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Der Jakobsweg ist ein Lebensweg

Weit und offen liegt das grüne Hügelland im Sonnenlicht: Der Belpberg und die Ausläufer des Längenbergs, das Gürbe- und das Aaretal, in der Ferne das Emmental und die trutzige Schrattenfluh, im Süden die Berner Alpen: Sitzt Marianne Lauener hier, beim Tavel-Denkmal in Rüeggisberg, dann spürt sie ihre Wurzeln und blickt gewissermassen auf ihr Lebenspanorama: In Kehrsatz hat sie einst auf dem elterlichen Bauernhof die Kindheit verbracht, in Riggisberg war sie später als Hauspflegerin tätig, in Frutigen lebt sie heute mit ihrem Ehemann Hannes, einem Tierarzt, sowie den Töchtern Lisa und Anna. Und hier, in der Gemeinde Rüeggis-berg, treffen sich zwei wichtige Äste des Jakobsweges, der luzernische und jener aus dem Berner Oberland. Hier machen die Pilger Rast und oft schon hat auch Marianne Lauener dies getan, denn sie ist Pilgerbegleiterin. Es begann im Kleinen und mit den Kleinen. An ihrem neuen Wohnort Frutigen nahm Marianne Lauener in den Neunzigerjahren am kirchlichen Leben teil und engagierte sich zunächst in der Sonntagsschule. Auch heute noch liegen ihr die Gottesdienste «Fyre mit de Chlyne» am Herzen, auch wenn sie mittlerweile stärker mit der Kirchlichen Unterweisung (KUW) beschäftigt ist und im Turnus das Montagsgebet leitet. Auf die 45-jährige Frau mit der offenen und fröhlichen Wesensart passt die Definition, sie interessiere sich für Gott und die Welt. Ihre Vielseitigkeit wird sogar hörbar – wenn sie bei den «Niesejodler» die 1. Tenorstimme (also Sopran) singt, bei den «Donne da Canto» aber den zweiten Alt, was schon fast als Bass durchgeht. Es ist deshalb kein Wunder, dass ihre Neugier auch erwachte, als sie recht seltsam gewandete Menschen durch Wald und Flur wandern sah, die Pilger auf dem Jakobsweg. Bald stellte sich die Erleuchtung ein, dass es sich dabei keineswegs – wie zunächst angenommen – um «eine rein katholische Sache» handelte; und damit hatte es der gestandenen Protestantin den berühmten Ärmel schon reingezogen. Nun hat Marianne Lauener die chronische Angewohnheit, den Dingen auf den Grund zu gehen, die ihr Interesse geweckt haben. Also liess sie sich im Rahmen des Transnationalen Kooperationsprojekts Europäische Jakobswege zur Pilgerbegleiterin ausbilden; sie war in der Schweiz das erste Exemplar dieser Gattung. Mittlerweile ist sie, mit allem Respekt gesagt, eine alte Häsin. Sie hat weitherum die Verästelungen des Jakobswegs – der ja nicht ein einzelner Pfad ist, sondern ein Wegnetz, ausgerichtet auf das Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela – erkundet, dazu Kirchen und Kapellen, Unterkünfte und Einkaufsmöglichkeiten. Jahr für Jahr bietet Marianne Lauener vier oder fünf Pilgeranlässe an, zum Beispiel das eintägige «Pilgern zwischen den Jahren», eine dreitägige Sternwanderung von Spiez nach Tafers und eine einwöchige Reise auf Schusters Rappen von Schwarzenburg an den Genfersee. Man ist in Gruppen von acht bis zwölf Personen unterwegs, legt täglich 15 bis 20 Kilometer zurück, verpflegt sich aus dem Rucksack und am Abend am Etappenort, man schläft auf einem Bauernhof im Stroh, in einem Privathaus oder in einem Gasthof, wobei Mehrbettzimmer der Normalfall sind. Luxus gibt es nicht, «aber ein Glas Wein durchaus, wenn wir am Abend gemütlich beieinander sitzen», wie Marianne Lauener sagt. Voraussetzung fürs Pilgern ist für sie die Bereitschaft, sich einzulassen auf das, was unterwegs (mit einem) geschieht. «Der Pilgerweg ist ein Lebensweg und der Lebensweg ist ein Pilgerweg, ein Weg des Suchens und auch ein Weg nach innen, einer zu sich selber», erklärt die Frutigerin. Da könne manches ausgelöst werden und in Gang kommen, tief in der Seele, Beglückendes und Schmerzliches, Belastendes und Befreiendes. Dank ihrer warmherzigen Art ist Marianne Lauener prädestiniert, solche Gefühlsregungen oder gar -ausbrüche behutsam aufzufangen und einzubetten in die Pilgerreise – sofern es dem betroffenen Menschen recht ist. Ohnehin schafft die Begleiterin immer wieder Oasen der Einkehr, bei einem «Unser Vater» in einer Kapelle am Wegesrand zum Beispiel, im Rahmen einer thematisch ausgerichteten Meditation am fliessenden Wasser oder indem vereinbart wird, eine Stunde schweigend zu wandern. Wem es gelingt, die Fesseln des Alltag abzustreifen und sich zu lösen von Druck jeglicher Art, dem kann es passieren, dass er anders zurückkehrt als er aufge-brochen ist. «Man wandelt sich wandernd», zitiert Marianne Lauener den von ihr verehrten Benediktinerpater Anselm Grün. Konfrontiert mit dem aus einem deutschen Spielfilm stammenden Spruch, auf dem Jakobsweg suche man entweder sich und finde Gott oder man suche Gott und finde sich, lächelt sie nur und hebt leicht die Schultern: «Beides stimmt, denn Gott ist in jedes Menschen Seele.» Und wann wird Marianne Lauener am Ziel sein, die Kathedrale von Santiago de Compostela betreten, am Kap Finisterre stehen, dem «Ende der Welt»? Die Pilgerbegleiterin winkt ab: «Sollte es sich eines Tages ergeben, wäre das in Ordnung. Aber mir geht es um das Unterwegssein, um das Teilen des Weges mit anderen und nicht um das Erreichen eines geografisch definierten Punkts.» Marianne Lauener hält inne, blickt zu Rudolf von Tavel hinüber und auf das behaglich in der Sonne liegende Bernerland. Dann sagt sie: «Ja, der Jakobsweg endet in Santiago de Compostela – aber er beginnt vor jeder Haustüre.»Erich Kobel www.pilgerbegleitung.ch www.jakobsweg.ch >

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