Zum Hauptinhalt springen

Der Dichter und seine Schüler

Zwischen arrogantem Künstler und tollpatschigem Streber: Jürg Halter bringt mit seiner Band Schule der Unruhe nachdenkliche Poesie und geballte Sounds auf einen Nenner – live gelingt das besonders gut.

Man mag ihn oder mag ihn nicht, Jürg Halter ist der geborene Frontmann: Ganz in Schwarz gekleidet, steht der eher klein gewachsene Dichter – er trägt eine dicke Hornbrille, die Haare streng nach hinten gekämmt – auf der Bühne in Bern, umringt von seinen Schülern der Unruhe. «Ich begrüsse euch zum Unterricht», eröffnet er mit undurchdringlicher Miene das Konzert und liest in schleppend gesprochenem Schweizer Hochdeutsch: «Sehr geehrte Kaiserin Elisabeth, ich weiss weder, warum ich Ihnen diese Zeilen schreibe, noch ob Sie sie je erhalten würden.» Der gesprochene Brief mutet wie ein Gebet an, Halter selbst wie ein Priester. Renommierte Musiker Begleitet wird er von einer Jazz-Combo aus renommierten Musikern der jungen Schweizer Jazzszene, der Pianistin Vera Kappeler, dem Gitarristen Philipp Schaufelberger und dem Schlagzeuger Julian Sartorius. «Spoken Word Songs» heisst die Kunst der Schule der Unruhe. Ihr Debütalbum «La bombe» wurde am Sonntagabend in der Turnhalle des Progr getauft. – Halters monotone Stimme und der strenge Auftritt irritieren anfangs. Hält man dies einen ganzen Abend lang durch? Die Antwort lautet ja. Denn was zuerst steif und vertrocknet-intellektuell wirkt, entpuppt sich als Teil eines abwechslungsreichen und musikalisch hochstehenden Konzertprogramms. – Satter Sound macht die poetischen Texte lebendig, sorgfältig arrangierte Klanggewebe machen die Gedichte zugänglich und verleihen ihnen Ausdruck. Halters Band ist auf der Bühne präsenter als auf der Platte und gewinnt durch das freie Improvisieren an Kraft. So entführt Drummer Sartorius das Publikum im Song «Kernfusion», in dem es um das ewige Kreisen eines Protons und eines Neutrons geht, in kosmische Welten. Die Zeit scheint stillzustehen. Umso erfrischender ist der darauf folgende Refrain «Das Fallen des Regens, das Fallen an sich». Die Band lässt es prasseln und weckt den Saal mit lockeren Melodien aus der Erstarrung. Aus einem Guss kommt auch das «Neue Protestlied» daher. Mit süffisanten Riffs vertont Gitarrist Schaufelberger die Geschichte eines Verzweifelten: «Das Hupen von Millionen von Autofahrern kommt nicht gegen mich an, ich stehe still inmitten, inmitten des Orkans.» Todesengel Endo Überhaupt scheinen die Elemente Halter an diesem Abend in Bern zu gehorchen. Just nachdem er den Titel «La bombe» angekündigt hat, zerklirrt ein Weinglas auf dem Boden. Wohl ein Zufall, doch weiss man das bei ihm nie so genau. Martina Kammermann>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch