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«Der Napf ist ein mystischer Kraftort»

christian billauWer durchs Emmental wandert, wohnt meist in der Schweiz. Und kommt bevorzugt im Herbst, wie der Touristiker der Region Emmental erklärt.

Christian Billau, sind Sie als Wanderer häufig im Emmental unterwegs? Christian Billau: Ja, und zwar privat wie auch beruflich. Ich war dieses Jahr schon zweimal auf dem Napf mit Freunden und Bekannten, die das Emmental nicht so gut kennen. Sonst bin ich oft auch mit Journalisten in der Region unterwegs wandernd? Ja, wenn sich Outdoorjournalisten angemeldet haben, sowieso. Klar stehen bei solchen Terminen nicht 5-Stunden-Wanderungen auf dem Programm. Ich beschränke mich darauf, den Leuten Highlights wie das Chuderhüsi oder die Lueg zu zeigen. Oder auch den Napf. Sicher. Eine meiner Lieblingswanderungen führt von der Lüderenalp auf den Napf. Das ist wirklich ein ganz toller Weg. Warum? Er ist nicht allzu anstrengend, aber man wandert während Stunden den Grat entlang und geniesst die tolle Aussicht. Sensationell finde ich die kleinen Beizen unterwegs, manchmal steht auch nur ein Kühlschrank am Wegrand. Man kann sich bedienen und legt einfach zwei, drei Franken in eine Kasse. Die Sicht, die Sie ansprechen, ist in diesen Tagen besonders gut. Hängt es damit zusammen, dass der Herbst im Emmental als die Wanderzeit schlechthin gilt? Ich denke schon. Dazu kommt, dass es nicht mehr so heiss ist wie im Sommer. Im Frühling wiederum hat man das Problem, dass die Temperaturen am Morgen häufig noch fast zu kühl sind. An schattigen Stellen kann zudem noch Schnee liegen. Im Herbst dagegen geniesst man eine angenehme Wärme von 18 bis 20 Grad, und wenn sich darüber hinaus im Oktober das Laub verfärbt, wird die Landschaft richtig bunt. In allen Rot-, Grün- und Gelbtönen, das wird richtig spannend. Und man blickt von oben auf das Nebelmeer. Genau. Der Blick über das im Nebel verhüllte Mittelland hinweg zum Jura hat etwas sehr Schönes. Und etwas sehr Beruhigendes, weil all der Rummel, all das Gewusel in den Städten und Dörfern dort unten plötzlich weg ist. Wer wandert im Emmental? Sagen wir es so: Die Leute werden immer jünger. Wie beim Wandern generell. Ja. Es entspricht einem allgemeinen Trend, dass sich jüngere Leute aus der Stadt vermehrt in der Natur bewegen. Die Wanderbekleidung wird nicht von ungefähr immer modischer und technisch ausgefeilter. Kann das Emmental dieser Generation, die auf Abenteuer und Nervenkitzel aus ist, genügend Spektakel bieten? Es gibt nicht nur diese Bewegung. Viele gerade auch jüngere Leute suchen bewusst die Ruhe, und die finden sie im Emmental. Hier zu wandern, zehrt nicht ganz so an den Kräften wie im Oberland. Weil das Emmental erstens tiefer liegt und zweitens keine Anstiege über mehrere Hundert Höhenmeter kennt. In einer Zeit, in der die Bevölkerung immer unfitter wird, spricht es so automatisch mehr Leute an. Dann stimmt das Klischee nicht, dass das Emmental vor allem die über 50-Jährigen anzieht. Einverstanden, diese Gäste kommen nach wie vor. Die Leute, die ich an einem Sonntagnachmittag auf dem Napf antreffe, sind altersmässig aber bunt gemischt. Woher kommen diese Leute? Wer im Emmental wandert, reist primär aus der Schweiz an. Dabei spielt der Napf als Anziehungspunkt eine wichtige Rolle. Auch wenn er nicht der höchste Berg ist, so hat er als mystischer Kraftort doch eine grosse Bedeutung. Als solcher ist er schweizweit bekannt, und so kommen die Gäste nicht nur aus der näheren Umgebung bis Bern, sondern zum Beispiel auch aus Basel, Zürich oder aus der Ostschweiz. Und aus dem Ausland? Ausländer kommen zum Wandern höchstens dann ins Emmental, wenn sie über Bekannte schon etwas von der Region mitbekommen haben. Also sind es nur sehr wenige. Die Schweizer wiederum werden wohl zum grössten Teil morgens an- und abends wieder abreisen. Und bringen damit nicht viel. Es stimmt, dass die meisten Gäste Tagestouristen sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese im Durchschnitt etwas mehr als 60 Franken ausgeben. Für Essen und Trinken, aber auch für den öffentlichen Verkehr. Das ist relativ wenig. Bei Tagesgästen fehlt in der Tat der wichtigste Teil der touristischen Wertschöpfung, und das ist die Übernachtung. Wenn jemand ein Zimmer mit Frühstück bucht, gibt er schnell weitere 60 Franken aus. Und das Nachtessen kostet nochmals – aus diesem Grund legen wir bei der Vermarktung ein Schwergewicht auf die Übernachtungsgäste. Dann scheint es fast ein Nachteil zu sein, dass das Emmental so gut erreichbar ist und die Leute nicht bleiben müssen. Ganz und gar nicht, die zentrale Lage sehe ich gerade als unseren grossen Standortvorteil an. Die Tagesausflügler sind und bleiben das tragende Element im Emmentaler Tourismus. Jeder Gast ist willkommen. Sie haben bereits vom Napf und vom Weg dorthin geschwärmt. Gibt es weitere Routen, die Sie den Wanderern ans Herz legen? Da gibt es einige. Grundsätzlich mag ich Wanderungen zu Aussichtspunkten, die Route von Röthenbach via Würzbrunnen zum Aussichtsturm auf dem Chuderhüsi etwa. Sehr gerne bin ich auch im wasserreichen Gebiet rund ums Schloss Landshut an der unteren Emme unterwegs. Und natürlich am viel wilderen Oberlauf – am liebsten unterwegs bin ich aber nach wie vor auf dem Weg von der Lüderenalp auf den Napf. Interview: Stephan KünziDer Herbst ist die Wandersaison schlechthin im Emmental. Die Reihe Herbstzeit, Wanderzeit beleuchtet dazu verschiedene Aspekte. >

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