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«Den Beduinen fehlen die Touristen»

steffisburgDie arabische Revolution wirkt sich auch auf

Führen Sie trotz der arabischen Revolution noch Trekkings in der Sinai-Wüste in Ägypten durch? Sylvia Grogg: Das würde ich, doch momentan sind die Schweizerinnen und Schweizer sehr vorsichtig. Ich kenne die Situation vor Ort, bin im Kontakt mit meiner Beduinenfamilie und weiss: Es besteht kein Anlass zur Sorge. Wie ist es in dieser Situation für die Sinai-Beduinen? Sie leiden, weil die Reisenden fernbleiben. Sie leben vom Tourismus und spüren die Auswirkungen der politischen Lage in Nordafrika und im Nahen Osten. Ich musste die beiden letzten Trekkings mangels Anmeldungen absagen (vgl. Kasten, Anm. Red.). Besteht kein Risiko? Nein, es ist ungefährlich. Die Sinai-Beduinen, die übrigens vor 300 bis 400 Jahren nördlich von Mekka auf der Arabischen Halbinsel gelebt haben und dann in den Sinai gezogen sind, sind nicht vergleichbar mit den Tuareg in Nordafrika, deren Herkunft eine komplett andere ist. Dort gab es in den letzten Jahren vereinzelt Entführungen, aber nie auf dem Sinai. Nebst dem Wegfall der Touristen: Spüren die Beduinen die Unruhen der arabischen Revolution auch sonst irgendwie? Während der Unruhen hat die Polizei den Sinai verlassen. Alle Checkpoints waren unbewacht. Die Sheikhs der Beduinenstämme vom Norden und Süden haben sofort reagiert und mit den Sicherheitskräften besprochen, wie sie weiterhin die Ruhe vor Ort sichern wollen. Seit Mubaraks Sturz kontrollieren die Beduinen nun die Wüste Sinai. Das ist einmalig, wie auch, dass Stammessheikhs erstmals an einer Sicherheitskonferenz der Regierung teilnehmen durften. Wie erfuhren die Leute in der Wüste von den Unruhen? Die Beduinen haben in ihren kleinen Wüstensiedlungen meistens Strom, Fernseher und Handys, haben Schulen und sind gebildet. Fünf, sechs Jahre Grundschule für Mädchen und Jungen sind obligatorisch. Wenn die Familie nicht zu abgelegen wohnt, besuchen die Kinder die Schule. Der technische und elektronische Fortschritt macht vor der Wüste nicht halt. Ist das nun eine erfreuliche Entwicklung? Die Wüste ist kein Museum, auch wenn wir das gerne hätten. Zum Beispiel ist das Handy für die Beduinen nicht Luxus, sondern einfach wichtig, da es in der Wüste keine Telefonleitungen gibt. Führt der Fortschritt dazu, dass die Traditionen verloren gehen? Fortschritt führt immer dazu, dass Traditionen langsam verwässern. Die heutige Generation sucht einen Mittelweg im Wissen, dass ihre Schulbildung nicht genügt und ein Berufsausbildungsangebot nicht existiert. Doch viele junge Beduinen wollen ihre Traditionen weiter leben. Viele wollen in die Fussstapfen ihrer Väter treten und Fremde durch ihr Stammesgebiet führen. Fortschritt und Tourismus sind für Traditionen langfristig wohl deren Untergang. Inwiefern wirkt sich der Tourismus auch noch negativ aus? In gewissen Touristenorten am Meer gibt es Probleme, etwa mit Alkohol und Drogen. Eine Schwierigkeit in der Nähe von Touristenorten ist, wenn Gäste Beduinenmädchen Jeans, Stöckelschuhe und Shirts schenken. Und wie es mit dem Abfall? Das ist nicht wirklich gelöst. Der Kehricht der Hotels und Touristensiedlungen wird von der Stadt eingesammelt und am Wüstenrand vergraben. Derjenige der Beduinen wird ignoriert. Sie müssen ihr Abfallproblem selber lösen. Wenn nun die Touristen ausfallen. Wovon leben die Beduinen? Sie müssen sich einschränken, sich aushelfen, Tiere verkaufen oder von der Hand in den Mund leben. Sie gehen fischen, suchen Arbeit auf den Müllhalden Es findet sich immer etwas. Auch die Stammesgemeinschaft hilft über viele Probleme hinweg, und Gottvertrauen ist eine Grundhaltung aller Beduinen. Finden Trekkings ausschliesslich mit Kamelen statt? Es werden auch kurze Jeep-Touren angeboten. Da es in der Wüste keine Tankstelle gibt, sind lange Touren nur mit dem Kamel möglich. Beduinen haben vor Jahrhunderten Fremde auf Kamelen durch die Wüste geführt, das hat Tradition. Kamelzucht war ein wichtiger Teil des Familieneinkommens. Gibt es auch reichere Beduinen? Ja, ehemalige Schmuggler, die so zu grossem Reichtum gekommen sind. Oder kleine Taxiunternehmer mit mehreren Angestellten. Könnten sie sich in der Not nicht auch anstellen lassen? Arbeit in Hotels oder Restaurants in den Touristenorten am Meer ist kein Thema. Einerseits werden keine Beduinen angestellt, andererseits arbeiten sie lieber draussen – und Selbstständigkeit ist ihnen enorm wichtig. Wie ernähren sich Beduinen? Viele haben einen Garten. Die Männer gehen ab und zu fischen, und jede Familie besitzt Palmen. Händler sind mit dem Jeep unterwegs. In den Siedlungen gibt es kleine Läden. und die Frauen halten Ziegen und Schafe. Was sagen die Beduinen eigentlich zur arabischen Revolution? Das kann ich kaum abschliessend beantworten. Mitte Mai werde ich sie besuchen und weiss dann mehr. Grundsätzlich gilt: Die Beduinen sind friedliebende Muslime und lehnen Krieg, Gewalt und Diktatur ab. Sie wollen autonom und mit ihren Traditionen, Stammesstrukturen und ihrem Rechtssystem leben und sich nicht in die Politik einmischen. Beduinen sind heute Halbnomaden. Wovon träumt ein Paar? Fast jedes junge Paar träumt vom eigenen Haus und die jungen Frauen von einer Wohnung in einem von der Regierung aufgestellten Block. Die Träume scheitern oft an den Finanzen. Werden die Mädchen noch immer strikte verheiratet? Die arrangierte Heirat gibt es, doch können immer mehr Junge ihre Wünsche äussern. Liebesheiraten sind mir einige bekannt. Haben die Frauen Rechte? Ja, denn in der Wüste sind alle aufeinander angewiesen, helfen einander, und in der Ehe verstehen sich Mann und Frau als Team. An allen Festen und unterwegs kochen immer die Männer. Sie sind symbolisches Mitglied einer Familie. Was heisst das? Wenn ich privat auf dem Sinai bin, wohne ich bei meiner Familie. Ich bin in ihr Leben aufgenommen worden, fühle mich integriert und unterstütze sie finanziell. Ich spreche Arabisch und ihren Dialekt. Wie möchten die Beduinen die Schweizerinnen und Schweizer davon überzeugen, dass sie bei ihnen im Sinaigebiet sicher sind? «Jeder Fremde, jeder Gast von Sylvia steht unter dem Schutz der Muzeni-Beduinen», das ist ein Zitat von Sliman, meinem Trekkingführer und Beduinenbruder. Das ist eine alte Beduinentradition: «Lasst euch in eine andere Welt entführen und zusammen in unserem Rhythmus durch die Wüste ziehen.» Franziska Streun >

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