Jahren systematisch auf Windenergie gesetzt hat und so heute einen substanziellen Teil seiner Stromversorgung sicherstellt. Das Zeitalter billigen Erdöls wird – Klimaschutz hin oder her – einmal vorbeisein. Dann wird ein Land, das Energie ohne Treibhausgas-Emissionen gewinnt, enorme Wettbewerbsvorteile haben. Ich denke, dass in nächster Zeit eher wirtschaftlicher Druck den Klimaschutz voranbringt als von der Weltpolitik von oben verordnete Ziele. Interview: Jürg Steiner>

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